23. Januar 2013, 17:06
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Gesundheitswesen: Ärzte rechnen mit Qualitätseinbußen

82 Prozent der Bürger (2011: 72 Prozent) und 93 Prozent der Ärzte (2011: 88 Prozent) in Deutschland halten das heutige Gesundheitswesen für gut oder sehr gut. Allerdings trete der Ärztemangel immer stärker zu Tage, so das Ergebnis des 7. MLP-Gesundheitsreports.

Dr. Uwe Schröder-Wislberg, MLP und Professor Dr. Renate Köcher

Dr. Uwe Schroeder-Wildberg, MLP und Professor Dr. Renate Köcher bei der Präsentation der Studie in Berlin

Trotz der Höchstwerte in der Zufriedenheit fordern 47 Prozent der Bürger und 73 Prozent der Ärzte weitere Reformen, ergab die repräsentative Befragung des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag des Finanzdienstleisters MLP unter rund 2.100 Bundesbürgern und mehr als 500 Ärzten. Allerdings wird der Reformbedarf im Vergleich zur Zeit vor der letzten Bundestagswahl als geringer wahrgenommen (2009: 65 beziehungsweise 81 Prozent).

Mit mutigen Schritten der Politik rechnen jedoch nur die wenigsten Befragten: Unter den Ärzten erwarten inzwischen nur noch vier Prozent (2009: 13 Prozent), dass es nach der Wahl zu grundlegenden Reformen kommen wird. 60 Prozent der Ärzteschaft hat Zweifel, ob die Politik dauerhaft eine gute Gesundheitsversorgung für alle sicherstellen kann – die Einstellung in diesem Punkt habe sich zwar gegenüber den Vorjahren deutlich verbessert, das Kompetenzprofil der Parteien im Bereich Gesundheitspolitik lässt jedoch weiter zu wünschen übrig – CDU und SPD schneiden mit jeweils 15 Prozent Zustimmung noch am besten in der Bevölkerung ab.

Jeder zweite Klinik-Arzt erwartet Qualitätseinbußen

Beim Thema Versorgungssicherheit nehmen die Sorgen der Menschen zu: So beklagen Krankenhauspatienten mehrheitlich einen Zeitmangel bei Ärzten und überfordertes Pflegepersonal. Unter den Klinik-Ärzten erwartet jeder Zweite in den nächsten Jahren Qualitätseinbußen im Krankenhaus.

Die Bevölkerung klage vielfach über lange Wartezeiten, insbesondere in Hessen und in Hamburg, sagte MLP-Chef Dr. Uwe Schroeder-Wildberg heute im Rahmen der Vorstellung der Studie in Berlin. Aus Kostengründen habe bereits mehr als jeder dritte Arzt in Einzelfällen auf medizinisch notwendige Behandlungen verzichten müssen.

Bürgerversicherung spaltet Ärzteschaft

Die „Bürgerversicherung“ stößt laut MLP bei etwas mehr als der Hälfte der Bevölkerung auf Zustimmung. Diese Befragten sprechen sich dafür aus, dass sich in Zukunft auch Beamte, Selbständige und gut verdienende Angestellte gesetzlich versichern müssen und eine private Absicherung dann nur noch im Rahmen von Zusatzversicherungen möglich ist.

Die Ärzteschaft ist in diesem Punkt hingegen gespalten: 51 Prozent befürworten den Reformvorschlag, 41 Prozent sind dagegen. Zugleich ist der größte Teil der Ärzteschaft (47 Prozent) davon überzeugt, dass die Einführung überhaupt keine Auswirkungen auf die Gesundheitsversorgung hätte – 26 Prozent sehen eine Verschlechterung, nur 20 Prozent eine Verbesserung.

Absage an Senkung der Krankenkassenbeiträge

Beim Umgang mit den aktuell hohen Überschüssen in der gesetzlichen Krankenversicherung findet sich keine Mehrheit für eine Senkung der Krankenkassenbeiträge: Die Ärzte sprechen sich stattdessen mit großer Mehrheit (59 Prozent) für die Bildung von Rücklagen aus, in der Bevölkerung plädieren immerhin 38 Prozent für diesen Weg. Sowohl die Rückerstattung (37 Prozent) als auch die Senkung von Beiträgen (34 Prozent) stößt dagegen auf eine leicht geringere Zustimmung.

