Niki Winter: „Diesen Test werden nicht alle Start-ups bestehen“

Foto: Willis Towers Watson
Niki Winter

Cash.-Interview mit Dr. Niki Winter, Leiter der Lebensversicherungsberatung bei Willis Towers Watson, über Chancen und Risiken für deutsche Insurtechs.

Wie schätzen Sie den Markt für Insurtechs in Deutschland derzeit ein?

Winter: Das „Insurtech Briefing“ von Willis Towers Watson zeigt, dass 2021 ein absolutes Rekordjahr für weltweite Insurtech-Finanzierungen war, welches die ebenfalls schon sehr guten Jahre 2019 und 2020 noch einmal übertroffen hat. Die deutsche Insurtech-Szene ist von der internationalen Entwicklung nicht entkoppelt, was sich in einigen spektakulären Finanzierungen gezeigt hat. Dies unterstreicht das grundsätzliche Vertrauen von Investoren in dieses Segment. Gründer mit neuen, innovativen Ideen werden auch weiterhin Finanzierungspartner finden. Start-ups, die mit der x-ten Variation einer bereits existierenden Idee antreten, werden es zunehmend schwer haben. Die Insurtech-Szene ist sehr heterogen und umfasst sowohl Start-ups, deren Lösungen einzelne Aspekte der Wertschöpfungskette adressieren, als auch Start-ups, die als digitaler Versicherer mit eigener Lizenz operieren. Dementsprechend unterschiedlich ist auch die Marktsituation der einzelnen Unternehmen. Nach dem Gründungs-Boom der vergangenen Jahre sehen wir aber auch, dass sich immer mehr Unternehmen dem „Moment der Wahrheit“ nähern und nachweisen müssen, dass sie mit ihrem Angebot und ihrem Geschäftsmodell am Markt bestehen können. Diesen Test werden sicher nicht alle Start-ups bestehen.

Die traditionellen Versicherungshäuser scheinen aufzuholen. Wird der technologische Vorsprung der Insurtechs kleiner?

Winter: Die deutsche Insurtech-Szene hat sich, im Unterschied zu vielen anderen Ländern, schon früh durch einen mehrheitlich kooperativen Umgang mit den etablierten Playern ausgezeichnet. Dieser Ansatz, in Verbindung mit eigenen, internen Digitalisierungsbestrebungen, führt dazu, dass auch traditionelle Versicherungsgesellschaften immer digitaler werden. Dennoch stehen viele Versicherer noch am Anfang des Prozesses, zu datengetriebenen und technologiebasierten Unternehmen zu werden. Diese Entwicklung wird noch viele Innovationen erfordern.

Insurtechs, die selbst das Risiko tragen und nicht auf Versicherungspartner zurückgreifen wollen, benötigen dafür eine Bafin-Lizenz. Diese soll künftig laut einer Ankündigung im „Bafin-Journal“ nur noch erteilt werden, wenn das Start-up am Tag des Lizenzantrags die vollständige Ausfinanzierung nachweisen kann. Wie bewerten Sie das? 

Winter: Es ist unstrittig, dass die Hürden für die Beantragung einer Bafin-Lizenz mit der neuen Anforderung signifikant erhöht wurden, was zu Veränderungen in der Ausrichtung einzelner Start-ups bis hin zur Absage geplanter Neugründungen führen kann. Betrachtet man die Entscheidung hingegen aus Verbrauchersicht, sind keine unmittelbaren Nachteile zu erkennen. Vertrauen ist ein entscheidendes Gut in der Beziehung zwischen Kunde und Versicherer. Wenn diese Entscheidung dazu beiträgt, Reputationsschäden zu vermeiden und das Vertrauen der Kunden in die Solidität junger Unternehmen zu steigern, dient sie einem für alle Beteiligten wichtigen Ziel.

Der Branchenverband Bitkom erwartet, dass die geplanten Hürden für Insurtechs dem Start-up-Standort Deutschland schaden und Innovationen ins Ausland treiben würden. Erwarten Sie das auch?

Winter: Die geänderten Vorgaben betreffen solche Insurtechs, die als zukünftige Risikoträger eine Bafin-Lizenz benötigen. Hieraus Rückschlüsse auf die gesamte Insurtech-Szene oder den Start-up-Standort Deutschland zu ziehen, wäre sicherlich nicht angemessen. Viel relevanter ist aus unserer Sicht die Bereitschaft von Investoren, Insurtechs in zukünftigen Finanzierungsrunden mit Kapital für nachhaltiges Wachstum auszustatten.

Wie können Makler und Vermittler die Expertise der Insurtechs für ihre Kundenansprache und in der Beratung nutzen?

Winter: Schon die frühen Insurtechs der sogenannten ersten Welle haben sich auf die Kundenschnittstelle fokussiert. Hier gibt es Lösungen, die die Kommunikation und Beratung (teilautomatisiert) über verschiedenste Kanäle unterstützen. Darüber hinaus können von Insurtechs entwickelte Lösungen zur Verbesserung der Kundenberatung oder zur Strukturierung/Segmentierung der Kundenbasis eingesetzt werden.

Die Fragen stellte Kim Brodtmann, Cash.

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments
Weitere Artikel
Wissen, was los ist – mit den Newslettern von Cash.
Wissen, was los ist – mit den Newslettern von Cash.