Inflation? Welche Inflation? Warum auch nächstes Jahr keine höheren Zinsen drohen

Foto: Fürst Fugger
Marco Behring, Fürst Fugger

Einer der wichtigsten Faktoren für die schnelle Erholung des Aktienmarkts in diesem Frühjahr war die beherzte Reaktion der Zentralbanken. In den USA kehrte die Fed zum „Quantitative Easing“ zurück, der expansiven Geldpolitik der Jahre nach der Finanzkrise. In Europa reagierte die EZB mit einer nochmaligen Ausweitung ihres Anleihenkaufprogramms. Teil 1 des Ausblicks auf 2021: Geldpolitik, Notenbanken und Niedrigzins

Für Marko Behring, Leiter Asset Management der Fürst Fugger Privatbank, ist angesichts dieser Geldschwemme die Frage seiner Kunden nach einem Anstieg der Inflation im Jahr 2021 verständlich, denn die Geldmenge wächst und wächst und die Inflation liegt nahe Null. Eigentlich müsste dieses Geldmengenwachstum die Inflation anheizen. Tut sie aber nicht. Oder etwa doch?

Fokus auf Verbaucherpreise zu einseitig

Marko Behring hält den Fokus auf die Verbraucherpreise für etwas zu einseitig: Die Inflation ist längst unser täglicher Begleiter. Sie findet nur nicht im Einkaufskorb statt, sondern an den Finanzmärkten, dem Aktienmarkt, dem Goldmarkt sowie am Immobilienmarkt.“

Gerade am deutschen Immobilienmarkt lässt sich für deutsche Anleger diese Entwicklung doppelt erleben: in Form niedriger Zinsen, aber auch hoher Preise. „Wir leben in Zeiten einer sektoralen Inflation“, so Behring, „und die Preise von Aktien, Renten, Gold und Immobilien sind enorm gestiegen.“

Staatlicher Warenkorb wird 2021 nicht teurer

Ein Ende dieses Trends ist für ihn noch nicht in Sicht und der statistische Warenkorb dürfte auch 2021 kaum teurer werden. „Das viele Geld, das im Markt ist, sucht sich seinen Weg. Ein Großteil der Zentralbankgelder wird auch nächstes Jahr wieder im Finanzmarkt und auf dem Immobilienmarkt ankommen.“ Behring und sein Team haben daher im Herbst die Aktienquote in ihren Mandaten deutlich ausgeweitet.

Auch diese Entwicklung ist für Marko Behring nicht frei von Gefahren – Stichwort Blasenbildung. „Wir sehen, dass sich in einigen Bereichen bereits Blasen bilden oder gebildet haben. Die gehypten Börsengänge einiger Stay-at-Home Aktien in jüngster Zeit oder die aberwitzige Bewertung einiger Wasserstoffaktien sind Beispiele dafür.“

Kein Gegensteuern der Zentralbanken

Ein Gegensteuern der Zentralbanken ist trotz der Blasen in einigen Branchen für 2021 nicht zu erwarten. Und für Marko Behring auch nicht darüber hinaus: „Die Zentralbanken werden erst vom Gas gehen, wenn in der Realwirtschaft eine Rückkehr zur Normalität absehbar ist. Wir gehen daher davon aus, dass der US-Leitzins noch bis 2023 auf dem jetzigen Niveau liegen dürfte und auch in Europa sehen wir bis auf Weiteres keine Abkehr vom Negativzins. Ein Jahrzehnt des Negativzinses würde uns nicht überraschen.“

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