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Die Bröning-Kolumne: Der Uranmarkt bleibt irrational

Tim Bröning
Foto: Fonds Finanz
Tim Bröning

Weltweit wächst der Atomenergiesektor, doch die Uranminen können die Nachfrage kaum noch decken. Ein strukturelles Defizit baut sich auf – während viele Investoren den Sektor noch immer unterschätzen. Warum die Physik am Ende entscheiden könnte.

Es gibt Rohstoffmärkte, die langweilen selbst hartgesottene Investoren zuverlässig. Nickel etwa schafft es regelmäßig, Menschen innerhalb weniger Minuten emotional auszutrocknen. Und dann gibt es Uran. Ein Markt, der gleichzeitig strategisch unverzichtbar, chronisch missverstanden und an der Börse immer noch erstaunlich ungeliebt ist.

Das Erstaunliche daran ist nicht einmal die Skepsis vieler Anleger. Skepsis gehört an den Kapitalmärkten schließlich zum guten Ton. Erstaunlich ist vielmehr, wie hartnäckig sich die Vorstellung hält, Uran sei lediglich ein kurzfristiger Hype. Eine Art exotische Randerscheinung für Rohstoffromantiker mit Vorliebe für Minenkarten und geopolitische Krisen.

Dabei sprechen die fundamentalen Daten inzwischen eine bemerkenswert klare Sprache. Die Welt elektrifiziert sich mit einer Geschwindigkeit, die vor wenigen Jahren kaum jemand erwartet hätte. Elektromobilität wächst weiter. Künstliche Intelligenz entwickelt sich zum gigantischen Stromverbraucher. Rechenzentren schießen aus dem Boden wie früher Einkaufszentren. Gleichzeitig wollen Milliarden Menschen in Asien verständlicherweise nicht dauerhaft in energetischer Askese leben.

Das Problem dabei ist nur, dass moderne Gesellschaften zwar gerne CO₂-neutral werden möchten, aber bitte ohne Kernkraft, ohne Stromausfälle, ohne neue Stromleitungen und möglichst ohne physikalische Realitäten. Energiepolitik erinnert in einigen Ländern deshalb zunehmend an jemanden, der duschen, aber nicht nass werden will.

Die Rückkehr der Realität

Spätestens seit den geopolitischen Verwerfungen der vergangenen Jahre verändert sich der Blick auf Energieversorgung grundlegend. Der Krieg in der Ukraine oder im Iran und die ständigen Spannungen rund um die Straße von Hormus haben vielen Staaten erneut vor Augen geführt, wie verwundbar klassische Energieabhängigkeiten sind.

Rund ein Fünftel des weltweiten Ölhandels passiert dieses Nadelöhr. Gerät die Region unter Druck, reagieren Energiemärkte inzwischen beinahe reflexartig mit Nervosität. Tanker, Versicherungen, Transportwege und politische Risiken werden plötzlich wichtiger als jedes Klimapapier internationaler Gipfeltreffen.

Uran funktioniert völlig anders. Ein Kernkraftwerk benötigt vergleichsweise geringe Mengen Brennstoff. Uran lässt sich langfristig lagern. Lieferketten sind deutlich robuster. Vor allem aber entsteht keine tägliche Abhängigkeit von maritimen Engpässen wie in der Straße von Hormus.

Genau das macht Kernenergie für viele Staaten plötzlich wieder strategisch interessant. Nicht nur wegen des Klimas. Sondern wegen Versorgungssicherheit und geopolitischer Unabhängigkeit.

Die Erkenntnis wächst, dass ein Industrieland ohne stabile Energieversorgung ungefähr so souverän ist wie ein Segelboot ohne Wind. Es sieht zunächst noch elegant aus, bewegt sich aber nicht mehr besonders weit.

Die Uranlücke wird größer

Noch bemerkenswerter ist dabei die Lage am eigentlichen Uranmarkt. Die weltweit rund 420 laufenden Atomreaktoren verbrauchen derzeit etwa 180 Millionen Pfund Uran pro Jahr. Die globale Minenproduktion schafft allerdings nur ungefähr 150 bis 160 Millionen Pfund. Die Lücke wird bislang durch Lagerbestandsabbau, Sekundärquellen und staatliche Reserven geschlossen.

Doch genau darin liegt das eigentliche Problem. Sekundärquellen sind endlich. Alte Lagerbestände wurden über Jahre abgebaut. Gleichzeitig wächst die Zahl neuer Reaktoren weltweit weiter. Rund 75 Reaktoren befinden sich derzeit im Bau, mehr als 100 weitere sind bereits in Planung. Hinzu kommt das Thema SMR, also kleiner modularer Reaktoren, die von vielen Staaten und Technologieunternehmen inzwischen als möglicher Baustein der zukünftigen Energieversorgung betrachtet werden.

