Anzeige
15. März 2017, 06:35
Teilen bei: Ihren XING-Kontakten zeigen | Ihren XING-Kontakten zeigen

Deutschland ist im Export-Rausch

Wenn Angela Merkel Ende der Woche auf Donald Trump trifft, wird die heimische Handelsbilanz auf der Agenda stehen. Zuletzt wurden die hohen deutschen Überschüsse durch Kredite finanziert, was stark an eine Finanzblase erinnert. Gastkommentar von Karsten Junius, Bank J. Safra Sarasin 

JuniusSarasin in Deutschland ist im Export-Rausch

Karsten Junius analysiert die deutschen Exportüberschüsse.

Finanzmarktübertreibungen sind etwas, dem gegenüber deutsche Haushalte instinktiv wohl genauso abgeneigt sind, wie Staatsdefizite oder kreditfinanzierter Konsum. In nur wenigen Ländern dürfte es daher so populär sein wie in Deutschland, wenn der Finanzminister ankündigt, trotz hoher Einnahmen weder die Ausgaben deutlich zu erhöhen, noch die Steuern zu senken. Es mag gute ökonomische Gründe für eine “schwarze Null” im Staatshaushalt und gegen kreditfinanzierten Konsum oder Wertpapierkäufe geben. In Deutschland kommen aber immer auch noch moralische oder kulturelle dazu. Überschüsse sind gut, Defizite sind schlecht. Dies ist bereits sprachlich so angelegt: Schuld und Schulden sind sich deutlich ähnlicher als im Englischen “guilt” und “debt”.

Strafzinsen entsprechen nicht dem Gerechtigkeitsgefühl

Entsprechend ist “Sparen” positiv belegt und zwar im normativen Sinne. Sparen ist mehr als eine volkswirtschaftliche Größe oder die Differenz von Einnahmen und Ausgaben. Es signalisiert Konsumverzicht und ist eine Tugend. Entsprechend muss es – wenn nicht vom Staat sogar gefördert – dann doch vom Markt wenigstens entlohnt werden. Die von der EZB eingeführten negativen Einlagezinsen widersprechen daher allen deutschen Gerechtigkeitsinstinkten. Dass sie schnell mit dem normativen Begriff “Strafzinsen” gebrandmarkt wurden, ist nicht verwunderlich.

Genauso unverständlich erscheint vielen Deutschen die Kritik an ihrem Handelsbilanzüberschuss. Der Titel Exportweltmeister wird schließlich mit Stolz getragen. Dabei ist dieser Überschuss rein volkswirtschaftlich gesehen lediglich die Differenz von Sparen und Investitionen. Gefühlt ist er jedoch viel mehr, nämlich das Signal, international wettbewerbsfähig zu sein – ohne exzessive Lohnentwicklungen oder dem Müßiggang zu frönen. Mehr kann da eigentlich nicht schaden. Schließlich ist Deutschland eine alternde Gesellschaft, die irgendwann auf ihre Ersparnisse zurückgreifen möchte. Inzwischen beträgt das deutsche Auslandsvermögen über acht Billionen Euro – rund das 2,5-Fache des Bruttoinlandsprodukts. Und hier liegt die Schwierigkeit. Auslandsvermögen helfen nur bei der Bewältigung der demographischen Lasten, wenn sie sich wieder liquidieren lassen. Dazu müssten ausländische Schuldner aber einmal Exportüberschüsse erwirtschaften.

Gefahr der Blasenbildung

Wie schwierig dies ist, musste Deutschland im Falle Griechenlands erfahren. Derzeit führt der deutsche Leistungsbilanzüberschuss von rund acht Prozent des BIP zu Kapitalexporten in ähnlicher Höhe. Ein immer größerer Anteil dieser Kapitalexporte wird inzwischen sogar über die Zentralbanken verrechnet. Die Erfolge der Exportwirtschaft sind ohne diese deutschen Kredite an das Ausland nicht denkbar oder nachhaltig. Finanziert Deutschland damit nicht eine Blase der eigenen Exportwirtschaft und exzessive Entwicklungen, die es kulturell selbst stark ablehnt? Das erste Treffen von Trump und Merkel dürfte spannend werden. Für ihre Diskussion wäre es hilfreich, die kulturellen Eigenheiten des Anderen zu kennen – genauso wie die eigenen.

