„Vierte Industrielle Revolution eröffnet Anlagechancen“

Die Themen KI und Robotics gewinnen in Wirtschaft und Gesellschaft immer mehr an Bedeutung. Gleiches gilt für Anleger, die von diesen Zukunftsmärkten profitieren wollen. Cash. sprach mit Johan Van Der Biest, Senior Equity Fund Manager und Fondsmanager des Candriam Equities L Robotics and Innovative Technology, über die Perspektiven der Segmente.

Johan Van Der Biest, Candriam

Künstliche Intelligenz taucht als Begriff beinahe täglich in unterschiedlichen Kontexten auf. Gleiches gilt für Big Data. Was verstehen Sie darunter und wo liegt das Potenzial in diesem Bereich?

Van Der Biest: Zweifellos ist die Künstliche Intelligenz eine der weitreichendsten Entwicklungen im Technologiebereich. Auch wenn KI eine Wissenschaft ist, die es bereits vor vielen Jahren gab, werden erst dann neue Anwendungen entwickelt und kommerzialisiert, wenn ausreichend Rechenleistung und ausreichend leicht zugängliche Speicherkapazität zur Verfügung stehen. Diese Entwicklung begann wahrscheinlich vor zehn Jahren und beschleunigt und verbreitet sich in einem sehr hohen Tempo. Um starke Algorithmen entwickeln zu können, braucht man viele Daten. Eine der Folgen der Digitalisierung ist, dass riesige Datenmengen gesammelt und gespeichert werden.

Hier beginnen die Leute, über Big Data zu sprechen. IBM wies in einem Bericht aus dem Jahr 2017 darauf hin, dass 90 Prozent aller damaligen Daten in den letzten zwei Jahren entstanden sind. Das Internet der Dinge wird auch einen großen Beitrag zur Datenerstellung leisten. Produktionsanlagen zum Beispiel werden mit Millionen von Sensoren ausgestattet sein, die alle Daten über Temperatur, Ölverbrauch, Geschwindigkeit, Lärm, Druck usw. senden. Alle diese Daten werden analysiert, und die KI wird Algorithmen entwickeln, die eine vorbeugende Wartung ermöglichen. Im Gesundheitswesen werden Algorithmen entwickelt, die Onkologen bei der Interpretation von Krebsbildern unterstützen. KI wird dazu beitragen, autonom fahrende Autos zu schaffen. Die Gesichtserkennungstechnologie wird bei der Bekämpfung der Kriminalität helfen, kurzum: Die Anzahl der Beispiele ist wirklich unendlich.

KI und Big Data werden sich deshalb ganz eindeutig auf jeden Sektor, jedes Unternehmen, jede Abteilung innerhalb eines Unternehmens oder praktisch jede Person auswirken. Investoren eröffnen diese Entwicklung ganz neue Möglichkeiten, da viele Unternehmen direkt oder indirekt betroffen sind. Dies gilt sowohl für Unternehmen, die Hardware und Speicher bereitstellen, die Sie für die Ausführung von Algorithmen benötigen als auch für Unternehmen, die auf Sensoren und Konnektivität spezialisiert sind, oder für Unternehmen, die KI nutzen, um ihre Umsätze zu steigern.

Sie rechnen damit, dass sich künftig die Vierte Industrielle Revolution Bahn bricht. In welcher Ausprägung, und sind die Menschen darauf überhaupt schon vorbereitet?

Van Der Biest: Die Vierte Industrielle Revolution findet derzeit statt, befindet sich aber noch in den Anfängen. Das Internet der Dinge (IoT) oder KI sind gerade erst dabei, richtig durchzustarten. Wenn ich mich auf die Beispiele in der ersten Frage beziehe, ist klar, dass die Auswirkungen einiger der oben genannten Technologien etwa das verarbeitende Gewerbe, das Gesundheitswesen oder auch den Konsumbereich völlig verändern werden. Die meisten Menschen sind sich dieses Phänomens bewusst, insbesondere Investoren haben diesen Trend erkannt. Dies erklärt den gewaltigen Aufstieg der Technologieaktien für mehrere Jahre in Folge, da die meisten dieser Unternehmen Schlüsselakteure für diese Vierte Industrielle Revolution sind.

Welche Sektoren sollten aus Ihrer Sicht davon profitieren und mit welchem Gewinnwachstum rechnen Sie bei den Game Changern?

Van Der Biest: Wie bereits erwähnt, sind wir fest davon überzeugt, dass alle Sektoren letztendlich von diesen „Game Changern“ profitieren werden. Allerdings gibt es Sektoren, bei denen dieser Nutzen stärker und auch früher einsetzen wird. Der offensichtlichste Nutznießer ist sicher der IT-Sektor. IT-Unternehmen entwickeln und vermarkten diese neuen Technologien und ermöglichen es anderen Branchen, die Vorteile von KI, IoT, Big Data oder Datenanalyse zu nutzen. In dem Maße, wie die Industrie diese neuen Technologien annimmt, wird sie in der Lage sein, die Rentabilität zu steigern, da sie imstande sein wird, so effizient wie möglich zu produzieren.

Wie sind die Aussichten für den weltweiten Technologiesektor? Wie gut ist beispielsweise Deutschland in den Bereichen Technologie, Innovationen und Digitalisierung aufgestellt?

Van der Biest: Die Aussichten für den globalen Technologiesektor sind auf mittlere bis lange Sicht ausgezeichnet. Die Nachfrage nach IT-Produkten wird hoch bleiben, da sich die Effekte auf Margen und Umsätze für jeden Sektor, der neue Technologien wie IoT, AI und Big Data einsetzt, positiv auswirken. Allerdings sollte man nicht vergessen, dass die IT-Branche eine zyklische Branche bleibt und möglicherweise unter einer globalen Rezession leiden könnte (nicht unser Hauptszenario). Es ist klar, dass Deutschland das Potenzial und die Auswirkungen der Vierten Industriellen Revolution frühzeitig erkannt hat. Wie der Rest Europas auch ist Deutschland wahrscheinlich etwas langsamer bei der Übernahme und Entwicklung von KI. China und die USA sind in diesem Bereich Europa eindeutig noch weit voraus.

Seite zwei: Die Chancen in Schwellenländern

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