Roundtable: „Ein vollgelaufenes Haus ist meistens unrettbar verloren“

Domcura versichert sogar ZÜRS 4?

Schumacher: Wir bieten das Produkt seit Herbst 2020 an. In Deutschland gibt es ungefähr 110.000 Objekte in ZÜRS 4. Und wir bei Domcura haben uns gefragt, ob es da nicht eine Option gibt, auch hier einen Versicherungsschutz anbieten zu können?

Gemeinsam mit der Swiss Re haben wir es geschafft, einen Tarif zu einer akzeptablen Prämie anzubieten. Und zwar offerieren wir die Absicherung bundesweit zu Prämien, die, wenn man sie mit anderen Versicherungsangeboten vergleicht, etwa zwei Drittel günstiger sind.

Bei der Durchschnittsprämie liegen wir bei rund 2.000 Euro. Wir gingen davon aus, dass unser ZÜRS-4-Produkt Nachahmer finden würde – das ist aber nicht der Fall. Insofern freuen wir uns noch ein wenig über dieses schöne Projekt.

Wie hoch ist die Selbstbeteiligung?

Schumacher: Wir bieten die Absicherung mit Selbstbeteiligungen von 8.000, 15.000 oder 20.000 Euro. Letzlich ist das, wie so oft im Leben, eine Frage des Ausbalancierens. Was ist einem wichtig und was eher nicht.

Nachhaltige Geldanlage ist ein Trendthema, der nachhaltige Ausbau der Kapitalanlagen der Versicherer auch. Aber wie sieht es denn mit der grünen Sachversicherungen aus? Die Kunden sehen Nachhaltigkeit zunehmend als Hygienefaktor. Und ihnen reicht es nicht, einen Baum zu pflanzen? Wie nachhaltig sind die Sachversicherer?

Freund: Das Thema Nachhaltigkeit ist in aller Munde und Softfair beschäftigt sich intensiv mit dem Thema. Es gibt allerdings noch keinen standardisierten und abrufbaren Kriterienkatalog, was Nachhaltigkeit bedeutet.

Als Vergleichsanbieter und Ratinghaus tut man sich schwer zu sagen: „Dieses Produkt ist nachhaltig und dieses nicht.“ Wir arbeiten momentan an einer umfassenden Definition, was wir als nachhaltig ansehen und was nicht. Herr Droste, Sie haben es sehr provokativ formuliert: Reicht es aus, einen Baum zu pflanzen?

„Sehr viel Spielraum für individuelle Auslegung“

Oder reicht es, eine Klausel in den Bedingungen zu haben, dass eben neue Gerätschaften beispielsweise in der Hausratversicherung schadenfrei angeschafft werden dürfen, die den höchsten Öko-Standards entsprechen. Oder müssen alle Investments, die der Sachversicherer tätigt, nachhaltig investiert sein? Da gibt es momentan sehr viel Spielraum für individuelle Auslegung.

Schumacher: Meines Erachtens ist das Thema im Sachversicherungsbereich aktuell noch eher weniger von Bedeutung. Aber wir glauben, dass es immer mehr Menschen gibt, die etwas zum Thema Nachhaltigkeit beisteuern möchten.

Uwe Schumacher, Domcura: „Es gibt immer mehr Menschen, die etwas zum Thema Nachhaltigkeit beisteuern möchten.“ (Foto: Florian Sonntag)

Deshalb haben wir vor einem halben Jahr ein nachhaltiges Produkt in der Wohngebäudeversicherung auf den Markt gebracht. Natürlich ist die Anlagepolitik der Versicherer ein wichtiger Aspekt. Wobei Domcura hier weniger Einfluss hat.

Was genau macht Ihr Produkt nachhaltig?

Schumacher: Nach einem Brand oder einem Wasserschaden können bei der Renovierung nachhaltige Materialien verwendet werden: Holz oder Kork statt Kunstoff, Leinfarbe statt Latex. Oder man nutzt die Renovierung für die Energieeffizienz und lässt moderne Fenster einbauen.

