Boris Herrmann und Zurich-Chef Carsten Schildknecht im Exklusiv-Interview: „Wir müssen selbst vorangehen“

Fotos: Florian Sonntag
Carsten Schildknecht (links) und Boris Herrmann auf der Kieler Woche

Auf der Kieler Woche sprach Cash. exklusiv mit Weltumsegler Boris Herrmann und Dr. Carsten Schildknecht, Vorstandsvorsitzender der Zurich Gruppe Deutschland, über ihre Kooperation in Sachen Klimaschutz.

Herr Herrmann, Millionen Deutsche haben im letzten Winter Ihre Weltumseglung bei der „Vendée Globe“ verfolgt. Die „Süddeutsche Zeitung“ hat Sie in einem Kommentar als „modernen Odysseus“ bezeichnet, Ihre Kollision mit einem Fischtrawler nur wenige Seemeilen vor dem Ziel erinnere an die Tragweite einer griechischen Tragödie. Wie erklären Sie selbst sich diese Begeisterung um Ihre Person?

Herrmann: Ich freue mich darüber natürlich sehr. Die Teilnahme an der „Vendée Globe“ war ein Jugendtraum von mir, seit ich mit 16 Jahren Bücher darüber gelesen und Filme darüber gesehen habe. Ich habe mir schon gedacht, dass es bei einer deutschen Teilnahme bestimmt ein Echo geben würde, denn die „Vendée Globe“ ist eines der großen Abenteuer unserer Zeit und es war noch nie ein Deutscher dabei. Unsere Medienwelt und unsere Aufmerksamkeit für solche Ereignisse sind national geprägt, trotz aller Globalisierung sind nur wenige Sportarten wirklich international. Es muss schon ein deutscher „Anker“ dabei sein, um da hinzugucken. Dann kam noch Corona dazu, als Grundlage dafür, dass die Menschen eine Art Spiegelbild hatten: eine besondere Ausnahmesituation, Einsamkeit, auf sich allein gestellt sein. Hinzu kam unterdrückte Reiselust, nicht wegfahren können, sich wegträumen. Diese Faktoren haben da verstärkend mitgewirkt.

Sie haben sich auf der Regatta, nebenbei sozusagen, auch noch als Klimaforscher betätigt. Was haben Sie genau gemacht?

Herrmann: Wir haben im Jahr 2018 zusammen mit Kieler Instituten und Firmen ein Labor an Bord installiert. Dieses Labor pumpt von Kiel aus permanent Wasser durch und speit es wieder aus. Es wird quasi gefiltert und gemessen, wie stark die CO2-Konzentration im Ozean ist, auch andere Parameter wie Temperatur und pH-Wert werden gemessen. Wir wollten damit der Wissenschaft helfen, den CO2-Kreislauf in den Ozeanen im Kontext des Klimawandels besser zu verstehen.

Wie haben Sie den Klimawandel auf dem Meer ganz konkret wahrgenommen?

Herrmann: Ich habe schon seit ein paar Jahren das Gefühl, dass ich Klimaextreme öfter erlebe. Als wir 2019 mit Greta Thunberg über den Atlantik gesegelt sind, hatten wir es mit vier tropischen Depressionen zu tun, der Vorstufe eines Wirbelsturms. Eine haben wir passieren lassen, indem wir später losgefahren sind, zweien sind wir ausgewichen und als wir angekommen sind, ist noch eine weitere direkt hinter uns über den Nordatlantik gezogen – in einer Jahreszeit, in der es normalerweise gar keine Wirbelstürme gibt. Und auch beim Start der „Vendée Globe“ im November hatten wir eine tropische Depression nördlich von Madeira, die es dort zu dieser Zeit eigentlich selten oder gar nicht gibt. Ich beobachte auch deutlich weniger Meerestiere und viele Regionen in den Tropen, in denen sich Seegras und Algen ansammeln. Das nimmt ganz stark zu. Das macht natürlich noch keine Klimaforschung aus. Aber ich bin schon besorgt, denn ich will meinen Sport noch 20 Jahre ausüben, aber wenn das Wetter verrücktspielt, kann ich das unter Risikogesichtspunkten nicht mehr machen.

