Herr Härtling, Sie plädieren stark für digitale und KI-gestützte Lösungen. Welche Aufgabe bleibt dem Menschen?
Härtling: Der Mensch bleibt extrem wichtig. Ich sehe das wie bei einem Flugzeug: Wir brauchen den Piloten und den Autopiloten. Der qualifizierte Berater führt das Gespräch, während digitale Systeme laufend überwachen, ob die Strategie noch zum Ziel passt. Sie können administrative Arbeit übernehmen und emotionslos auf Marktentwicklungen reagieren. Das ist relevant, weil Kunden bei einem Drawdown von fünfzig oder mehr Prozent häufig im falschen Moment verkaufen. Wer ohne Garantie investiert, muss wissen, welche Schwankungen er aushält und welchen Preis zusätzliche Sicherheit hat.
Stenger: Über lange Laufzeiten sehe ich mehr Chancen als Risiken. Sicherheit lässt sich auch ohne klassische Garantie organisieren, etwa durch Lifecycle-Modelle. Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Standard- und Premiumlösung. Wenn das Altersvorsorgedepot teurer ist als das Standardprodukt, muss es einen erkennbaren qualitativen Mehrwert bieten. Die Kostendiskussion ist derzeit sehr dominant, doch billig ist nicht automatisch klug.
Elter: Wir bewegen uns schnell in unserer Fachblase. Viele Menschen tun sich schwer damit Brutto und Netto auseinanderzuhalten und erst recht zwischen verschiedenen Anlageformen wie ETF, Fonds und Versicherungslösungen zu differenzieren. Deshalb beginnt die Aufgabe schon in der Schule. Wer den Zinseszinseffekt nicht versteht, kann Chancen und Risiken schwer beurteilen. Mehr öffentliche Aufmerksamkeit ist gut, kann aber auch überfordern. Der Staat sollte deshalb nicht nur Produkte fördern, sondern zugleich in finanzielle Bildung investieren.
Krahnenfeld: Gerade die Frühstartrente hätte dafür ein Signal setzen können. Wenn der Staat nur ein Standardprodukt vorgibt und alles automatisch verwaltet, entsteht erneut die Haltung: Lehn dich zurück, der Staat erledigt das. Eine Wahlmöglichkeit würde Eltern und Kinder eher dazu bringen, sich mit Kapitalmarkt, Risiko und langfristigem Sparen auseinanderzusetzen.
Buchholz: Sonst läuft achtzehn Jahre etwas nebenher, ohne dass das Kind überhaupt weiß, welches Vermögen vorhanden ist. Der gewünschte Bildungseffekt verpufft. Wer Schwankungen erlebt, lernt, was Risiko bedeutet und warum Garantien ihren Preis haben. Genau diese Erfahrung kann später bessere Anlageentscheidungen ermöglichen.
„Sicherheit lässt sich auch ohne klassische Garantien organisieren, etwa durch Lifecycle-Modelle.“ - Martin Stenger
Wie verändert das Altersvorsorgedepot die Vergütung und das Geschäftsmodell der Berater?
Buchholz: Laufende Vergütungsmodelle können die dauerhafte Betreuung stärken. Wer regelmäßig für die Bestandsbetreuung bezahlt wird, hat einen nachvollziehbaren Anlass für jährliche Gespräche. Zugleich werden Beratungsbestände als Unternehmenswert attraktiver und können an Nachfolger übergeben werden. Das erhöht die Chance, dass Kunden auch nach dem Ausscheiden ihres bisherigen Beraters weiter betreut werden. Digitale Werkzeuge und KI-Agenten können dabei Administration reduzieren, damit mehr Zeit für Kundengespräche bleibt.
Stenger: Eine am verwalteten Vermögen orientierte Vergütung schafft zudem eine stärkere Interessengleichheit: Entwickelt sich das Vermögen gut, profitieren Kunde und Berater; entwickelt es sich nicht, fällt auch die Vergütung geringer aus. Das entspricht der regulatorischen Entwicklung zu Value for Money und laufender Betreuung. Vollständig digitale Anbieter müssen allerdings erklären, wer bei Problemen erreichbar ist. Wenn der Kunde Unterstützung benötigt, braucht er einen klaren ersten Ansprechpartner.
Härtling: Genau darum geht es. Digitalisierung soll Berater nicht ersetzen, sondern ihnen den Rücken freihalten. Die Technik übernimmt Verwaltung und Monitoring; der Berater gewinnt Zeit für qualifizierte Gespräche. Eine laufende Vergütung kann diese Betreuung wirtschaftlich absichern.
