Roundtable: „Weg von der Ideologie, hin zu den Fakten“

In der Pandemie haben sich viele Menschen mit ihrer Altersvorsorge beschäftigt.

Cash. sprach mit vier Branchenexperten über die Folgen der Coronakrise für die Altersvorsorge, die Bedeutung des Faktors Nachhaltigkeit in der Vorsorgeberatung und ihre Wünsche an die künftige Bundesregierung.

Die Teilnehmer:
Sebastian Engel, Chief Sales Officer der Alpha Real Estate Holding
Markus Knapp, Mitglied des Vorstands der Deutschen Vermögensberatung
Christian Nuschele, Head of Sales and Marketing bei Standard Life Deutschland
Andreas Schrobback, Geschäftsführer der AS Unternehmensgruppe

Welchen Eindruck haben Sie nach fast zwei Jahren weltweiter Pandemie: Hat die Coronakrise die Menschen stärker für das Thema Altersvorsorge sensibilisiert? 

Knapp: Zu Beginn der Coronakrise haben die Kunden unseren Beratern viele Fragen gestellt, die eher kurzfristig orientiert waren. Für viele Menschen ging es darum, wie es mit den bestehenden Verträgen weitergeht: Kann ich mir das noch leisten? Was ist, wenn ich in Kurzarbeit gehen muss? Mit dieser Situation wurden unsere Berater konfrontiert. Ich ziehe heute noch den Hut vor allen Beratern, die ihren Kunden damals so schnell zur Verfügung gestanden und ihren Beratungsbedarf gedeckt haben, denn wir waren ja alle verunsichert, wie man mit der Situation umgehen soll. Nach dieser ersten Phase haben wir dann gespürt, dass die Menschen Zeit hatten, sich mit Vorsorgethemen zu beschäftigen: Wie geht es an den Aktienmärkten weiter, was passiert mit meinen Anlagen? Auch in den Bereichen Gesundheit und Krankenversicherung war ein hoher Beratungsbedarf da. Corona hatte in den Köpfen der Menschen ausgelöst, mal wieder über diese Themen nachzudenken. Der Anlass war da und die Ruhe dafür auch. Ich kann aber nicht bestätigen, dass dies nachhaltig dazu geführt hat, dass die Menschen generell einen anderen Standpunkt zum Thema Altersvorsorge eingenommen haben. Sie müssen weiterhin angesprochen werden, man muss ihnen die Ist-Situation aufzeigen. Dann ist auch die Bereitschaft da, langfristig etwas für die Altersvorsorge zu tun. Unsere Befürchtung, dass die Menschen nach Lockerung der Corona-Regeln erstmal ihren aufgestauten Konsumhunger und ihre Reiselust befriedigen wollen und sich gar nicht mehr um Vorsorgethemen kümmern, hat sich allerdings auch nicht bestätigt.

Engel: Im Immobilienbereich hat der Markt zu Beginn der Coronakrise für kurze Zeit stagniert, weil niemand wusste, was auf uns zukommt. Vielen Menschen, die Angst um ihren Arbeitsplatz hatten oder in Kurzarbeit gehen mussten, wurde erst richtig bewusst, was es bedeutet, wenn sie ihre eigengenutzte Immobilie bereits abbezahlt hätten. Dann wäre ihr finanzielles Wohlbefinden deutlich größer gewesen – ob als Selbstnutzer oder Kapitalanleger. Nach der Stagnation kam eine Anfragewelle auf uns zu, die wir so schnell gar nicht abarbeiten konnten. Die Wohnimmobilie hat durch die Krise einen noch höheren Stellenwert in der Altersvorsorge bekommen. 

