4. Juli 2013, 12:54

Stiftung Warentest Berufsunfähigkeitstest: Franke & Bornberg kritisiert Vorgehen

Die aktuellen Ergebnisse zur Stiftung Warentest Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) sind bei Versicherungsmaklern auf harsche Kritik gestoßen. Der BU-Analyst Michael Franke unterstellt den Prüfern “indiskutable fachliche Mängel”. Finanztest-Chefredakteur Hermann-Josef Tenhagen widerspricht.

Stiftung Warentest Berufsunfähigkeit

Michael Franke, Franke & Bornberg

Das Analysehaus Franke & Bornberg hat den BU-Test in der “Finanztest”-Ausgabe 7/2013 untersucht und geht mit der Vorgehensweise der Prüfer hart ins Gericht.

So meint der geschäftsführende Gesellschafter, Michael Franke, “problematische Anreize in der Preisgestaltung, problematische Ratschläge und indiskutable fachliche Mängel” erkannt zu haben. Der Stiftung Warentest Berufsunfähigkeitstest schaffe nicht die erforderliche Transparenz und verunsichere die Menschen, kritisiert Franke.

Seitens der Versicherungsmakler wurde unter anderem bemängelt, dass “Finanztest” die Zahl der Prüfkriterien auf zehn begrenzt hat. Stattdessen seien mindestens 30 Kriterien erforderlich.

Stiftung Warentest Berufsunfähigkeit

Finanztest-Chefedakteur Hermann-Josef Tenhagen zeigt sich dialogbereit.

“Finanztest” tritt Kritik entgegen, ist aber offen für Anregungen

Finanztest-Chefredakteur Hermann-Josef Tenhagen trat den kritischen Äußerungen im Gespräch mit Cash.-Online entgegen: Das Untersuchungsdesign habe “Hand und Fuß”, betonte Tenhagen und verwies darauf, dass sich die Stiftung Warentest bereits seit 15 Jahren mit BU-Analysen beschäftige. Ein Fachbeirat, dem Verbraucherschützer, Makler, Unternehmensvertreter und Wissenschaftler angehörten, sei bestrebt, stets das “beste Ergebnis für den Verbraucher” zu ermöglichen. Gleichwohl nehme man Anregungen von Versicherungsmaklern immer gerne auf und prüfe, ob diese umsetzbar seien. “Wir wollen zuhören und lernen”, so Tenhagen. (lk)

Was BU-Analyst Michael Franke am Testverfahren der Verbraucherschützer missfällt, ist hier im Wortlaut nachzulesen:

Bruttobeiträge nicht bewertet

Im Text wird zwar der Hinweis gegeben, dass die Nettobeiträge nicht garantiert sind; im Test wird dies aber nicht berücksichtigt. Die Spreizung zwischen Bruttobeitrag und Nettobeitrag beträgt je nach Anbieter zwischen zwölf und 122 Prozent. Eine Anpassung der Beiträge bis hin zum Bruttobeitrag kann der Versicherer bei schwindenden Überschüssen vornehmen.

Die Tester blenden dabei die Tatsache aus, dass schon heute manche Bestandskunden aufgrund eingebrochener Überschüsse nahezu Bruttobeiträge zahlen. Dabei handelt es sich zwar noch nicht um ein Massen-Phänomen, doch der aktuelle Preiskampf in der BU kann diese Entwicklung absehbar beschleunigen. In den getesteten Neugeschäftstarifen, die in anderen Gewinnverbänden geführt werden, merkt man davon nichts. Die Tester setzen daher Anreize für “Lockvogel-Angebote” mit hohem Anpassungspotential.

Endalter/versicherbare Berufe

Das eigentliche Problem in der BU ist heute nicht mehr die Endalterbegrenzung, sondern der hohe Preis für den BU-Schutz. Zumindest für körperlich Tätige. Für viele Berufe ist es zwar möglich, einen Vertrag bis zum 67. Lebensjahr zu schließen, die Beiträge sind allerdings unerschwinglich. Daher macht es keinen Sinn, lediglich die Versicherbarkeit zu beurteilen.