Dr. Schildknecht, Zurich ist mit Boris Herrmann eine Partnerschaft eingegangen. Warum?

Schildknecht: Boris Herrmann ist ein Segler von Weltklasseformat und wir sind einer der weltweit führenden Versicherer. Aber was uns vor allem verbindet ist unser leidenschaftliches Engagement für den Klimaschutz. Zurich will eines der verantwortungsvollsten und nachhaltigsten Unternehmen weltweit werden. Wir wollen das Rennen gegen den Klimawandel gewinnen. Und da tut so eine Partnerschaft extrem gut. Zumal sie uns an unserem sportlichen Ehrgeiz packt. Wir finden es spannend, Sport und Nachhaltigkeit in einem Paket bündeln zu können. Denn Nachhaltigkeit kann und soll auch faszinieren und Spaß machen. Boris zeigt fantastischen Sport auf höchstem Niveau und ist ein glaubhafter und engagierter Nachhaltigkeitsbotschafter – auch für Wissenschaft und Bildung. Der Anstoß für die Partnerschaft kam aus der Belegschaft. Und das Feedback war enorm, als wir die Partnerschaft öffentlich gemacht haben. Denn die Kolleginnen und Kollegen wollen sich für Nachhaltigkeit einsetzen.

Wie drängend ist der nachhaltige Umbau der Wirtschaft und Gesellschaft?

Schildknecht: Superdrängend. Wir müssen das Thema in diesem Jahrzehnt auf den richtigen Weg bringen. Sonst werden wir das Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, nicht einhalten können. Als Zurich Gruppe Deutschland haben wir den Druck deutlich erhöht. Es fängt in Details an: So nehmen wir seit dem 7. September keine Verbrenner mehr in unserer Dienstwagen-Flotte hinein. Und auch alle unsere Gebäude werden klimaneutral mit Energie versorgt. Wir wissen, dass dies nur relativ kleine Anfänge sind. Aber was wäre die Alternative?! Nichts tun, ganz sicher nicht. Es bringt nichts, wenn wir uns gegenseitig mit aggressiveren Zielen überschlagen. Was wir brauchen, sind ganz konkrete Aktionen und Maßnahmen. Die Maßnahmen müssen wir hier und jetzt aufsetzen. Denn es darf nicht bei bloßer Klima-Rhetorik bleiben.

Welche Rolle nehmen die Versicherer in der Klimapolitik ein?

Schildknecht: Wir spielen mehrere Rollen beim Thema Nachhaltigkeit: Wir sind ein Unternehmen und Arbeitgeber. Wir sind Investor und Berater. Wir sind Versicherer und Risikomanager für unsere Kunden. Wir sind aber auch Teil der Gesellschaft. Neben den eben genannten Maßnahmen haben wir vor allem als Investor den größten Hebel positiv gegen den Klimawandel zu wirken. 2019 hatten wir als Zurich Gruppe Deutschland einen CO2-Ausstoß von 12.000 Tonnen. Wenn wir nur ein Drittel unserer 36 Milliarden Euro Kapitalanlagen – also Anleihen, Aktien, Immobilien – klimaneutral ausrichten, sind das 1,1 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent. Und dazu kommen noch 18 Mrd. Euro Vermögen in der fondsgebundenen Lebensversicherung, die wir zusätzlich über Zeit klimaneutral ausrichten. Das heißt, unsere Rolle als Investor ist mehr als 100-mal größer als wenn wir nur unseren eigenen Betrieb klimaneutral stellen. Dennoch: Wir müssen selbst vorangehen. Denn wir brauchen die Glaubhaftigkeit, wenn mir mit Kunden und Partnern sprechen.

Carsten Schildknecht (links) und Boris Herrmann im Gespräch

Wie herausfordernd ist es, die Kapitalanlagen der Zurich umzustellen?