Karsten Junius ist Chefökonom bei der Bank J. Safra Sarasin AG, Schweiz

Foto: Bank J. Safra Sarasin AG

Ihre Meinung



Cash.Aktuell

Cash. 07/2018

Inhaltsverzeichnis Einzelausgabe bestellen Cash. abonnieren

Themen der Ausgabe:

Betriebsrente – Wandelanleihen – Ferienimmobilien – Family Offices

Ab dem 21. Juni im Handel.

Special Investmentfonds

Inhaltsverzeichnis Einzelausgabe bestellen Cash. abonnieren

Themen der Ausgabe:

Nachhaltig anlegen: Mehr Rendite mit gutem Gewissen
Gewinne im Fokus: Die besten Dividenden-Fonds

Versicherungen

Zinszusatzreserve: “Korridormethode bringt zehn Milliarden Euro Entlastung – allein 2018“

Die Kölner Rating-Agentur Assekurata kritisiert in ihrem diesjährigen Marktausblick zur Lebensversicherung 2018 erneut die gegenwärtige Berechnungsmethodik zum Aufbau der Zinszusatzreserve (ZZR) und mahnt eine Umstellung auf die Korridormethode an. Diese war von der deutschen Aktuarvereinigung (DAV) in Abstimmung mit der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) erarbeitet worden.

mehr ...

Immobilien

Baufinanzierung: Bei den Notenbanken kehrt Ruhe ein

Ende Juli und Anfang August stehen die nächsten Zinsentscheide der Europäischen Zentralbank (EZB) und der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) an. Wie sich die Baufinanzierungszinsen derzeit sonst entwickeln, erklärt der Maklerpool Qualitypool GmbH.

mehr ...

Investmentfonds

Größtes Freihandelsabkommen der EU

Während Donald Trump sämtliche Handelsvereinbarungen platzen lässt und zusätzlich Strafzölle verhängt, hat die Europäische Union hat mit Japan ihr bislang größtes Freihandelsabkommen abgeschlossen. Ökonomen freuen sich über die Rückkehr der Vernunft, aber Verbraucherschützer sind alarmiert.

mehr ...

Berater

Scout24 kauft Finanzcheck.de

Strategische Übernahme: Scout24, Betreiber bekannter digitaler Marktplätze wie Financescout24 oder Autoscout24 übernimmt eines der relevantesten deutschen Online-Vergleichsportale für Verbraucherkredite, Finanzcheck.de. Verkäufer sind eine Investorengruppe um Acton Capital Partners, Btov Partners, Highland Europe, Harbourvest Partners sowie die Gründer von Finanzcheck. Den Kaufpreis liegt bei 285 Millionen Euro und wird bar gezahlt.

mehr ...

Sachwertanlagen

RWB-Tochter gewinnt Großanleger aus Belgien

Die MPEP Management Luxembourg S.à r.l. (MPEP), ein Tochterunternehmen des Private Equity Spezialisten RWB Group, hat die Zusage über ein Investment in zweistelliger Millionenhöhe von einem alternativen Investmentfonds erhalten, der von Degroof Petercam verwaltet wird.

mehr ...

Recht

Erbbaurecht: Alternative zum Kauf eines Baugrundstücks

Kommunen, Kirchen und Stiftungen vergeben häufig Erbbaurechte. Als “Eigentum auf Zeit” können diese gerade für junge Familien mit wenig Eigenkapital eine Alternative zum Kauf eines Baugrundstücks darstellen. Die Hamburgische Notarkammer erklärt.

mehr ...