Mehr als die Hälfte der Studierenden und Berufseinsteiger in Deutschland sucht länger als vier Monate nach dem ersten Job. Das geht aus einer aktuellen Umfrage von Uniwunder hervor. 53 Prozent der Befragten geben an, mehr als vier Monate aktiv auf Stellensuche zu sein, 19 Prozent sogar länger als ein Jahr.
Was viele als persönliches Scheitern empfinden, bewertet Matthias Auer, Geschäftsführer von Uniwunder, als strukturelles Phänomen. „Die Erwartung, unmittelbar nach dem Abschluss einen passenden Einstiegsjob zu finden, stammt aus einem außergewöhnlich günstigen Arbeitsmarkt der vergangenen Jahre“, sagt Auer. „Dieses Umfeld hat sich deutlich verändert. Heute sind Übergangsphasen von bis zu sechs Monaten nach dem Studium keine Ausnahme mehr.“
Die Verzögerungen betreffen unterschiedliche Fachrichtungen und Abschlussarten. Besonders häufig nennen Absolventen aus den Bereichen Marketing, Kommunikation und PR, Bildung und Forschung, Ingenieurwesen und Technik sowie Beratung und Consulting längere Suchphasen. 49 Prozent der Befragten verfügen über einen Masterabschluss, 44 Prozent über einen Bachelor.
Auer sieht keinen Motivationsmangel bei den jungen Talenten. „Wir sehen keinen Mangel an Motivation, sondern einen strukturellen Bruch im Junior-Recruiting“, sagt er. „Unternehmen suchen hochqualifizierte Berufseinsteiger/-innen, gleichzeitig werden Einstiegsprofile enger gefasst und Prozesse verlängert.“
Die Bewerbungsaktivität ist entsprechend hoch. 68 Prozent der Befragten haben bereits mehr als 20 Bewerbungen verschickt. Als Hauptgründe für ausbleibende Zusagen nennen 28 Prozent die hohe Konkurrenz, 25 Prozent fehlende Praxiserfahrung und 15 Prozent fehlende Rückmeldungen im Bewerbungsprozess.
Diese Ergebnisse decken sich mit dem aktuellen Uniwunder Gen-Z-Report. Das Unternehmen will damit ein differenzierteres Bild der Generation Z zeichnen und deren Perspektive systematisch erfassen. Die Daten widersprechen verbreiteten Vorurteilen.
Zwischen Leistungsbereitschaft und Prozesskritik
So geben 50 Prozent der Befragten an, im ersten Job 35 bis 40 Stunden pro Woche arbeiten zu wollen, 14 Prozent sogar mehr als 40 Stunden. Gleichzeitig legen viele Wert auf klare Strukturen, regelmäßiges Feedback und transparente Entwicklungsperspektiven.
„Die Diskussion über die Gen Z ist oft stark emotionalisiert und verkürzt“, sagt Auer. „Mit dem Report wollten wir faktenbasiert zeigen, wie diese Generation tatsächlich denkt, arbeitet und entscheidet – und damit ein Stück weit Vorurteile aus dem Weg räumen.“ Ziel sei es, mehr Bewusstsein und Verständnis auf Arbeitgeberseite zu schaffen. „Wir erhoffen uns, damit ein bisschen dazu beizutragen, dass die Verständnislücke, die aktuell zwischen der Gen Z und potenziellen Arbeitgebern klafft, etwas zu schließen.“
Aus seiner Sicht wird mangelnde Rückmeldung im Bewerbungsprozess häufig falsch interpretiert. „Die Gen Z ist nicht arbeitsunwillig – sie ist reflektierter und sensibler für ineffiziente Prozesse“, erklärt Auer. „Ghosting, unklare Anforderungen und lange Entscheidungswege wirken heute stärker abschreckend als früher. Das wird häufig fälschlich als mangelnde Motivation interpretiert.“
Recruiting-Prozesse als Wettbewerbsfaktor
Zugleich beobachtet Auer eine höhere Selektivität auf Unternehmensseite. „Unternehmen stellen selektiver ein und erwarten heute häufig mehr Orientierung, Praxiserfahrung oder ein klareres Profil“, erklärt er. „Das führt nicht dazu, dass Absolvent/-innen schlechtere Chancen haben – aber der Weg dorthin ist weniger geradlinig.“
Für Recruiter bedeutet das vor allem eines: klar definierte Einstiegsrollen, realistische Anforderungsprofile und transparente Prozesse gewinnen an Bedeutung. Strukturierte Trainee-Programme, verbindliche Kommunikation und nachvollziehbare Entscheidungswege werden damit zunehmend zum entscheidenden Faktor im Wettbewerb um Nachwuchskräfte.