Schrobback: Wir haben identische Erfahrungen gemacht. Im Vertrieb haben wir zunächst eine Stagnation wahrgenommen. Die Vertriebspartner konnten schlechter in persönliche Termine gehen, es konnten also insgesamt wenig Präsenztermine stattfinden. Das hat sich in den Beurkundungen und damit im Umsatz bemerkbar gemacht. Als sich dann immer deutlicher herausgestellt hat, dass „die Welt doch nicht untergeht“ und auch nicht die Hälfte der deutschen Arbeitnehmer plötzlich arbeitslos werden, hat sich die anfängliche große Verunsicherung und die Zukunftsangst sehr schnell um 180 Grad gedreht. Etwa ab Sommer 2020 hatten wir einen regelrechten Ansturm von Kunden- und Vertriebsanfragen, die selbstständig und verstärkt Wohnungen zur Kapitalanlage nachgefragt haben. Jahrelang war die vermietete Wohnung zur Kapitalanlage, ob Denkmal oder Bestand, ein sehr beratungsintensives Produkt, welches man sicherlich nicht als sogenanntes „Massenprodukt“ für die breite Bevölkerung bezeichnen konnte. Dies hat sich durch die Corona-Pandemie stark verändert. Die Wohnimmobilie galt als Gewinner der Krise – robust, solide und resilient, gerade im Vergleich zu anderen Immobilien-Assetklassen, die leider stark von den Auswirkungen der Coronakrise betroffen waren, wie beispielsweise Hotellerie und Gastronomie. Ich glaube, dass den Menschen durch diese Krise sehr viel bewusster geworden ist, wie wichtig es ist, finanziell unabhängig zu sein – durch zusätzliches passives Einkommen neben dem Arbeitseinkommen.

Nuschele: Wir haben uns mal angeschaut, wie sich das Sparverhalten und die Sparmotive der Deutschen in der Krise entwickelt haben. Die Zahlen des Statistikbundesamtes zeigen, dass sich da gar nicht so viel getan hat, das Sparmotiv Altersvorsorge ist nicht nach oben geschnellt. Es gab eine leichte Tendenz in Richtung Immobilien – also nicht nur die Anschaffung von Immobilien, sondern auch die Renovierung des Eigenheims. Daneben war der Notgroschen ein starkes Motiv, aufgrund der allgemeinen Verunsicherung und der mangelnden Möglichkeiten, wie gewohnt zu konsumieren. Was die Altersvorsorgeprodukte betrifft, gab es eine massive Delle bei der betrieblichen Altersvorsorge – speziell in der ersten Hälfte der Pandemie, was sich mit der vielen Kurzarbeit erklären lässt. Und wir haben eine deutliche Tendenz in Richtung kapitalmarktorientierter Altersvorsorge festgestellt. Wir sehen aber auch einen Unterschied in der Neugeschäftsstruktur: Wir haben tendenziell eine geringere Steigerung im Bereich der Stückzahlen als im Bereich der Volumina. Die einzelnen Abschlüsse, für die sich Kunden entscheiden, sind größer als vor der Krise. Insbesondere Menschen mit viel verfügbarem Vermögen sind qualifiziert in die Frage eingestiegen, wie sie ihre Vorsorge organisieren. Sie haben die Pandemie genutzt, um ihre Absicherung noch einmal Revue passieren zu lassen, und haben sich intensiv beraten lassen. 

Laut einer Deka-Studie setzen die Deutschen bei der Altersvorsorge mittlerweile vermehrt auf Wertpapiere. Inzwischen legt jeder Vierte Geld auch in Aktien, Fonds, Anleihen oder Zertifikaten an, wie die Umfrage zeigt. Wie erklären Sie sich diese neue Risikobereitschaft? 

Knapp: Die neue Risikobereitschaft hat schon vor Corona begonnen, und zwar aufgrund der Niedrigzinspolitik. Wenn man für den Anleger auf Dauer einen Werterhalt oder eine Steigerung seines eingesetzten Kapitals erreichen möchte, muss man in Realwerte investieren. Es ist Kultur der DVAG, dass unsere Vermögensberater ihren Kunden dabei helfen, an den Kapitalmärkten das beste Ergebnis zu erzielen und sich nicht mit den Zinsen einer Bank zufrieden zu geben. Bei uns lag die Quote im fondsgebundenen Geschäft schon vor Corona bei 85 Prozent, jetzt sind es 90 Prozent.

