Mehrheit der Deutschen will für nachhaltige Versicherungsprodukte nicht mehr zahlen

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Für nachhaltige Versicherungsprodukte verlangen die Versicherer hierzulande oftmals höhere Prämien als für konventionelle Policen. Allerdings scheint die Mehrheit der Deutschen aktuell aber nicht mehr bereit, für den nachhaltigen Ansatz auch mehr Geld auszugeben. Die nachhaltigere Ausgestaltung von Versicherungen dürfte für die Gesellschaften zu einer Herausforderung werden. Das liegt auch an der weit verbreiteten Skepsis der Kunden gegenüber Versicherern.

Die Bereitschaft deutscher Verbraucherinnen und Verbraucher, für Nachhaltigkeit höhere Versicherungsprämien oder geringere Leistungen in Kauf zu nehmen, hat im Vergleich zur Vorjahresbefragung deutlich abgenommen.

Auch im Ländervergleich fällt Deutschland weit hinter Österreich und die Schweiz zurück. Damit wird für Versicherungen die kundenorientierte Ausgestaltung jenseits von nachhaltigen Anlageprodukten zu einer Herausforderung. Das zeigt das neue Stimmungsbarometer der Unternehmensberatung BearingPoint für Deutschland, Österreich und die Schweiz.

Bewusstsein für das Thema wächst

Das Thema Nachhaltigkeit ist bei Versicherungskunden im zurückliegenden Jahr nochmals stärker in das Bewusstsein getreten. Inzwischen geben mehr als neun von zehn Verbraucherinnen und Verbrauchern an, den Begriff zu kennen und eine überwiegende Mehrheit hat zu Inhalt und der Zielsetzung auch konkrete Vorstellungen. Insbesondere aus Sicht der deutschen Kunden darf Nachhaltigkeit im Kontext von Versicherungsschutz aber nichts kosten, wie die neue YouGov-Umfrage im Auftrag der Management- und Technologieberatung BearingPoint für die Länder Deutschland, Österreich und Schweiz zeigt.

Abnehmende Erwartungshaltung bei bestehend hoher Skepsis

Dass Versicherungsunternehmen eine wichtige Rolle bei der Förderung von Nachhaltigkeit spielen sollen, bejahen jetzt deutlich weniger Verbraucher. Mit Zustimmung von 53 Prozent der Deutschen, 64 Prozent der Österreicher und 67 Prozent der Schweizer sollten Versicherungen mit ihren Produkten nachhaltiges Verhalten fördern. Eine Mehrheit – im Vorjahr waren es aber noch 71, 80 und 81 Prozent.

Umwelt- und Ressourcenschonung im Fokus

Bei den Zielen überlagern laut Umfrage Aspekte der Umwelt- und Ressourcenschonung ganz maßgeblich andere ESG-Elemente wie zum Beispiel soziales Engagement oder gute Unternehmensführung. Dies mag auch unter dem Eindruck der aktuellen Kriegsfolgen stehen, in denen Ressourcenschonung auch im Kontext der Energieeinsparung erkannt wird. Gefragt nach den für sie wichtigsten Themen stehen Investitionen in Umweltschutz weiterhin ganz oben. Doch auch Transparenz und eine insbesondere positive Verbindung zwischen nachhaltigem Verhalten und Prämienhöhe spielen für die Verbraucher bei nachhaltigen Produkten eine nicht minder wichtige Rolle.

Der Anteil derjenigen, die Kenntnis zur konkreten Umsetzung einfordern, ist weiterhin groß. Da ist es auch nicht verwunderlich, dass für 48 Prozent der Deutschen, 59 Prozent der Österreicher und 58 Prozent der Schweizer eine externe Zertifizierung – z.B. durch ein Siegel – bei der Entscheidung zugunsten eines nachhaltigen Produkts wichtig ist.

Wenig Bereitschaft zu Leistungseinbußen oder höheren Prämien

Zwar sind die Zustimmungswerte in der jungen Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen deutlich höher. In der Gesamtbevölkerung wären in Deutschland aber nur 32 Prozent, in Österreich 41 Prozent und in der Schweiz 46 Prozent bereit, für mehr Nachhaltigkeit auf Versicherungsleistungen zu verzichten.