Belohnt werden auf diese Weise erneut Versicherer, die Prämien immer weiter differenzieren und damit bei den von der Stiftung untersuchten Musterkunden günstig liegen. Mit dieser immer kleinteiligeren Berufsgruppen-Differenzierung wird der Versicherungsgedanke zunehmend ad absurdum geführt. Verbraucher, die den Schutz am wenigsten brauchen, erhalten ihn immer günstiger, für die anderen wird er nahezu unbezahlbar.

Im Text wird zwar darauf hingewiesen, dass der BU-Schutz für Viele immer teurer wird, die bewertungsrelevanten Musterfälle stellen aber auf Berufe mit vergleichsweise niedrigem BU-Risiko ab. Passend dazu wird eine Tabelle mit einer Einteilung von Berufen in vier Berufsgruppen gezeigt. In der Praxis ist das längst der Ausnahmefall; Berufen werden inzwischen in bis zu 24 Berufsgruppen beziehungsweise Beitragsklassen eingeteilt.

Grob fahrlässige Beitragsanalyse

Geradezu grob fahrlässig ist der Umgang der Tester mit den ausgewählten Musterkunden. Verträge anhand von nur drei Musterberufen zu bewerten, entbehrt heute jeglicher fachlichen Grundlage. Aufgrund der Vielzahl an Berufsgruppen sind aus einzelnen Berufsbeispielen keine Ableitungen auf das Prämiengefüge eines Anbieters möglich. Zudem ist bekannt, dass Versicherer heute einzelne Berufe sehr schnell „umgruppieren“, also beispielsweise in eine günstigere Beitragsklasse einstufen können.

Auffällig ist hierbei die mit einem Jahresbeitrag in Höhe von 471 Euro sehr niedrige Prämie eines Anbieters im Musterfall “Industriemechaniker”. Rechnet man beim selben Anbieter das sehr ähnliche Berufsbild “Mechatroniker”, so ergibt sich ein Jahresbeitrag in Höhe von 1.033 Euro. Bei vielen anderen getesteten Anbietern liegen diese beiden Berufe preislich deutlich näher beieinander. Hätten die Tester den Mechatroniker herangezogen, so läge dieser mehrfach im Text positiv herausgestellte Anbieter weit hinten im Feld und nicht einmal annähernd im Bereich der günstigen Angebote. Die ungewöhnlich niedrige Prämie für den Industriemechaniker bei diesem Anbieter, resultiert übrigens aus der keineswegs üblichen, preislich identischen Einstufung mit dem Industriekaufmann.

Ratschläge für günstige Beiträge problematisch

Kaum nachvollziehbar sind die Ratschläge für die Musterkunden, die versicherte Rente abzusenken oder die Laufzeit der Verträge zu verringern, um Beiträge einzusparen “wenn das Gehalt noch niedrig ist”. Der bessere Rat ist die Nutzung von Einsteigertarifen oder Tarifen mit technisch einjähriger Beitragskalkulation inklusive Umstellungsrecht auf konstante Beiträge. Das Angebot an solchen Tarifen ist für die 25-jährigen Musterkunden noch erreichbar und inzwischen vielfältig. Solche Lösungen stellen den Verbraucher deutlich besser als die Ratschläge der Stiftung.

Wenn die Laufzeit auf 60 Jahre verringert wird und der BU-Fall in jungen Jahren eintritt, besteht faktisch keine Möglichkeit mehr, eine zusätzliche Altersversorgung aufzubauen. Wenn die Tester den Rat geben, Solo-BU-Verträge abzuschließen und die Laufzeit zu verringern, dann fehlt hier der Hinweis, wie man die später unweigerlich auftretende Finanzierungslücke zwischen dem Ende der BU-Leistung und dem Beginn der Altersrente schließen soll. Als Kompromiss, den die Tester nicht erwähnen, kann hier eine Versicherungsschutzdauer bis zum Alter 60 mit einer Leistungsdauer bis zum 67 Lebensjahr genannt werden.