Nuschele: In der Vergangenheit haben eher die ausgewogenen Portfolios mit mehreren Risikoklassen dominiert. Jetzt geht die Tendenz sehr viel stärker in Richtung Chancenorientierung. Was die Geschäftsstruktur angeht, konnte man im ersten Halbjahr 2021 feststellen, dass die Unit-Linked-Geschäfte ohne Garantien branchenweit um 40 Prozent gestiegen sind, bei einem stagnierenden oder sogar rückläufigen Gesamtmarkt. Es hat also tatsächlich eine Hinwendung zu kapitalmarktorientierten Produkten stattgefunden. Bei den hybriden Produkten, die zwar im weitesten Sinne auch fondsgebunden sind, aber eben auch Garantien abbilden, gab es einen leicht rückläufigen Trend von -7,5 Prozent. Es gibt verschiedene Gründe für die gestiegene Risikobereitschaft, zum Beispiel die Verwahrentgelte der Banken und die Erkenntnis, dass die Inflation zurückkommt. 

Engel: Gerade für Selbstständige ist der Negativzins ein großes Problem. Viele bekommen von ihren Banken gerade mitgeteilt, dass sie ab 1. Dezember 2021 ab dem ersten Euro im Guthabenbereich -0,5 Prozent Verzinsung leisten müssen. Dadurch entsteht ein immenser Investitionsdruck. Grundsätzlich finde ich es ratsam, das Vermögensportfolio zu diversifizieren. Und es macht im Moment einfach Sinn, in Ansparprodukte zu investieren, weil die Finanzierungskonditionen aktuell historisch günstig sind.

Andreas Schrobback: „Viel zu wenig finanzielle Bildung“

Der Garantiezins wird im nächsten Jahr auf 0,25 Prozent sinken. Wie wird sich das auf die Bereitschaft der Deutschen zur Altersvorsorge auswirken? 

Knapp: Ich glaube nicht, dass ein Zins von 0,25 oder 0.9 Prozent einen Kunden für einen langfristigen Sparvertrag beeinflussen kann. Niemand macht sich bei diesem Zinsniveau auf den Weg, um für 20 oder 30 Jahre Kapital anzusparen. Was die konkreten Auswirkungen der Garantiezinssenkung auf die Altersvorsorge betrifft: Die Anleger, die dafür sensibilisiert sind und eine gute Beratung an ihrer Seite haben, werden die für sie passende Lösung finden. Ich prognostiziere, dass die Zinssenkung mit Ausnahme der geförderten Produkte, bei denen der Zins mit der Beitragserhaltsgarantie eine Rolle spielt, für das sonstige Altersvorsorgegeschäft keine Rolle spielt.

Nuschele: Kurzfristig muss ich da leider widersprechen. Es ist schon jetzt so, dass die Aktuare bei den Versicherungen das Geschäft mit dem 0,9-prozentigen Rechnungszins nicht mehr haben wollen. Die Absenkung auf 0,25 Prozent wird zu massiven Problemen führen. Was jetzt passiert ist, dass die ersten Vertriebsverantwortlichen der Versicherer Kampagnen lostreten, die sich „Garantiezinsretter“ nennen oder ähnlich. Wie können die Anbieter ernsthaft mit diesem Argument versuchen, zusätzliche Neuabschlüsse zu machen, wenn man doch weiß, dass auch sie eigentlich der Meinung sind, dass man so etwas nicht mehr aufrechterhalten sollte. Das ist ein fast schon schizophrenes Verhalten. Für die Kunden kann man nur hoffen, dass da eine differenzierte und qualifizierte Beratung stattfindet. Auf das Neugeschäft wird sich der 0,25-prozentige Rechnungszins nicht wirklich auswirken, weil der Garantiezins außerhalb der bAV sowieso keine große Rolle mehr gespielt hat, das setzt sich nun fort. Allerdings werden auch die biometrischen Absicherungen, die zu großen Teilen ja durch Deckungsstöcke hinterlegt sind, eine Preisverschiebung erleben, teilweise sogar im zweistelligen Bereich. Die Niedrigzinsphase wird noch eine Weile anhalten, umso wichtiger ist die Kapitaldeckung und die Diversifizierung des Portfolios, zum Beispiel mit Immobilien. 