Schildknecht: Wir wollen unsere gesamte Bilanz bis zum Jahr 2050 klimaneutral anlegen. Hierfür haben wir eine Rückwärtsplanung entwickelt. Das bedeutet, wenn man der Logik des Weltklima-Rates folgt, dass wir bis 2030 50 Prozent der CO2-Intensität unserer Assets reduziert haben wollen. Hierfür müssen wir 2022 zehn Prozent umschichten und bis 2025 dann 25 Prozent. Die Hauptherausforderung ist eine verbindliche Taxonomie. Die brauchen wir. Was versteht man genau unter ESG oder Klimaneutralität? Das ganze System der Bewertung und Klassifizierung ist eine der Hauptherausforderungen. Das muss von der Politik geklärt werden. Denn wir wollen jeglichem Greenwashing entgegenwirken. Was wir heute haben, reicht noch nicht. Wir brauchen Standards, auf die wir uns als Investmentmanager und Versicherer verlassen können. Allerdings ist es völlig illusionär zu glauben, binnen zwei oder drei Jahren die gesamte Bilanz von 36 Milliarden Euro umstellen zu können. Das ist ein Prozess, der uns Jahre beschäftigen wird.

Herr Herrmann, Sie haben Ökonomie mit dem Schwerpunkt Nachhaltiges Management studiert. Woher kommen Ihr Interesse und ihr Engagement für den Klimaschutz, was war der Auslöser?

Herrmann: Durch die Sozialisation in meinem Elternhaus hatte ich schon früh Interesse an der Gesellschaft, an Politik, an der Welt um uns herum. Das hat sich in meiner Schulzeit fortgesetzt und auch in meinem Studium widergespiegelt, in der Suche nach Fächern, die nicht rein technisch sind, sondern auch gesellschaftsorientiert. Ich habe angefangen, Physik zu studieren, habe dann aber den Studiengang gewechselt, weil ich nicht im „Elfenbeinturm“ sitzen wollte, um über Moleküle nachzudenken, die im Orbit schweben. Viele haben damals zu mir gesagt: Nachhaltiges Management, was soll das denn sein? Studier‘ mal was Ordentliches! Nach meinem Diplom 2007 bin ich dann Profisegler geworden. Bei einer meiner Weltumseglungen hatten wir einen sehr starken klimathematischen Bezug, weil wir gemerkt haben, dass rund um die Antarktis komplett andere Wetterbedingungen herrschten als erwartet: Wir haben viel länger gebraucht, wir hatten viel zu wenig Proviant dabei, mein Mitsegler hat 15 Kilo Gewicht verloren. Da wurde meine Neugierde geweckt: Wie hängt eigentlich der Klimawandel mit meiner Leidenschaft und meinem Elixier, dem Segeln und dem Ozean, zusammen?

Sie haben Ihre Atlantiküberquerung mit Greta Thunberg im Jahr 2019 gerade schon erwähnt. Der jungen Klimaaktivistin wird ja weltweit nicht nur Respekt und Anerkennung, sondern auch viel Hass und Häme entgegengebracht. Haben Sie eine Erklärung für diesen Hass? Resultiert er aus der Angst älterer Generationen, ihre Besitzstände zu verlieren?

Herrmann: Dieser Hass erstaunt mich insofern, weil sie ja keine Person ist, die jemanden anschuldigt und sagt: Es ist falsch, dass Sie ein großes Auto fahren, oder: Es ist falsch, in den Urlaub zu fliegen. So wie ich sie kenne und erlebt habe, hat sie sich mit solchen konkreten Äußerungen zurückgehalten. Ihr Hauptslogan ist: Hört auf die Wissenschaft. Vor unserer gemeinsamen Fahrt nach New York haben wir überlegt, was wir auf das Segel der „Malizia II“ schreiben wollen, um die Aufmerksamkeit für das Thema Klimaschutz zu erhöhen. Der Slogan „unite behind the science“ kam dann von ihr. Das ist ja eigentlich sehr nüchtern und neutral. Insofern ist es schon sehr erstaunlich, dass sie so polarisiert. Sie hat wahrscheinlich einfach einen Nerv der Gesellschaft getroffen. Die Diskussion über Klimaschutz wird ja häufig mit negativen Emotionen verbunden. Wenn jemand so klar wie Greta Thunberg sagt, dass wir das Klima schützen müssen, fühlen sich viele Menschen implizit angegriffen, selbst wenn der Vorwurf nicht explizit geäußert wird.