Seite zwei: Mangelhafter Hinweis auf das Risiko der Anzeigepflichtverletzung

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11 Comments

  1. […] http://www.cash-online.de/versicherungen/2013/bu-test-von-stiftung-warentest-erntet-kritik/129952 […]

    Pingback von Was hat Ritter Sport mit Versicherungen zu tun oder wer schützt uns vor dem Verbraucherschutz? | Die Zeit ist gekommen! — 11. August 2015 @ 16:18

  2. Leider ist das wahrscheinlich nicht nur bei der Berufsunfähigkeitsversicherung so!

    Kommentar von mario — 18. Februar 2014 @ 13:28

  3. Wirklich schade, wenn man sich bei einer so schwierigen Entscheidung wie bei der Berufsunfähigkeitsversicherung nicht mal mehr auf die Unabhängigkeit bzw. Kompetenz der Tester verlassen kann

    Kommentar von BU — 9. November 2013 @ 10:12

  4. […] geht’s zum Artikel: http://www.cash-online.de/versicherungen/2013/bu-test-von-stiftung-warentest-erntet-kritik/129952 Category: Allgemein Post […]

    Pingback von Berufsunfähigkeitsversicherung test von Stiftung Warentest | Berufsunfähigkeitsversicherung Vergleich BLOG — 8. Oktober 2013 @ 10:52

  5. Mich wundert es, dass hier nur eine andere Ratingagentur genannt wird und nicht die ursprüngliche Quelle für die Kritik. Soweit ich weiß, war es nämlich ein Makler (Helberg), der am BU Test von Stiftung Warentest kein gutes Wort verlor. Hier die passende News dazu: http://www.xn--berufsunfhigkeitsversicherung-testsieger-omd.de/bu-test-2013-von-stiftung-warentest-in-der-kritik/

    Finde es schade, dass die Ratingagenturen sich die Testkriterien erst danach prüfen und das nicht von selbst sehen… so ist das Leben eben…vielleicht zahlen die Versicherer einfach zu gut und von irgendwas müssen die Redakteure ja leben *kleiner Scherz am Rande*
    Grüße
    Kai

    Kommentar von Kai — 13. August 2013 @ 14:58

  6. Also ich muß ehrlich gestehen, dass ich ein wenig irritiert war, was die Kompetenz der Tester von Stiftung Warentest angeht. Kann man sich als Verbraucher noch nicht mal mehr auf die neutralen Testergebnisse verlassen?
    Gerade bei einem so wichtigen Schutz wie der einer Berufsunfähigkeitsversicherung sollten die Test zwischen den einzelnen Anbietern einen guten Überblick bieten.

    Kommentar von Wolfgang P. — 30. Juli 2013 @ 20:50

  7. Wissenschaftliche Standards verbieten es geradezu, eine Untersuchung auf so wenige Bereiche zu fokussieren, ohne dem geneigten Leser auch nur ein Wort davon zu sagen. Jeder Makler oder Berater im Versicherungsbereich hat letztlich die Verpflichtung, dem Kunden Empfehlungen auszusprechen, die seine reale Situation am besten abdecken. Dazu gehört es letztlich auch, die entsprechenden Bedingungen zu prüfen und Ihnen auch das entsprechende Gewicht zu verleihen. Ein reduziertes Test-Desgin kenne ich eigentlich nur aus dem Marketing, wo man schnell und mit wenig Aufwand Ergebnisse mittels schicker Präsentation rüber bringen will. Und selbst da arbeiten die Leute wissenschaftlich fundiert und gegen Reduktionen des Desings zumindest mit an. Nur so kann der Leser der Studie auch bewerten, ob diese Aussagekraft hat oder nicht.

    Wenn nun die Stiftung Warentest her geht und ein Test-Design so extrem reduziert, wie ich es mir als Makler niemals erlauben dürfte, dann ist dies vor allem deswegen so schwerwiegend, weil der Leser von der Unabhängigkeit und dem eigenen Anspruch der Stiftung als Verbraucherschutzinstrument überzeugt ist. Da stört es offenbar nur, wenn man darauf hinweist, dass das Testverfahren leider nicht so vollständig ist, wie es sein könnte oder auch sollte.