Dann lassen Sie uns von den fondsgebundenen Produkten zu den Immobilien springen, Immobilien als Altersvorsorge. Deutschland ist in Sachen Eigentumsquote nach wie vor das Schlusslicht in Europa. Welche Maßnahmen könnten diesen Zustand beenden?

Schrobback: Beratung und Aufklärung. Die Deutschen haben leider größtenteils viel zu wenig finanzielle Bildung was die Themen Finanzierung, Investitionen, Darlehen und steuerliche Abschreibung anbelangt. Man lernt das weder in der Schule noch bekommt man es von seinen Eltern mitgegeben. Viele Menschen haben hierzulande schlichtweg keine grundlegende finanzielle Ausbildung und haben deshalb Angst vor Banken, fremdfinanzierten Immobilien, dem Finanzamt, möglichen Risiken bei Fremdvermietung etc. Hinzu kommen die Hürden, die den Käufer in Deutschland beim Kauf von Anlageimmobilien, aber auch eigengenutzten Immobilien, beeinträchtigen. Hohe Erwerbsnebenkosten und ewig lange behördliche Prozesse bei Baugenehmigungsverfahren sind da nur einige wenige Beispiele. Das schreckt den normalen Verbraucher enorm ab. Diese Probleme müssen dringend gelöst werden.

Engel: Die Politik ist gefragt: Die Wohnimmobilienkreditrichtlinie, die den Markt flexibler gestalten soll, hat es für ältere Menschen fast unmöglich gemacht, eine Finanzierung zu bekommen. Bei jüngeren Anlegern sieht es nicht viel besser aus: Wie soll sich jemand, der zwischen 20 und 30 Jahre alt ist, Erwerbsnebenkosten in Höhe von 20.000 bis 30.000 Euro leisten können? Die Politik ist meines Erachtens dazu angehalten, attraktive Investitionsanreize zu schaffen. Ziel sollte es sein, an der Schraube der Erwerbsnebenkosten zu drehen, um diese zu senken. Wenn die Menschen in der Rente über abbezahlten Wohnraum verfügen, würde das auch den Sozialhaushalt entlasten. Und das sollte auch im Interesse des Staates sein.

Schrobback: Die politische Richtung, die sich momentan leider in weiten Teilen unseres Landes durchzusetzen scheint, ist weder investorenfreundlich noch käuferfreundlich für private Anleger und letztlich auch nicht sehr marktwirtschaftlich. Sie geht inhaltlich massiv in Richtung Vergesellschaftung. 

Knapp: Der Wunsch nach der eigenen Immobilie ist bei den Kunden ungebrochen hoch, das erleben wir in den Beratungsgesprächen. Allerdings haben sich die Rahmenbedingungen deutlich verändert: Die Preise sind extrem gestiegen, deshalb ist der Hauskauf für viele Menschen nicht mehr realisierbar. Wenn die Politik jetzt zusätzlich noch den Eindruck vermittelt, sie würde die Altersvorsorge der Bürger allein auf die Beine stellen – was nicht funktionieren wird – dann könnte das zu einem zusätzlichen Bruch in den Bemühungen führen, die Eigeninitiative der Menschen zu fördern. Der Staat ist gefordert, bessere Rahmenbedingungen für Investitionen zu schaffen, es gibt zu viele Auflagen. In anderen europäischen Ländern kann Immobilieneigentum zu viel günstigeren Konditionen erworben werden als in Deutschland.

Markus Knapp: „Das Thema Regulatorik hat uns immer wieder vor neue Aufgaben gestellt.“

Engel: In Berlin dauert es teilweise drei bis fünf Jahre, bis eine Baugenehmigung erteilt wird. In dieser Zeitspanne kann viel passieren. Gerade heutzutage, in der die Digitalisierung im Fokus steht, ist es eigentlich undenkbar, dass die Erteilung einer Baugenehmigung so viel Zeit in Anspruch nimmt. Es muss doch möglich sein, diesen Prozess in drei bis sechs Monaten abzubilden. 