Wie haben Sie Greta Thunberg auf der Reise nach New York erlebt?

Herrmann: In der Zeit auf dem Schiff habe ich sie natürlich in einem privaten Kontext kennengelernt. Ich habe den Eindruck gehabt, dass sie aufatmet, weil sie mal nicht unter Beobachtung steht, eine Zeit lang ihre Ruhe hat und das Meer beobachten kann. Ich habe mich gefreut, einen Beitrag leisten zu können, so ein starkes Naturerlebnis für sie zu schaffen. Es war eine sehr herzliche und spannende Begegnung. Und ich habe viel von ihr gelernt, zum Beispiel eine gewisse Lockerheit im Umgang mit dem Thema Klimawandel. Man stellt sich ja manchmal schon Fragen wie: Darf ich öffentlich sagen, dass ich mit dem Flugzeug geflogen bin? Darf ich auf einem Pressefoto noch eine Plastikflasche in der Hand halten? Man ist ja fast schon verklemmt, das hilft aber der Sache nicht weiter. Es geht um die großen Themen, die Umsetzung einer Energiewende in Industrie und Gesellschaft, nicht um kleine moralische Fragen. Greta Thunberg habe ich da als sehr nüchtern erlebt, das hat mich sehr beeindruckt.

Dr. Schildknecht, was beeindruckt Sie an der Klimaaktivistin Greta Thunberg?

Schildknecht: Man kann sicher über manche Inhalte und Positionen streiten. Aber Greta hat ihrer Generation eine Stimme gegeben und die Aufmerksamkeit auf den Klimawandel gerichtet. Das ist das Wichtige. Es ist etwas anderes, die nächste Generation an der Meinungs- und Entscheidungsfindung zu beteiligen, als wenn wir – die Generation der 50 bis 70-Jährigen mit einem begrenzten Lebenshorizont – allein die Entscheidungen treffen, die die nächsten Generationen ausbaden müssen. Ich finde das sehr, sehr wichtig, der nächsten Generation eine Stimme zu gehen. Bei der Zurich gibt es die „Next-Generation-Gruppe“, eine Vereinigung junger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Als wir die Nachhaltigkeitsstrategie zur Entscheidung gebracht haben, waren diese Kolleginnen und Kollegen bei der Executive-Sitzung des Vorstands dabei. Ein sehr wichtiger Diskussionspunkt war dabei die Frage der Kompensation. Ist das eine Art Ablass-Handel oder ein erlaubtes Mittel? Die Kolleginnen und Kollegen waren sich einig, dass das Mittel erlaubt ist. Aber es darf den Blick auf tatsächliche Verhaltensänderungen, die es braucht, um die Dekarbonisierung zu erreichen, nicht verstellen. Fakt ist aber auch, dass sich ohne Kompensation die Ziele nicht erreichen lassen. Bei solchen Prinzipiendiskussionen muss die nächste Generation eine Stimme haben. Und das begrüße ich sehr.

Allein: Das Pflanzen von Bäumen hat mit einem nachhaltigen ökonomischen, ökologischen und sozialen Umbau wenig zu tun.

Schildknecht: Natürlich sind weitere Maßnahmen notwendig – es gibt keine Alternative. Das Pflanzen von Bäumen ist dabei nur ein Anfang – immerhin kompensiert das Anpflanzen des Zurich Forest unseren verbleibenden CO2-Fußabdruck. Den Kopf in Sand zu stecken und sich nicht zum Thema Nachhaltigkeit zu positionieren, nur um dem Vorwurf des Greenwashing zu entgehen? Das kann es auch nicht sein. Die einzige Lösung ist: Vorpreschen, aggressive Ziele setzen. Aber auch offen sein. Die Klimaneutralität bis 2050 ist das Ziel. Bis 2030 wollen wir 70 Prozent CO2-Intensität reduziert haben. An diesem Ziel müssen wir festhalten.

Das Gespräch führten Kim Brodtmann und Jörg Droste, beide Cash.

Den zweiten Teil des Interviews lesen Sie hier.

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