    Es bleibt dabei, eine vernünftige individuelle Beratung ist das A&O bei Versicherungen, das gilt für eine Haftpflichtversicherung im gleichen Maße wie für eine Absicherung der Berufsunfähigkeit. Da reichen im Zweifel 10 Kriterien eben nicht aus, um eine Empfehlung zu geben.

    Insofern hoffe ich, dass Herr Tenhagen mit seiner Aussage, dass man lernen würde, auch Ernst macht und lernt. Hilfsangebote bekommt er sicherlich viele, annehmen muss er sie selbst. Allerdings macht es mich stutzig, dass Herr Tenhagen an anderer Stelle, dass sich die Stiftung Warentest bereits seit 15 Jahren mit BU-Analysen beschäftige. Also, wenn er bzw. seine Stiftung nach 15 Jahren noch lernen muss, dann ist das eher ein Trauerspiel. Ein Blick in die Vergleichssoftware einer renommierten Gesellschaft, hätte vermutlich 15 Jahre Erfahrung wenigstens unterstützen können. Immerhin hätte man dem Verbraucher wenigstens mitteilen können, dass eine Vielzahl von Kriterien zur Bewertung notwendig ist, und er am besten zu einem unabhängigen Berater oder Makler gehen möge, um eine bedarfsgerechte Beratung zu erhalten. Dieser Satz im Heft und schon wäre das Thema abgehandelt.

    Mit freundlichen Grüßen
    Lars Gräff

    Kommentar von Lars Gräff — 8. Juli 2013 @ 13:27

  8. Ich habe mal versucht, per Mail Kontakt mit Herrn Tenhagen aufzunehmen, um eine Anregung durchzugeben, aber .. keine Email zu ihm gefunden. Da entsteht der Eindruck, daß Herr Tenhagen keinen Meinungsaustausch mit Maklern, die übrigens die Interessen ihrer Mandanten im Auge haben, wünscht. Was ist das für eein Verbraucherschutz!? Und wer haftet für den Mist, den diese Herrschaften auf Kosten der Steuerzahler verzapfen??

    Kommentar von Horst Gläser — 8. Juli 2013 @ 12:48

  9. Wer testet eigentlich die Diletanten von Finanztest und warum haften die nicht für Ihre Aussagen?

    Kommentar von Stefan — 5. Juli 2013 @ 13:38

  10. Unglaublich, dass derartig schlechte, oberflächliche usw. …. Analysen auch noch subventioniert werden.

    Kommentar von Andrea Doppert — 5. Juli 2013 @ 10:17

  11. Eine kleine Ergänzung:

    Herr Tenhagen stieß Anfang der Woche zu uns. In der Erwartung, dass wir uns kritisch mit dem Test auseinander setzen, fanden sich einige Fachleute in einer eigens gegründeten Gruppe auf Facebook ein.

    Bis zur aktuellen Stunde gab es keinerlei Ansatz von Herrn Tenhagen, auch nur einen Kritikpunkt zu besprechen.

    Herr Tenhagen gab lediglich zu verstehen, dass man lernen würde. Wer auch immer was lernt, wie auswählt und beurteilt, bleibt ein absolutes Geheimnis.

    Uns ist nicht ein einziger Punkt bekannt, in dem Herr Tenhagen nur angedeutet hätte mit uns, mit irgend jemandem darüber zu reden.

    Insofern ist der Kommentar von Herrn Tenhagen an dieser Stelle eine Bankrotterklärung einer Institution, welche mit 3,5 Millionen Euro durch Steuergelder finanziert wird und Tests abliefert, die dem Bürger nicht helfen und gleichzeit absolut intransparent gestaltet werden.

    Eine offene, für alle (!) einsehbare Diskussion, Transparenz und Verständlichkeit, aber auch harte Kritik sind das, was der Bürger erwarten darf. Hier aber nicht bekommt.

    Kommentar von Frank Eßmann — 5. Juli 2013 @ 09:05

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