Schrobback: Die Problematik ist nicht nur der langwierige behördliche Genehmigungsprozess. In Berlin, und ich denke auch in vielen anderen Metropolen, ist die öffentliche Verwaltung hoffnungslos überfordert. Dies liegt zum einen an der personellen Unterbesetzung und zum anderen an der technischen und digitalen Infrastruktur. Man fasst sich an den Kopf, wenn man dann hört, dass der Berliner Senat für mehr als zwei Milliarden Euro Wohnungsbestände zurückkauft, die er vor einigen Jahren selbst verkauft hat, anstatt dieses Geld zu nutzen, um den Neubau voranzutreiben, Personal aufzubauen sowie die Ämter und die öffentliche Verwaltung zu digitalisieren.   

Welche Form der Anlage überwiegt derzeit im Immobilienbereich, der Kauf zur Eigennutzung oder als Kapitalanlage? Und wie viel Rendite muss ein Investment abwerfen, um als Altersvorsorge attraktiv zu sein?

Engel: Es ist wichtig, überhaupt in Immobilien zu investieren, egal ob zur Eigennutzung oder als Kapitalanlage. Es zahlt sich beides im Alter aus. Bei der Renditeimmobilie hat der Kapitalanleger darüber hinaus die Möglichkeit, vom sogenannten Leverage-Effekt zu profitieren. Dieser beschreibt die Hebelwirkung des Fremdkapitals auf die Eigenkapitalrentabilität. So ist der Anleger in der Lage, auch mit wenig Eigenkapital hohe Summen zu entschulden. Viele Anleger sind irritiert, wenn ihnen erklärt wird, dass die Abzahlung einer Immobilie, die grundbuchrechtlich gesichert ist, auch mit einem Sparbeitrag in Höhe von 100 Euro zu realisieren ist. Doch das funktioniert – aufgrund der derzeitigen Niedrigzinsphase. Wir bei der Alpha Real Estate Group haben uns auf krisensichere Bestandsimmobilien fokussiert, die undermanaged sind – also wohnwirtschaftlich genutzte Gebäude, die noch nicht überhitzt sind und Renditepotenziale aufzeigen. Unsere Kunden profitieren von einem Full-Service-Konzept, das auch das Problem des nachhaltigen Managements löst. Das nimmt vielen Anlegern die Angst, in eine Bestandsimmobilie zu investieren. 

Schrobback: Wir sind ausschließlich im Bereich Kapitalanlageimmobilien unterwegs und haben nur selten Anfragen von Kunden, die eine Wohnung für den Eigennutz erwerben wollen. Grundsätzlich steht aber sowohl die Immobilie zum Eigennutz, die im Alter die Miete spart, als auch die Immobilie zur Vermietung im Fokus. Wir merken allerdings in der Beratung, dass Kunden, die noch gar nicht über Immobilienvermögen verfügen, zu allererst eine eigengenutzte Immobilie erwerben wollen und dann erst über eine Kapitalanlageimmobilie nachdenken. Ich würde das aus steuerlichen und kapitalbildenden Gründen genau andersherum machen, also mit einer vermieteten Immobilie erstmal einen Kapitalstock aufbauen. Aber so ist eben die Mentalität der Leute und so werden sie schon im frühen Alter geprägt.

Christian Nuschele: „Es muss attraktiver werden, privat vorzusorgen.“

Das Thema Nachhaltigkeit ist der Megatrend der kommenden Jahre. Welche Rolle spielt es derzeit im Vertrieb und wie wirkt es sich auf den Bereich Altersvorsorge aus? 