Zudem übernehmen wir die Kosten für Sachverständige oder Energieberater, die einem bei der Renovierung zur Seite stehen. Darüber hinaus haben wir uns innerhalb des Konzerns darauf verständigt, im nächsten Jahr CO2-Neutralität zu erreichen.

Hier müssen inhouse-Prozesse entsprechend angepasst werden. Dieser Aspekt ist zwar nicht produktspezifisch, zeigt allerdings, dass wir als Unternehmen gesamtgesellschaftlich Verantwortung übernehmen.

Wie gehen Sie als Alte Leipziger dieses Thema an?

Neuhalfen: Wir sind als Sachversicherung eingebettet in eine Gruppe mit einem Lebensversicherer und einem Krankenversicherer. Die Nachhaltigkeit geht in zwei Stoßrichtungen. Die Kapitalanlage ist das eine. Wird bei der ALH Gruppe Kapital neu angelegt, so orientieren wir uns nicht nur an der gewünschten beziehungsweise erforderlichen finanziellen Rendite.

Auch Umwelt- beziehungsweise Klimaschutz, soziale Fragen und verantwortungsvolle Unternehmensführung werden zunehmend berücksichtigt. Vorrangig verfolgen wir dabei das Ziel, zur Eindämmung des Klimawandels beizutragen.

Bei Anleihen zum Beispiel wird ausschließlich in Anleihen solcher Staaten investiert, die das Pariser Klimaschutzabkommen ratifiziert haben. Im Übrigen beginnt Nachhaltigkeit im Kleinen. Seit einiger Zeit setzt sich eine Gruppe aus Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für Bienen und Artenvielfalt ein.

Wenn eine einfache Police, die normalerweise achtzig Seiten Papier stark ist, papierlos versendet wird, ist das tatsächlich nachhaltig. Überlegen Sie, wie viele Bäume bei mehreren 100.000 papierlosen Verträgen nicht mehr fallen müssen. Digitalisierung klingt abgedroschen, ist aber tatsächlich ein praktischer Gewinn.

Und da sind wir noch lange nicht am Ende der Möglichkeiten. Was das Produkt angeht, die Gebäudeversicherung ist ein gutes Beispiel: Unser neues Gebäudeprodukt, dass wir Ende dieses Jahres vorstellen werden, wird einige dieser Nachhaltigkeitsaspekte enthalten.

Registrieren Sie bei den Tarifen einen Umbruch?

Freund: Es halten immer mehr kleinere Bausteine Einzug, die eben genau auf das Thema Nachhaltigkeit einzahlen. Einige Versicherer setzen darüber hinaus auch eigene Green-Line beziehungsweise Öko- und Nachhaltigkeitsprodukt auf.

Bei der Auswahl eines Tarifs in der Sachversicherung dürften Ratings eine wichtige Rolle spielen.

Neuhalfen: Die Siegel, Ratings, Rankings sind mittlerweile inflationär. Natürlich sind sie ein guter Indikator für Produkt- oder Prozessqualität. Man muss aber auch fragen, für welchen Adressatenkreis. Es gibt die Ratings für die Endkunden einerseits und für die Vermittlerschaft andererseits.

„Fakt ist, sie sind wie süßes Gift“

Fakt ist, dass sie wie süßes Gift sind. Aber wenn Sie die 17. Ratingmarke auf ein Produkt kleben, dann ist das kontraproduktiv. Für unser Haus sind die Bewertungen allerdings wichtig.

Aber wir beschränken uns auf die bedeutenden Themen wie die Solidität und die Reputation des Bewertenden. Und da muss man über die Zeit feststellen, dass es zunehmend weniger Rating-Häuser sind, die wirklich Marktwirkung haben.

Lesen Sie hier, wie es weitergeht.

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