„Europa braucht mehr Inflation“

Rechnen Sie mit weiteren Schuldenschnitten in der Europeripherie und ist dies eine Lösung für die überschuldeten Industriestaaten?

Prinzipiell ist ein Schuldenschnitt ein geeignetes Mittel, um die Verschuldung eines Staates zu reduzieren. Ist er das beste Mittel? Nein. Das beste Mittel ist meiner Meinung nach nominelles Wachstum, also reales Wachstum plus Inflation. Daher brauchen wir mehr Inflation.

Wenn Deutschland mehr Inflation zulassen würde, dann könnte die Eurozone nominell stärker wachsen. Aber leider gibt es dazu kein Commitment. Die Preise für Immobilien und Lebensmittel verteuern sich hierzulande bereits rasant.

Die jüngste Zinssenkung der EZB ist Ihnen dennoch nicht genug?

Europaweit haben wir aber sehr niedrige Inflationswerte und die Zentralbank tut sich schwer, darauf adäquat zu reagieren. Die jüngste Zinssenkung der EZB war ein wichtiger Schritt, deflationären Tendenzen gegenzusteuern. Aber das offizielle Inflationsziel der Eurozone liegt noch immer bei zwei Prozent oder knapp darunter.

Abgesehen davon ist nominelles Wachstum für die überschuldeten Industriestaaten auch insofern wichtig, weil dadurch Ausgleichsbewegungen innerhalb der Eurozone vollzogen werden können. Nur mit einer höheren Inflationsrate ist es innerhalb dieses gemeinsamen Währungsraums möglich, die niedrigen Löhne in Italien – relativ zu den Löhnen in Deutschland – zu senken und dadurch die Wettbewerbsfähigkeit der italienischen Wirtschaft zu stärken.

Und wo können Sie hinreichende Renditen finden?

Die Alternativen zu den klassischen risikolosen Staatsanleihen sind Investitionen in risikoreichere Assetklassen. Das können im Staatsanleihen-Segment Bonds der Peripheriestaaten oder bei den Unternehmensanleihen High-Yield- Titel sein.

Letztere sind nach der jüngsten Korrektur zwar immer noch nicht als wirklich billig zu bezeichnen, aber zweifellos attraktiver als noch Anfang des Jahres. Die Ausfallraten steigen inzwischen allerdings bereits leicht an.

Die größten Risiken für europäische High-Yield-Anleihen wären aus heutiger Sicht eine unerwartet kräftige Abschwächung des Konjunkturbildes in der Eurozone und eine weitere starke Verschlechterung des Risikosentiments der Investoren. Beides ist derzeit nicht erkennbar.

Welche Rolle spielen für Sie Staatsanleihen aus Emerging Markets?

Im Frühsommer des Jahres sind viele Schwellenländer-Anleihen massiv unter Druck geraten. Das angekündigte Tapering der US-Notenbank und steigende US-Anleiherenditen wurden vielfach als ein Hauptgrund dafür genannt.

Das dürfte aber für den scharfen Einbruch bei Währungen und Aktienmärkten der Schwellenländer nicht ursächlich verantwortlich sein, sondern es war wohl allenfalls Auslöser für eine überfällige Korrektur.

In den letzten Jahren entdeckten immer mehr Anleger bei der weltweiten Jagd nach Rendite die Assetklasse Emerging-Markets-Fremdwährungsanleihen für sich – ohne sich immer über die damit verbundenen Wechselkursrisiken im Klaren zu sein.

Seite drei: Anleger müssen sich des Währungsrisikos bewusst sein

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