Nuschele: Schon in diesem Jahr waren aufgrund der Offenlegungsverordnung bestimmte Anpassungen vorzunehmen. Wir müssen nun über unseren eigenen ESG-Ansatz berichten und zu jedem Investment, das wir anbieten, ein ESG-Fact-Sheet veröffentlichen. Darin steht aber nur, ob das Investment ein Fonds nach Artikel 8 oder 9 der Offenlegungsverordnung ist, die Interpretation obliegt im Endeffekt dem Kunden. Es ist also noch nicht so richtig viel in Richtung Transparenz und Guidance passiert. Wir haben aber viel ausgebildet: Wir haben Webinare zum Thema ESG abgehalten, die auf großes Interesse gestoßen sind. Hunderte von Beraterinnen und Beratern haben daran teilgenommen. Und wir haben eine Trainingsreihe etabliert, in der wir unsere Partnerinnen und Partner beim Aufbau eines nachhaltigen Vermittlerbetriebs unterstützen. Da entsteht schon was. Die Frage ist, wie viel davon letztlich in der Beratung ankommt. In der Liste der Fonds, die am liebsten angeboten werden, taucht zwar der ein oder andere nachhaltige Fonds auf. Aber meistens ist immer noch das Rendite-Risiko-Profil entscheidend, nicht so sehr der Nachhaltigkeitsgedanke. Hinzu kommt, dass viele Vermittler unzufrieden sind, weil es im nächsten Jahr schon den nächsten Regulierungsschritt geben wird, von dem sie aber noch gar nicht wissen, wie er konkret aussieht. Die neuen Regeln werden jetzt erst geschrieben und die Vorbereitungszeit wird wie immer bei übergeordneter EU-Regulatorik relativ kurz sein. Das wird Anbieter, Berater und Kunden vor Herausforderungen stellen. 

Knapp: Das Thema Regulatorik hat uns in den letzten Jahren immer wieder vor neue Aufgaben gestellt. Die Nachfrage nach ESG-konformen Altersvorsorgeprodukten hält sich bei uns noch in Grenzen. Einzelne Kunden fragen gezielt danach, andere interessiert das überhaupt nicht. ESG ist derzeit ein großes Trendthema, aber wie so viele andere Themen, die eine große Aufmerksamkeit erregen, wird es auch wieder abebben und zur Selbstverständlichkeit werden. Keiner von uns wird ja bestreiten, dass eine Kapitalanlage mit Blick auf Themen wie Kinderarbeit oder Waffengeschäfte „sauber“ sein muss. Aber natürlich beschäftigen wir uns auch bei der DVAG mit der Frage, wie wir noch nachhaltiger werden und daran arbeiten können, dass unser CO2-Abdruck kleiner wird. Wir sind alle gefordert, daran mitzuwirken, diese Verantwortung haben wir gegenüber der Welt und unserer Gemeinschaft. Wir erarbeiten mit unseren Produktpartnern Lösungen, mit denen man sowohl die Performance als auch die Nachhaltigkeit sauber auf die Beine bekommt. Da werden wir im nächsten Jahr noch bessere Lösungen anbieten können, als wir das heute schon tun.

Wie wirkt sich das Thema ESG im Immobilienbereich aus? Wie viel Klimaschutz verträgt das Wohnen, bevor es so teuer wird, dass Investitionen abgewürgt werden?

Schrobback: Das zeigt ein Blick auf die Entwicklung der letzten Jahre: Vor knapp 17 Jahren gab es eine Hand voll Bauvorschriften, jetzt sind es mehrere Tausend. Hinzu kommen Auflagen der Energieeinsparverordnung, die politisch und klimatechnisch sicher gut gemeint sind, in der Praxis aber leider nicht den gewünschten Effekt erzielen – außer dass sich die Bauvorhaben verlangsamen und verteuern. Die Frage nach der Sinnhaftigkeit sollte man sich da vermehrt stellen. Wir sind mittlerweile an einem Punkt, an dem auch Fragen und Gefahren von später möglichen Zwangsumlagen auf die Eigentümer von Immobilien zukommen. Was wird zukünftig politisch gefordert und umgesetzt? Die Politik sollte und muss mit der Bauindustrie sprechen und gemeinsam Lösungen erarbeiten, statt Restriktionen von oben durchzusetzen und – nur mit dem Klimaschutz im Auge – die Konsequenzen nicht zu bedenken.

Sebastian Engel: „Ein Mietendeckel schadet dem Markt und letztendlich auch den Menschen.“

Engel: Bei den Bestandsimmobilien gibt es noch gar keine entsprechende Regulierung, was völlig verrückt ist. Es gibt den ein oder anderen Anbieter, der eine ESG-Due-Dilligence macht und die technische Ausstattung des Objekts mit Blick auf das Umweltthema genau scannt. Es ist aber noch nicht festgeschrieben, worauf bei Bestandsimmobilien diesbezüglich zu achten ist. Das hat die Politik bisher verpasst, es besteht noch Nachholbedarf.

