Warum die Inflation zum ständigen Begleiter wird

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Jürgen Mertens, Achtstein Invest AG

Die Inflation ist zurück in Deutschland: Seit Herbst vergangenen Jahres steigt die Inflationsrate kontinuierlich und hat im Mai 2022 mit fast acht Prozent den höchsten Stand seit der Wiedervereinigung vor mehr als 30 Jahren erreicht. Wie es mit der Inflation jetzt weitergeht

Die jahrelange expansive Geldpolitik, die Spätfolgen der Coronapandemie, Lieferengpässe in allen Branchen, die Kosten der Energiewende und nun auch noch der Krieg in der Ukraine sowie die Sanktionen gegen Russland haben sich zu einem hochprozentigen Inflationscocktail vermischt. Selbst wenn es nicht dauerhaft bei dem aktuellen, sehr hohen Niveau bleiben sollte, werden wir uns doch langfristig an höhere Inflationsraten gewöhnen müssen als in den zehn Jahren zuvor.

In früheren Jahrzehnten waren vorübergehende annualisierte Inflationsraten von fünf Prozent und mehr nicht ungewöhnlich. Doch heutzutage ist die aktuelle Situation für Sparer und Kapitalanleger wesentlich vertrackter als damals: So gab es Anfang der 1990er-Jahre noch 3,5 Prozent Zinsen aufs Tagesgeld oder Sparbuch, die zehnjährige Bundesanleihe rentierte bei sechs bis sieben Prozent und mit einem Festgeldkonto ließ sich die Inflation relativ problemlos ausgleichen. Heute muss man stattdessen froh sein, wenn man für seine Bankeinlagen keine Negativzinsen zahlen muss. Zwar sind auch die Anlagezinsen inzwischen leicht gestiegen, aber bei weitem nicht so stark wie die Inflation. Die Folge: Der reale – also inflationsbereinigte – Kaufkraftverlust des Ersparten ist derzeit so hoch wie nie in der Geschichte der Bundesrepublik. Da ist guter Rat teuer.

Zwei wichtige Fragen stellen sich in diesem Zusammenhang: Handelt es sich bei der Inflationswelle um ein vorübergehendes, kurzfristiges Phänomen? Und: Wie werden sich die Realzinsen und die inflationsbereinigten Renditen an den Kapitalmärkten langfristig entwickeln – und was können Privatanleger tun, um langfristig den realen Werterhalt sicherzustellen?

Was die voraussichtliche Dauer der Inflationsphase betrifft, sind sich die Ökonomen noch nicht so ganz einig: Auf der einen Seite waren einmalige Sondereffekte durch die Coronapandemie nicht von der Hand zu weisen: Dazu gehörten das Wiederheraufsetzen der Mehrwertsteuer in Deutschland ebenso wie nachgeholte Konsumwünsche, die auf Kapazitätsengpässe treffen. Die Verbraucher haben während der Lockdown-Phasen notgedrungen auf Urlaube, Konzert- und Restaurantbesuche et cetera verzichtet und das Geld gespart, das nunmehr für solche Konsumwünsche ausgegeben wird. Somit ergießt sich eine Liquiditätsflut auf ein Angebot – zum Beispiel von Urlaubsflügen –, das pandemiebedingt noch stark eingeschränkt ist. Diese Effekte sollten sich im Laufe der Zeit glätten, sofern sich die Corona-Pandemie erfolgreich eindämmen lässt und keine weiteren Lockdowns notwendig werden. Ein Abflachen der Konjunktur sowie anhaltend hohe Energiepreise könnten der Konsumnachfrage im zweiten Halbjahr sogar einen Dämpfer verpassen.

Doch nun ist mit dem Krieg in der Ukraine ein weiterer Faktor hinzugekommen, der das Inflationsgeschehen in Deutschland und im Euroraum weiter anheizen dürfte, da im Zuge der gegenseitigen Sanktionspolitik zwischen Europa und Russland die Energiepreise, vor allem für Gas und Öl, weiter steigen werden. Zwar hat die Europäische Zentralbank (EZB) jetzt eine moderate Zinswende eingeleitet, um der auch in anderen Euroländern grassierenden Inflation Herr zu werden: Die Leitzinsen steigen im Juli zunächst um 25 Basispunkte, mindestens eine weitere Zinssteigerung um 25 oder gar 50 Punkte soll noch in diesem Jahr folgen. Doch inflationsbereinigt bleiben die Zinsen damit deutlich negativ.

Die Inflation geht nicht allein auf Corona-Sondereffekte zurück

Auch strukturelle Gründe sprechen für ein längeres Anhalten höherer Inflationsraten. So sind im laufenden Jahr Zweitrundeneffekte zu erwarten. Darunter versteht man höhere Lohnforderungen infolge höherer Preise, die ihrerseits zu einem weiteren Preisanstieg führen werden. Man spricht auch von einer Lohn-Preis-Spirale. Die aktuellen Lohnforderungen auf Gewerkschaftsseite geben allen Anlass zu dieser Befürchtung. Auch die neue Bundesregierung wird hierzu mit ihrer geplanten Erhöhung des Mindestlohns auf zwölf Euro pro Stunde beitragen. Hinzu kommt ein starker globaler Preisanstieg bei Energie sowie bei wichtigen Rohstoffen und Vorprodukten, dessen Ursachen auch auf Kapazitätsengpässe zurückgehen und nicht allein im Ukraine-Krieg zu suchen sind. Befördert wird dieser Effekt von einer Aufwertung des US-Dollar gegenüber dem Euro; der Welthandel wird nach wie vor überwiegend in US-Dollar abgewickelt.

