Warum der Chef der größten Krankenkasse PKV und GKV abschaffen will

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Luftaufnahme einer Flussmündung, bei der ein blauer und ein grüner Wasserlauf zu einem Strom verschmelzen.
KI-generiertes Bild (OpenAI, gpt-image-2.5-sunburst): Zwei Flüsse, ein Lauf
Baas' Vorschlag zielt nicht auf eine Einheitskasse, sondern auf ein Zusammenwachsen beider Systeme.

TK-Chef Jens Baas fordert im „Spiegel“ die Abschaffung von privater Krankenversicherung und GKV zugunsten eines Hybrid-Systems. Was er vorschlägt, wie Politik und PKV-Verband reagieren und was das für die Branche bedeuten könnte, zeigt der Überblick.

Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse (TK), fordert im Interview mit dem „Spiegel“ ein radikales Ende des bisherigen Systems. Er will die private Krankenversicherung und die gesetzliche Krankenversicherung abschaffen und durch ein gemeinsames Modell ersetzen. „Wir sollten die private Krankenversicherung abschaffen, die gesetzliche aber auch“, sagt Baas laut dem am 16. Oktober 2026 veröffentlichten Interview.

Private Krankenversicherung: Baas will sie mit der GKV verschmelzen

Anders als Befürworter einer klassischen Bürgerversicherung schlägt Baas kein einheitliches System vor, sondern eine Mischung aus gesetzlicher und privater Krankenversicherung. Sein zentrales Argument: Private Kassen könnten Verträge mit Ärzten, Kliniken und Therapeuten theoretisch deutlich freier gestalten als gesetzliche Kassen.

In der Praxis gelinge das jedoch meist nicht, weil die einzelnen Anbieter dafür zu klein seien. In einem gemeinsamen System ließen sich solche Vorteile dagegen umsetzen, so Baas laut „Spiegel“. Die Altersrückstellungen der privaten Anbieter will er dabei allerdings nicht antasten. „An die Altersrückstellungen der Privaten kommt der Staat nicht ran“, sagt er. Die politische Blockade kritisiert Baas zudem: Jeder verstecke sich in seiner parteipolitischen Wohlfühlecke.

Merz hatte das duale System schon im September infrage gestellt

Baas knüpft damit an eine Diskussion an, die schon seit Ende September geführt wird. Bundeskanzler Friedrich Merz bezeichnete das Nebeneinander von privater und gesetzlicher Krankenversicherung am 22. September 2026 öffentlich als „Gerechtigkeitsproblem“. „Wenn die Bevölkerung das als ein so massives Problem ansieht - und ich teile die Einschätzung -, dann müssen wir daran etwas ändern“, sagt Merz. Noch am selben Tag stellte das Kanzleramt allerdings klar, dass ein Systemwechsel nicht vorgesehen sei.

PKV-Verbandsdirektor Florian Reuther widersprach Merz kurz darauf und warnte vor einer Zwei-Klassen-Medizin für den Fall eines Einheitssystems. Nach seinen Angaben bringen Privatversicherte jährlich rund 15,5 Milliarden Euro zusätzliche Mittel ins Gesundheitssystem ein. Bereits im Juni 2026 bekannte sich Bundesgesundheitsministerin Nina Warken auf der PKV-Jahrestagung zum dualen System aus gesetzlicher und privater Krankenversicherung. Sie bezeichnete es als bewährt und zukunftsfähig. Staatssekretär Tino Sorge ergänzte damals, die private Krankenversicherung sei einer der Stabilisatoren im System.

Kennzahlen zu GKV und PKV im Vergleich

Wie unterschiedlich sich beide Systeme in Größe und Finanzlage entwickeln, lässt sich an aktuellen Kennzahlen ablesen.


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KennzahlGKVPKV
Versicherte74,2 Millionen (Stand 1. Januar 2026), davon 58,6 Millionen Beitragszahler8,79 Millionen Vollversicherte (2025)
Entwicklung-plus 0,5 Prozent gegenüber Vorjahr
Beitragssatz / Beitragseinnahmendurchschnittlicher Zusatzbeitrag 2,9 Prozent (Prognose für 2027 unverändert)Beitragseinnahmen Kranken- und Pflegeversicherung: 54,4 Milliarden Euro (plus 7,3 Prozent, 2025)
Größte EinzelkasseTechniker Krankenkasse: 12,5 Millionen Versicherte, Beitragssatz 17,29 Prozent, Jahresetat 69,2 Milliarden Euro-
Quelle: Bundesgesundheitsministerium, GKV-Spitzenverband, PKV-Verband, Die Techniker

Baas kritisiert auch die Finanzreform der Bundesregierung

Es ist nicht das erste Mal in diesem Jahr, dass Baas öffentlich Kritik an der Gesundheitspolitik der Bundesregierung übt. Schon am 28. April 2026 bezeichnete er in einem TK-Statement das Beitragssatzstabilisierungsgesetz als deutliche Verschlechterung gegenüber früheren Plänen. Nach seiner Rechnung müssten Beitragszahler rund sieben Milliarden Euro der Finanzierungslücke für 2027 schultern, während zugleich der Bundeszuschuss sinke.

Die vom Bundesgesundheitsministerium berufene FinanzKommission Gesundheit legte bereits am 30. März 2026 ihren ersten Bericht mit 66 Reformvorschlägen vor. Unterbleiben Reformen, würde der durchschnittliche GKV-Zusatzbeitrag nach Einschätzung der Kommission von 2,9 Prozent auf 3,7 Prozent im Jahr 2027 steigen. Bis 2030 sei laut Kommission sogar ein Anstieg auf 4,7 Prozent möglich. Der GKV-Schätzerkreis nannte für den Zusatzbeitrag 2027 bereits am 15. Oktober 2026 - also einen Tag vor dem Interview mit Baas - weiterhin den Wert von 2,9 Prozent.

Wer ist Jens Baas?

Jens Baas steht seit dem 1. Juli 2012 an der Spitze der Techniker Krankenkasse, deren Vorstand er schon seit Januar 2011 angehört. Die Kasse zählt rund 12,5 Millionen Versicherte, hat einen Jahresetat von 69,2 Milliarden Euro und ist Deutschands größter gesetzlicher Krankenversicherer. Ihr Beitragssatz beträgt seit dem 1. Januar 2026 17,29 Prozent.

Was der Vorstoß für die private Krankenversicherung bedeuten könnte

Mit seinem Hybrid-Modell bringt Baas eine dritte Position in die Debatte um eine Bürgerversicherung ein: weder ein reines Einheitssystem noch der Status quo. Das Bundesgesundheitsministerium hält bislang am dualen System aus gesetzlicher und privater Krankenversicherung fest. Warken und Sorge bestätigten diesen Kurs im Juni, das Kanzleramt im September.

Für Vermittler, Versicherer und Vermögensverwalter ist dennoch relevant, dass ein solcher Systemumbau die Altersrückstellungen der privaten Krankenversicherung, die Risikoprüfung und die Vertriebsmodelle grundlegend verändern könnte.

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