„Derzeit besteht die Gefahr, dass die konjunkturbedingt gute Kassenlage in den Sozialsystemen eine falsche Sicherheit erzeugt“, sagte Schroeder-Wildberg. „Die kurzfristig gute Situation sollte aber spätestens in der neuen Legislaturperiode genutzt werden, um das Gesundheitswesen zukunftsfest zu gestalten. Deutlich zu kurz gesprungen ist dabei der Vorschlag einer Bürgerversicherung, weil er die Finanzierungsprobleme nicht löst.“

Personalprobleme in Krankenhäusern treten offener zu Tage

Im Bezug auf die Krankenhäuser loben die Patienten insbesondere die gute Ausstattung (57 Prozent) und die Hilfsbereitschaft des Pflegepersonals (74 Prozent). Kritisch sieht dagegen mehr als die Hälfte der Deutschen die mangelnde Zeit der Ärzte für den einzelnen Patienten. Mit 57 Prozent hat sich dieser Wert seit Mitte der neunziger Jahre nahezu verdoppelt (1995: 31 Prozent). Mehr als jedem Vierten zufolge gab es an dem in den letzten Jahren besuchten Krankenhaus zu wenig Ärzte und Fachärzte. Vor diesem Hintergrund erwartet auch bereits mehr als jeder zweite Arzt eine Verschlechterung der Leistungsfähigkeit in den nächsten Jahren.

Auch beim Pflegepersonal sei die langfristige Entwicklung deutlich negativ, teilen die Studienmacher mit: Einen Mangel an Krankenschwestern und -pflegern beklagen bereits 46 Prozent der Patienten (1995: 29 Prozent), von einer Überlastung des Pflegepersonals berichten inzwischen 48 Prozent (1995: nicht erhoben, 2007: 43 Prozent). Auch angesichts dieser Entwicklung erwarten rund zwei Drittel der Ärzte, dass es schwieriger wird, qualifiziertes Pflegepersonal zu finden. Aus ihrer Sicht ist beim Pflegepersonal neben einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen (71 Prozent) vor allem auch eine höhere Bezahlung (66 Prozent) notwendig.

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Dr. Uwe Schröder-Wislberg, MLP und Professor Dr. Renate Köcher

Ärztemangel in Ostdeutschland besonders präsent

Insbesondere Krankenhausärzte (65 Prozent) sehen im Ärztemangel bereits ein bundesweites Problem. Innerhalb der gesamten Ärzteschaft hat die Besorgnis auf Sicht der letzten beiden Jahren spürbar zugenommen: 56 Prozent sehen bereits einen Ärztemangel in Deutschland (2010: 46 Prozent). Mehr als jeder fünfte Arzt rechnet in den nächsten Jahren damit.

Gerade im Hinblick auf die regionale Versorgung sind die Ärzte zunehmend besorgt: 37 Prozent der niedergelassenen Ärzte erkennen bei sich vor Ort bereits einen Ärztemangel (2010: 22 Prozent). Weitere 28 Prozent rechnen damit in den nächsten Jahren. Die östlichen Bundesländer sind aktuell weitaus betroffener als die westlichen: 54 Prozent der Ärzte im Osten berichten von einem Ärztemangel bei sich in der Region – in Westdeutschland sind es nur 35 Prozent. Erhebliche Verschlechterungen sehen die Ärzte aus struktur- und bevölkerungsschwächeren Regionen: 58 Prozent der niedergelassenen Ärzte aus Gebieten mit weniger als 100.000 Einwohnern beklagen bereits einen Ärztemangel vor Ort (2010: 31 Prozent).

Hohe Belastung Ursache für Ärztemangel

Die künftige Entwicklung wird von der gesamten Ärzteschaft überaus pessimistisch eingeschätzt: Drei Viertel befürchten, dass sich die Situation bundesweit in Zukunft weiter verschärfen wird. Nur elf Prozent gehen von einer zumindest unveränderten Lage aus. Als Ursache für einen zunehmenden Ärztemangel nennen die Befragten vor allem die hohe Belastung durch den Arztberuf (85 Prozent).

Gesetzlich Versicherte klagen über lange Wartezeiten

Bereits heute spürt die Bevölkerung den Ärztemangel in Form längerer Wartezeiten: 52 Prozent geben an, dass sie sehr lange auf einen Termin warten mussten; 64 Prozent klagen darüber, dass sie sich trotz Termins sehr lange im Wartezimmer gedulden mussten. Kritisch äußern sich hier vor allem die gesetzlich Krankenversicherten. Von ihnen hatten 55 Prozent gegenüber 35 Prozent der privat Versicherten schon einmal Schwierigkeiten, relativ zeitnah einen Termin beim Arzt zu bekommen. Zudem mussten 67 Prozent gegenüber 48 Prozent trotz Termins bereits sehr lange im Wartezimmer sitzen. Gesetzlich Krankenversicherte klagen vor allem wesentlich häufiger darüber, dass sie mehrfach lange gewartet haben.

Seite zwei: PKV-Verband sieht sich bestätigt

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