Mit anderen Worten wächst der Uranbedarf nicht irgendwann in ferner Zukunft. Er wächst bereits heute. Und trotzdem verhalten sich viele Investoren noch immer so, als könne man Uranproduktion bei Bedarf einfach hochfahren wie eine zusätzliche Schicht in der Automobilindustrie. Die Realität ist aber erheblich komplizierter.

Neue Uranminen benötigen oft zehn Jahre oder länger bis zur Produktion. Genehmigungen dauern. Finanzierung dauert – politische Widerstände sowieso. Viele Projekte wurden nach Fukushima verschoben oder komplett eingestellt, weil die Preise durch den Ausstieg vieler Länder und dem damit zusammenhängenden Verkauf der Lagerbestände über Jahre zu niedrig waren.

Rohstoffmärkte reagieren auf solche strukturellen Defizite meist lange Zeit erstaunlich gelassen. Bis sie plötzlich nicht mehr gelassen reagieren. Dann entstehen jene Preisbewegungen, die Börsianer später gerne als „völlig überraschend“ bezeichnen, obwohl die Daten seit Jahren offen sichtbar waren – wie in der jüngsten Vergangenheit auch bei Silber ersichtlich, das bereits sechs Jahre im Produktionsdefizit ist.

Warum der Markt trotzdem zweifelt

Und dennoch bleibt der Uransektor emotional schwierig.

Das liegt einerseits an Fukushima, das bis heute wie ein psychologischer Schatten über dem Markt liegt. Andererseits passt Kernenergie ideologisch noch immer nicht sauber in viele politische Weltbilder. Selbst ESG-Fonds bekommen gelegentlich Schnappatmung, wenn das Wort Uran auftaucht, obwohl Kernkraft praktisch CO₂-frei arbeitet.

Hinzu kommt die Erinnerung an frühere Uranzyklen. Viele Anleger haben noch die spektakulären Übertreibungen vergangener Jahre im Kopf. Das führt dazu, dass heute selbst solide Produzenten oder Entwickler oft bewertet werden, als stünde der gesamte Sektor kurz vor dem Untergang. Dabei unterscheidet sich Uran fundamental von vielen Modethemen der vergangenen Jahre.

Wasserstoff lebte zeitweise stark von Hoffnungen, Cannabis von Euphorie, manche Technologieträume wiederum oft von PowerPoint-Präsentationen mit futuristischen Schriftarten.

Uran dagegen basiert auf physischer Notwendigkeit. Ein Reaktor kann seinen Brennstoffbedarf nicht einfach verschieben, weil die Börsenstimmung gerade pessimistisch ist – die Kurse fallen trotzdem. Stromnetze reagieren generell nur begrenzt auf emotionale Debatten. Sie bevorzugen Elektrizität.

Das wirkt banal, ist aber an den Kapitalmärkten erstaunlich oft eine revolutionäre Erkenntnis.

Die Physik bleibt unerbittlich

Die eigentliche Ironie der gesamten Diskussion liegt vermutlich woanders. Die moderne Welt möchte gleichzeitig digitaler, elektrischer und klimafreundlicher werden. Sie möchte KI-Rechenzentren betreiben, Elektroautos laden, Industrie dekarbonisieren und geopolitisch unabhängiger werden. Möglichst jederzeit und selbstverständlich ohne steigende Strompreise.

Doch genau diese Entwicklung erhöht den Bedarf an stabiler Grundlast massiv.

Wind- und Solarenergie bleiben glücklicher und berechtigter Weise extrem wichtige Bausteine des Energiesystems. Aber Physik besitzt leider die unangenehme Eigenschaft, sich nicht besonders für politische Wunschvorstellungen zu interessieren. Dunkelflauten lassen sich weder per Gesetz verbieten noch durch moralische Überlegenheit stabilisieren.

Genau deshalb erlebt Kernenergie weltweit eine stille Renaissance. Nicht unbedingt aus Begeisterung. Sondern aus Nüchternheit und trotz der unbestrittenen Probleme bei der Endlagerung und der latenten Gefahr eines SUPERGAUs, der auch die Investmentthese für lange Zeit zerstören könnte, wie dies nach 2011 der Fall war.

Und vielleicht erklärt genau das auch die Irrationalität des Uranmarktes. Viele Investoren analysieren den Sektor noch immer durch die Brille vergangener Ängste, während sich die Realität längst verändert hat. Denn am Ende interessiert sich ein Stromnetz nicht für Ideologien. Es interessiert sich lediglich dafür, ob ausreichend Energie vorhanden ist.

Und genau deshalb könnte Uran erst noch deutlich länger unterschätzt werden, als viele Marktteilnehmer heute glauben. Und danach umso stärker steigen…

Tim Bröning ist Geschäftsführender Gesellschafter der Bröning Investment & Consulting GmbH  www.broening-investment.de, und u.a. Beirat bei Fonds Finanz.


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