Viele Menschen haben bislang weder Beratung noch Vorsorgevertrag. Andere sagen, sie hätten überhaupt kein Geld zum Sparen. Wie erreicht man diese Gruppen?
Krahnenfeld: Die beitragsproportionale Förderung ist ein richtiger Ansatz, weil sie auch Geringverdiener einbezieht. Zudem werden Frühstartrente, Altersvorsorgedepot und Rentenkommission medial, bei Anbietern und Beratern sehr präsent sein. Ein Informationsmangel dürfte kaum entstehen. Das größere Problem ist das Dickicht aus seriösen Informationen und Halbwissen. Anbieter und Berater müssen deshalb verständlich kommunizieren und Orientierung schaffen.
Elter: Der Staat muss noch klarer sagen, dass private Vorsorge kein nettes gefördertes Sparen, sondern ein notwendiger Teil der Alterssicherung ist. Woher das Geld dafür kommt, können wir nicht für jeden beantworten; dazu gehören auch Wirtschaftswachstum und Beschäftigung. Dennoch muss die Reform ehrlich vermitteln, dass die gesetzliche Rente allein den Lebensstandard nicht sichern wird. Nur dann verstehen Menschen, warum heutiger Konsumverzicht notwendig sein kann.
Stenger: Frühstartrente und Aktivrente senden bereits eine klare Botschaft: früher anfangen und gegebenenfalls länger arbeiten. Beides wäre nicht nötig, wenn die bisherigen Systeme ausreichten. Wichtig ist, die gesamte Chronologie der Vorsorge zu betrachten und auch die bAV einzubeziehen. Gerade Beschäftigte in kleineren, nicht tarifgebundenen Unternehmen werden bislang oft nicht erreicht. Eine stärkere bAV-Durchdringung könnte dort einen erheblichen Beitrag leisten.
Buchholz: Auch 25 Euro im Monat sind für manche Menschen viel Geld und werden die Vorsorgelücke nicht vollständig schließen. Trotzdem entsteht ein eigener Kapitalbaustein, über den der Sparer im Ruhestand verfügen kann. Dafür muss er den Nutzen verstehen. Die Branche sollte nicht so tun, als ließe sich jede Lücke allein durch Förderung schließen, aber sie kann zeigen, dass ein früher Einstieg und kleine regelmäßige Beträge einen Unterschied machen.
Härtling: Finanzbildung allein wird allerdings nicht alle erreichen. Manche interessieren sich nicht für das Thema oder glauben, sie könnten nichts zurücklegen. Wenn eine hohe Durchdringung politisch gewollt ist, muss deshalb auch über verpflichtende Elemente gesprochen werden. Beiträge zur Kranken-, Pflege- und Sozialversicherung sind ebenfalls obligatorisch. Eine kapitalgedeckte Komponente könnte ähnlich organisiert werden, auch wenn das einen gewissen Zwang bedeutet.
Krahnenfeld: Die vorgeschlagene Kapitalrente knüpft daran an. Ein Teil der Beiträge würde nach dem schwedischen Modell kapitalmarktbasiert angelegt und von Arbeitnehmern und Arbeitgebern gemeinsam getragen. Davon könnten grundsätzlich alle profitieren. Sie ersetzt nicht das Altersvorsorgedepot, ergänzt aber die Reform der gesetzlichen Rente.
Stenger: Wir sollten die Debatte nicht ausschließlich von den Rändern her führen. Unter den Millionen Förderberechtigten sind nicht nur Geringverdiener. Zuerst muss die breite Bevölkerung erreicht werden; bei hoher Durchdringung lassen sich besondere Härtefälle leichter tragen. Wenn die große Mehrheit nicht in kapitalgedeckte Vorsorge einsteigt, wird das Gesamtproblem nur auf die jüngere Generation verschoben.
Elter: Natürlich bedeutet Vorsorge Konsumverzicht. Gleichzeitig leisten sich viele Menschen mehrere Streaming-Abonnements und andere laufende Ausgaben. Es geht nicht darum, diese Entscheidungen zu bewerten, sondern die Relevanz der Altersvorsorge deutlich zu machen. Das Umlagesystem allein wird nicht funktionieren, wenn künftig immer weniger Erwerbstätige immer mehr Rentner finanzieren müssen.
Morsh: Die Ausgangslage hat sich gegenüber den Neunzigerjahren deutlich verbessert. In Deutschland gibt es inzwischen rund siebzehn Millionen direkte oder indirekte Aktionäre, etwa über Fonds und ETFs; viele davon sind jünger als fünfzig. Geldanlage ist für eine neue Generation interessanter geworden. Sie will nicht bloß ein Produkt kaufen, sondern die Lösung verstehen.















