Prokrastination: Wenn uns das innere Team auf der Nase rumtanzt

Foto: Verena Reinke
Mareike Fell

Aufschieberitis – klingt da was bei Ihnen an? Dann lesen Sie unbedingt weiter! Die Fürstenberg-Kolumne mit Mareike Fell

Na? Wie geht es Ihnen? Wo erwische ich Sie gerade? Ich möchte Ihnen heute ein Phänomen aus meiner Beratung* vorstellen, wie es mir am Fürstenberg Institut immer wieder begegnet:

„Ich muss das Projekt morgen starten, damit es bis Donnerstag fertig ist.“ Gesagt – nur leider oft nicht getan! Der Wille ist da, aber irgendwie kommt immer was dazwischen – und dann ist Mittwochabend und nix ist geschafft. Dann tauchen ein paar ungemütliche Gesellen auf: Der Frust, das schlechte Gewissen, die Wut auf sich selbst – es entsteht wahrer Leidensdruck. Wie jetzt da raus?

Das Problem der umgangssprachlich so genannten Aufschieberitis hat einen professionellen Namen: Prokrastination. Und diese wird tatsächlich auch offiziell als Krankheitsbild anerkannt. Aufgrund des damit einhergehenden zum Teil hohen Leidensdrucks gilt es als pathologische Störung, die überwiegend Personen betrifft, die Aufgaben, Prozesse und Ziele selbstbestimmt zu erledigen haben.

Die neuen Arbeitsformen seit Corona bringen häufig genau dieses selbstbestimmte Arbeiten als Voraussetzung mit, weshalb sich bei mir vermehrt Menschen gemeldet haben mit dem Problem der Prokrastination, die sie zuvor – eingebunden in geregelte Prozesse am Arbeitsplatz – nicht hatten. Ohne die gewohnte Struktur fehlt manchen Menschen die Selbststeuerung. Was nun?

In meiner Arbeit schaue ich dann mit den Klient*innen auf das innere Team, ausgehend von der Frage, wer eigentlich den Bus fährt?

Das Bild veranschaulicht das Problem mit der Prokrastination ganz gut: Bestenfalls bestimmen wir selbst! Wir bestimmen die Ziele, die Richtung, das Tempo, die Strategie – manchmal lassen wir uns aber ins Steuer greifen: Je nach Überzeugung (Glaubenssätzen) oder Erfahrung greift zum Beispiel die Angst ins Lenkrad („Das schaffe ich nicht! Die Komfortzone wird besser nicht verlassen.“), im Falle der Aufschieberitis greift auch gerne mal der Faulpelz ein. Dieser Geselle ist ziemlich verpönt, dabei schätze ich den Faulpelz als gesundes Gegenüber zum Perfektionisten, den alten Miesepeter – nichts ist ihm gut genug! In vielen Momenten ist es also richtig , wenn uns der Faulpelz mal ausbremst, in anderen Kontexten stört er aber!

Dann ist es wichtig, echte Leader-Qualitäten zu beweisen und sich durchzusetzen! Zudem gibt auch noch den Trotz, die Vernunft, die Neugier, die je nach Situation und gesetztem Ziel oder Aufgabe am Steuer einfach nichts zu suchen haben. Mir ist allerdings immer wichtig zu betonen, dass wir alle unsere Anteile mal brauchen – sie sind alle wertvoll!

Wir sollten allerdings der Bestimmer sein. Wie geht das jetzt? Indem wir unseren Anteilen Fragen stellen, zum Beispiel: „Soll ich jetzt wirklich Laufen gehen?“ Oder: „Soll ich jetzt wirklich netflixen, statt das Projekt zu Ende zu bringen?“ Im Weiteren brauchen wir nur mal hinzuhören, wer was dazu zu sagen hat: Die Angst wird ihre Meinung dazu haben und auch die Vernunft („Besser, wir erledigen das jetzt. Du kannst nach getaner Arbeit netflixen.“). Auch der Faulpelz kommt zu Wort, die Müdigkeit und wer einem noch so einfällt. Und dann entscheiden wir: Wer bringt mich bestmöglich an mein Ziel? Den setzen wir ans Steuer. Wir bestimmen und leiten unser weiteres Handeln davon ab.

Mein ganz persönlicher Tipp: Tun sie es „Trotz-dem“! Der Trotz ist meiner Meinung nach die am stärksten unterschätzte Kraft in uns. Wer fährt denn gerade Ihren Bus?

Hier meine Tipps, um die Prokrastination in den Griff zu bekommen:

  • Fragen Sie sich, wer Ihren Bus gerade fährt und gleichen Sie die Richtung mit dem von Ihnen gesetzten Ziel ab: Passt das so?
  • Wenn nicht, gilt es über Befragen anderer innerer Anteile herauszufinden, wer besser ans Steuer sollte.
  • Daraus leiten sich die nächsten Handlungsschritte ab, vor allem aber auch die Schaffensenergie für die Umsetzung.
  • Sollte der Leidensdruck zu groß werden, zögern Sie jedoch nicht, sich professionelle Hilfe zu holen.

*Der Fall wurde mit dem Einverständnis der Betroffenen anonymisiert.

Autorin Mareike Fell ist systemischer Coach und Heilpraktikerin für Psychotherapie und ist als Beraterin und Trainerin in der externen Mitarbeiterberatung für das Fürstenberg Institut tätig. Internet: www.fuerstenberg-institut.de

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