Ein wirklich beherzter Tritt auf die geldpolitische Bremse, vergleichbar mit der Zinsreaktion in den USA, ist seitens der EZB jedoch nicht zu erwarten. Infolge der Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Euro-Schuldenkrise und Coronakrise schwebt der Euroraum schon seit Jahren im geldpolitischen Ausnahmezustand, der mittlerweile schon als Normalzustand empfunden wird. Nun kommt auch noch der Krieg in der Ukraine hinzu.

Ihr Mandat interpretiert die EZB dabei äußerst großzügig; an billionenschwere Ankäufe von Staats- und Unternehmensanleihen hatten die Väter des Euro wahrscheinlich nicht gedacht. Auch wenn diese zuletzt etwas gedrosselt (aber keineswegs eingestellt) wurden, am Leitzins von null Prozent und einem Einlagenzins für Geschäftsbanken von minus 0,5 Prozent hat die Notenbank viel zu lange festgehalten – mit allen Folgen für diejenige Generation, die einen Teil ihres Einkommens für die eigene private Altersvorsorge sparen und anlegen will und muss.

Die EZB verlässt abermals ihr Ziel der Geldwertstabilität

Die eigentliche Aufgabe der EZB lautet Geldwertstabilität und nicht Konjunkturförderung oder gar Staatsfinanzierung. Geldwertstabilität wurde ursprünglich als „unter, aber nahe bei zwei Prozent jährliche Inflation“ definiert. Im Euroraum lagen wir mit 8,1 Prozent im Mai 2022 deutlich darüber. Doch statt zu reagieren, hat sie ihr Inflationsziel auf exakt zwei Prozent angepasst. Was klingt wie eine Bagatelle, ist tatsächlich eine signifikante Anhebung des Inflationsziels, da nun auch Abweichungen über die zwei Prozent hinaus explizit toleriert werden, sofern es sich nach Ansicht der EZB um vorübergehende Sonderfaktoren handelt. Darauf hat sie sich viel zu lange berufen und die Füße stillgehalten. Und auch jetzt noch hechelt sie der Inflationsentwicklung heillos überfordert hinterher.

Tatsächlich hat sie aber auch kaum eine andere Wahl: Die größten Nutznießer niedriger Zinsen sind die Schuldner, und die mit Abstand größte Schuldnerin im Euroraum ist die öffentliche Hand. Viele Mitgliedsstaaten – nicht nur in Südeuropa – sind nicht erst seit der Coronapandemie derart verschuldet, dass sie sich deutlich höhere Zinsen auf Dauer gar nicht leisten könnten. Nicht umsonst ist die EZB gerade über größer werdende Zinsunterschiede zwischen den einzelnen Euroländern sehr alarmiert. Nur dank dramatischer Rettungsaktionen konnten sich viele Länder auf dem Höhepunkt der Euro-Schuldenkrise vor dem Staatsbankrott retten. Eine dem Inflationsanstieg angemessene Erhöhung der Leitzinsen im Euroraum ist also bis auf Weiteres politisch nicht durchsetzbar.

Was bedeutet all dies für die weitere Inflationsentwicklung? Ich gehe davon aus, dass die Geldentwertung in Deutschland und im gesamten Euroraum zwar nicht dauerhaft bei den acht Prozent bleiben oder gar noch weiter ansteigen wird. Mit einem Abklingen der Pandemie und einem hoffentlich nicht allzu fernen Ende des Krieges in der Ukraine wird sich das Inflationsbarometer auch wieder einpendeln – allerdings auf einem Niveau, das deutlich über dem der vergangenen Jahre von ein bis zwei Prozent (teilweise sogar darunter) liegt.

Was aber bedeutet ein langfristig moderat höheres Inflationsniveau für den privaten Kapitalanleger? Dass er sein Anlageverhalten abermals überdenken muss. Klassische Bankeinlagen weisen schon lange eine inflationsbereinigt negative Rendite aus. In Zukunft gilt das aber auch für traditionell konservative Anlageprodukte wie Offene Immobilienfonds, die mit durchschnittlich zwei bis drei Prozent Gesamtrendite auch in den inflationsbereinigt negativen Bereich rutschen können. Auch vermietete Eigentumswohnungen und selbst Wertpapierfonds können davon betroffen sein. Wer jedoch keinen langfristigen Wertverlust seines gesparten und angelegten Kapitals erleiden möchte, der sollte nach möglichst stabilen, am besten festverzinsten Anlageformen mit angestrebten Nominalzinsen oberhalb der Inflationsrate sowie mit begrenzter Laufzeit Ausschau halten. Mit Crowdinvesting beispielsweise ist es durchaus möglich, die Inflation zu schlagen.

Autor Jürgen Mertens ist Gründer und CEO der Achtstein Invest AG.

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