Martin Lück, Blackrock: Wenig Neues aus Jackson Hole

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Martin Lück, Blackrock

Dr. Martin Lück, Kapitalmarktstratege bei Blackrock, kommentiert die Entscheidung aus Jackson Hole und bewertet das erste TV-Duell der drei Spitzenkandidaten für das Kanzleramt.

Das mit viel Spannung erwartete Zentralbanker-Symposium in Jackson Hole lieferte, anders als 2020, nichts bahnbrechend Neues. Keine neue Fed-Strategie, keine Neubewertung der Zielgewichtung, keine Ausflüge in soziale Fragen außerhalb traditioneller Geldpolitik. Stattdessen gab es in der Rede von Fed-Chairman Jerome Powell einen weiteren Baustein in der Vorbereitung der Märkte auf das, was in absehbarer Zeit sicher kommen wird, nämlich die schrittweise Rückführung der Anleihekäufe.

Zwar deutete Powell an, dass der geforderte ‚substantial further progress‘ bei der Inflation durchaus gemacht worden sei, man also durch das angestrebte Überschießen des 2%-Ziels Fortschritte im Hinblick auf die neue Strategie, das Average Inflation Targeting (AIT) gemacht habe. In der Tat liegt die unbereinigte Dynamik der Verbraucherpreise in den USA zurzeit bei über 5%, und auch der von der Fed als Zielrate beobachtete Kerndeflator persönlicher Konsumausgaben (core PCE) hat sich im August noch einmal auf 3,6% beschleunigt.

Weniger eindeutig sei allerdings das angestrebte Ziel am Arbeitsmarkt erreicht worden, mehr Fortschritt sei hier gefordert, so Powell. In der Tat sei nach wie vor die Arbeitslosenquote von 5,4% zu hoch, und es müsse mehr passieren, bis die Fed auch bei der Beschäftigung Erfolgsmeldung machen könne. Möglicherweise gibt es hierzu an diesem kommenden Freitag mehr Daten, wenn der Arbeitsmarktbericht (Non-farm payrolls) für August veröffentlich wird. Nach den sehr starken Juli-Zahlen (943.000 neu geschaffene Stellen außerhalb der Landwirtschaft) erwarten Marktbeobachter erneut einen kräftigen Zuwachs (665.000), und einen Rückgang der Arbeitslosenquote auf 5,2%.

Fed-Zinsen dürften noch länger nahe null bleiben

Möglicherweise liegt hier das Potential einer Enttäuschung zum Wochenausklang. Denn zuletzt hatten Aktivitätsindikatoren (in der Vorwoche etwa die Einkaufsmanagerindizes sowie die Outputindikatoren der Fed Richmond und Fed Kansas) erneut auf schwächere gesamtwirtschaftliche Dynamik hingedeutet, ein Muster, das sich in den Vorwochen auch schon auf der Konsumseite (etwa Einzelhandel oder University of Michigan-Index) gezeigt hatte. In der Rede Jerome Powells in Jackson Hole war denn auch ein gewisses Maß an Vorsicht im Hinblick auf die weitere ökonomische Entwicklung und den Blick auf das Tapering eingebaut.

So verwies Powell auf die Ausbreitung der Delta-Variante und ihren potenziell bremsenden Effekt auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Selbst wenn ein Einstieg in das Tapering, also das graduelle Abschmelzen der monatlichen Anleihekäufe von derzeit 120 Mrd. USD, noch in diesem Jahr absolut realistisch erscheint, scheint vor dem Hintergrund der Unsicherheiten der Dezember wahrscheinlicher als der November. Und schon gar nicht, so Powell, dürfte man von dem dann eingeschlagenen Tempo der Drosselung auf den Zeitpunkt der ersten Zinserhöhung schließen. Denn bevor es für diesen soweit sei, habe die Fed einen „anderen und sehr stringenten Test“ entwickelt, in anderen Worten: Die Hürden für den ersten Zinsschritt liegen noch einmal erheblich höher als jene für das Tapering.

Ein wesentlicher Faktor bei diesem Test dürfte sein, ob sich die gegenwärtige Einschätzung der Fed, der zufolge die Inflationsdynamik nur vorübergehend ist, als richtig erweist.

Erste TV-Debatte der Kanzlerkandidaten liefert wenig Hinweise

Das erste TV-‚Triell‘ der drei Kandidaten Armin Laschet, Olaf Scholz und Annalena Baerbock war vor allem von dem Versuch der drei Kandidaten gekennzeichnet, keine Fehler zu machen bzw. die Wähler nicht zu verschrecken. Naturgemäß verlegte sich der inzwischen in einigen Umfragen führende Scholz aufs Verteidigen, während Baerbock und Laschet versuchten, aus der Deckung zu kommen.

Wirklich überzeugend gelang dies keinem, und so ist es kein Wunder, dass in Umfragen Scholz meist als knapper Sieger gesehen wird. Am 26. September wird es darauf ankommen, ob eine Mehrheit der Wähler einen Politikwechsel für notwendig hält oder ob die Angst vor den daraus resultierenden Veränderungen überwiegt. Für Wähler, die sich im letzteren Camp verorten, diente sich etwa Laschet als standfeste Status-Quo-Variante an. Auch dürfte entscheidend sein, ob es Olaf Scholz gelingt, sich weiterhin erfolgreich als männlicher Merkel- Klon erfahren und verlässlich zu verkaufen, oder ob ihn Wirecard, Cum/Ex oder die Gretchenfrage einer möglichen Koalition mit der Linkspartei doch noch aus der Kurve wirft. Baerbock scheint bei alledem nur noch eine Außenseiterrolle zuzukommen, ihrer Partei eventuell die Rolle des Königsmachers.

Und so sehr der Wahlkampf auch durch seine wenig überzeugenden, teils geradezu drögen Kandidaten geprägt ist, so entscheidend könnte die Wahl für Unternehmen, das soziale Gefüge und Deutschlands Rolle in Europa und der Welt werden. Ebenso die Frage, ob die Energiewende eher als Chance oder als Bedrohung gestaltet wird. Aus Anlegerperspektive wäre es daher zumindest in der längeren Frist ein Fehler, die potenziellen Auswirkungen dieser Wahl zu unterschätzen.

Autor Dr. Martin Lück, Leiter Kapitalmarktstrategie in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Osteuropa bei Blackrock.

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