Gefragt nach der Bereitschaft zur Zahlung einer höheren Prämie für einen nachhaltigen Zweck, wären nur 27 der Deutschen, 39 Prozent der Österreicher und 36 Prozent der Schweizer dazu bereit. Über 50 Prozent lehnen in allen drei Ländern eine erhöhte Prämie für ein nachhaltig ausgerichtetes Produkt ab. Schon im Vorjahr stimmten weniger als ein Drittel der Idee zu, etwa den Versicherungsschutz für weniger umweltfreundliche Fahrzeuge (zum Beispiel große SUV) zugunsten von Fahrzeugen mit guter Klimabilanz zu verteuern.

Junge Generation eher dazu bereit

Unter den Befragten, die zu einem eigenen Beitrag bereit wären, stimmt in allen drei Ländern eine Mehrheit verschiedenen Varianten der Prämienkalkulation zu. Über 40 Prozent können sich auch den Verzicht bei Ersatzleistungen – etwa keine Neuteile oder Reparatur – und über 30 Prozent eine Einschränkung bei Leistungen im Schadensfall vorstellen.

Giso Hutschenreiter, Partner und Versicherungsexperte bei BearingPoint: „Nachhaltigkeit setzt sich in den Köpfen der Verbraucher fest. Mit vermeintlich steigendem Verständnis für das Thema, nimmt aber auch die Skepsis hinsichtlich der Rolle von Versicherungen und Versicherungsprodukten beim Thema Nachhaltigkeit zu. In Deutschland scheint das Thema aktuell besonders schwierig. Die traditionellen Vorbehalte deutscher Verbraucher gegenüber Finanzinstituten scheint sich zudem beim Thema Nachhaltigkeit fortzusetzen. Bei anlageorientierten Produkten allerdings setzt sich die Einschätzung durch, dass auf längere Sicht die nachhaltige Ausrichtung sich zumindest nicht nachteilig auf die Rendite auswirkt.“

Nachhaltige Anlageprodukte: Deutsche skeptisch

Die größere Skepsis deutscher Verbraucher im Vergleich zu Versicherungskunden in Österreich und der Schweiz zeigt sich auch im Hinblick auf die Beurteilung von nachhaltigen Anlageprodukten von Versicherungen. In Deutschland ist der Anteil derjenigen, die im Vergleich zu herkömmlichen Anlageprodukten bei nachhaltiger Ausrichtung langfristig mit einer niedrigeren (47 Prozent) und einer höheren Rendite (46 Prozent) rechnen, nahezu gleich verteilt. Anders in Österreich und der Schweiz: Mit 57 Prozent der Österreicher und 56 Prozent der Schweizer rechnen deutlich mehr Verbraucher mit einer höheren Rendite nachhaltiger Versicherungsprodukte als in Deutschland.

Bei Produktwahl spielt Nachhaltigkeit für 51 Prozent keine Rolle

Dass Produkte mit nachhaltiger Ausrichtung bereits grundsätzlich im Markt angeboten werden, glauben 47 Prozent der Deutschen, 56 Prozent der Österreicher und 57 Prozent der Schweizer. Für nur noch 29 Prozent der Deutschen (Vorjahr: 34 Prozent) würde inzwischen das Angebot nachhaltiger Produkte die Versicherungswahl beeinflussen, während 51 Prozent dies verneinen (Vorjahr: 48 Prozent). In Österreich und in der Schweiz sind die Zahlen zwar höher, aber im Vergleich zum Vorjahr ebenfalls rückläufig.

Die Skepsis hinsichtlich der Rolle von Versicherungen und Versicherungsprodukten beim Thema Nachhaltigkeit nimmt zu: Quelle: BearingPoint

„Gegenüber dem Vorjahr verfestigt sich die Haltung der Kunden, dass mit einer nachhaltigen Ausrichtung des eigenen Verhaltens auch eine positive Auswirkung auf die Prämienhöhe verbunden sein sollte. Der gegebenenfalls nötige Verzicht auf Leistungen oder ein nachteiliger Effekt auf die Prämien – etwa in Form von preislichen Steuerungsimpulsen – trifft jedoch noch bei wenigen Verbrauchern auf Zustimmung. Sowohl für Kunde als auch Versicherer könnte sich noch ein schmerzhafter Lernprozess abzeichnen, dass Nachhaltigkeit auch ein Stück mit Verzicht, mindestens aber mit Veränderung zu tun hat“, resümiert Hutschenreiter.

Für die Studie hatte im Auftrag von BearingPoint Yougov Versicherungskunden in Deutschland, Österreich und der Schweiz befragt.

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