Dann lassen Sie uns zum Schluss noch in die politische Zukunft blicken: Was erhoffen Sie sich von der künftigen Bundesregierung in Sachen Altersvorsorge? 

Schrobback: Weniger Regulierung, weniger Restriktionen, mehr offene Kommunikation mit der Wirtschaft, um die Konsequenzen aus den einzelnen Gesetzgebungsverfahren bereits im Vorfeld zu bewerten. Weniger Verbote, mehr Selbstbestimmung, mehr soziale Marktwirtschaft, weniger staatliches Füllhorn und Transferleistungen.

Engel: Ein Mietendeckel und ein Aufteilungsverbot schaden dem Markt und damit letztendlich auch den Menschen. Mein Appell lautet: Stellt die Kauferwerbsnebenkosten auf den Prüfstand und reformiert sie. Nur so gelingt es uns, die Menschen zu mehr Investitionen in Immobilien zu bewegen und die Eigentumsquote zu erhöhen. 

Knapp: Meine Hoffnung ist, dass sich die Politik der Realität stellt und den Bürgerinnen und Bürgern die Karten offen auf den Tisch legt – zum Beispiel, dass wir schon jetzt eine Staatsquote von 30 Prozent auf die gesetzliche Rentenversicherung haben. Wenn wir das so weiterlaufen lassen und das Rentenalter so lassen wie es ist, laufen wir auf 50 Prozent zu. Ich würde mir wünschen, dass die Politik verantwortungsvoll mit diesem Thema umgeht, auch unter dem Stichwort Generationengerechtigkeit. Außerdem sollte mal darüber gesprochen werden, dass die aufgrund der Staatsverschuldung künstlich gehaltenen Zinsen dafür gesorgt haben, dass konventionelle Altersvorsorgeprodukte nicht mehr funktionieren. Und die Politik darf den Bürgern nicht das Gefühl geben, dass Eigenvorsorge nicht mehr notwendig ist. In den Wahlprogrammen wurde diskutiert, ob wir irgendwelche Deutschlandrenten oder Staatsfonds brauchen. Wir sehen die Gefahr, dass da etwas Neues geschaffen wird und die Menschen das Gefühl haben, dass sie gar nicht mehr selbst vorsorgen müssen. Ein Gefühl, das am Ende des Tages nicht aufgehen kann. Ein weiterer Wunsch an die Politik wäre, dass sich Beratung auch künftig lohnen muss. Es darf nicht sein, dass die Menschen, die die Bürger aufklären, nicht adäquat vergütet werden. Die Leistung der Beschäftigten in der Finanzdienstleistungsbranche muss respektiert werden.

Nuschele: Alle Parteien sahen in ihren Wahlprogrammen den Ausstieg aus der Riester-Rente vor. Das ist völliger Unsinn und ein Vertrauensbruch, den man sich nicht erlauben darf. Ein Schlag ins Gesicht für Millionen von Deutschen. Die Riester-Rente muss reformiert werden, vielleicht auch umbenannt, die Fördergrundlagen müssen überdacht und die Kapitalmarktorientierung gestärkt werden. Ich würde mir eine deutliche Vereinfachung des Konzepts wünschen. Auch generell würde ich mir eine Vereinfachung wünschen, die Förderkriterien für die private Altersvorsorge sind undurchsichtig und unsinnig, teilweise gibt es Zwangsverrentungen, die dazu führen, dass sich niemand dafür interessiert. Auch die Einschränkung in der Vererbbarkeit ist ein absolutes No-Go. Es muss einfach attraktiver werden, privat vorzusorgen. Ein großes Thema ist auch das Vertrauen in den Markt. Wir haben ein gut funktionierendes System im Bereich der unabhängigen Finanzberatung, kein Mensch braucht ein Provisionsverbot. Es macht keinen Sinn, mir ist immer noch nicht klar, wo diese Marktverwerfungen und Fehlanreize stattfinden sollen. Wir müssen weg von dieser Ideologie, hin zu Fakten und Realpolitik. 

Die Diskussion leitete Kim Brodtmann, Cash.

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