Die Halver-Kolumne: Wenn der Schulden-Staudamm wankt – die USA und die Grenzen der Verschuldung

Robert Halver
Foto: Dirk Beichert
Robert Halver, Baader Bank

Die globale Verschuldung erreicht neue Dimensionen, allen voran in den USA. Steigende Zinsen, politische Unsicherheiten und ein wachsendes Misstrauen der Investoren setzen den Anleihemarkt unter Druck. Welche Risiken daraus entstehen und wie Washington gegensteuert, rückt zunehmend in den Fokus.

Die Drei-Schluchten-Talsperre in China mit einer Staukapazität von knapp 40 Mrd. m³ ist die größte der Welt. Würde sie brechen, käme es zu verheerenden Schäden. Sogar die Erdachse könnte ruckeln. Im übertragenen Sinn käme es ebenso für die Finanz-Welt zur Katastrophe, wenn die globale Schuldenblase von ca. 350 Bill. US-Dollar platzte und nicht aufgehalten würde. Daher wird insbesondere Amerika als größter Schuldner der Welt alles unternehmen, um (s)einen ultimativen Systemcrash zu verhindern.

Die Schuldenspirale dreht sich immer schneller

Die US-Staatsverschuldung liegt derzeit bei 38,7 Bill. Dollar. Bis 2030 soll sie nach amerikanischen Angaben bei ca. 53 Bill. liegen. In den letzten 10 Jahren hat sie sich verdoppelt, seit 2000 verachtfacht und seit 1990 verzehnfacht. Bei der Schuldenaufnahme in den USA gilt das Motto „Bloß keine Hemmungen“. Aber auch fast alle anderen Länder sind keine Waisenkinder. Längst ist auch Deutschland zum Schuldenliebhaber geworden. Die Schuldenbremse wurde ausgehebelt und neue Schulden von einer Bill. Euro in den nächsten Jahren beschlossen.

Nun ist Staatsverschuldung nicht grundsätzlich schlecht, wenn sie z.B. wachstumsfreundlich der Modernisierung der Infrastruktur oder auch der leider notwendigen Landesverteidigung zugutekommt. Und wird bei uns auch alles in diese sogenannten „guten Schulden“ investiert? Na, was würde wohl ein sechsjähriges Kind auf die Frage antworten, ob es sich die Zähne geputzt hat. Nein, auch bei uns wird viel Staatsgeld aus politisch eigennützigen und ideologischen Gründen verschleudert, wobei dann gerne Begriffe wie alternativlos, gerecht oder demokratiefördernd zur Anwendung kommen.


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Wie auch immer, (Staats-)Schulden sind Versprechen zur Rückzahlung. Jedoch werden alte Schulden immer mehr durch neue Schulden zurückgezahlt. Erschwerend kommt hinzu, dass die neuen Anleihen zu höheren Zinsen als die alten begeben werden müssen. Ohnehin erwarten Rentenanleger für die wunderbare Schuldenvermehrung, also Bonitätsverschlechterung, einen Risikoausgleich. Und da staatliche Schulden auch Preissteigerungen nach sich ziehen, erwarten sie ebenso einen Inflationsausgleich.

Tatsächlich zeigt der Ausverkauf am japanischen Anleihemarkt in den letzten Monaten die Renitenz der Börse vor einer außer Rand und Band geratenen Tokioter Fiskalpolitik zum „Nulltarif“ für Anleger.

Doch lassen sich diese berechtigten Anlegerwünsche immer weniger erfüllen, weil ansonsten die Bedienung der Staatsschulden massiv erschwert wäre. Man stelle sich nur einmal vor, die durchschnittlichen Kreditzinsen auf die US-Staatsschulden würden nur um einen Prozentpunkt steigen. Auf das Finanzministerium kämen jährlich weitere 390 Mrd. Zinszahlungen hinzu. Zolleinnahmen hin oder her, das tut weh.

Insbesondere der Inflationsausgleich ist unerwünscht. Im Gegenteil, das regierungsseitige Bestreben ist, die Inflation möglichst über den Kreditzins zu setzen, um künstlich die staatliche Zahlungsfähigkeit zu gewährleisten. Und nach Meinung vieler Amerikaner liegt die wirkliche Verbraucherinflation noch höher.

Selbst US-Bonds als bisheriges Heiligtum der Rentenmärkte spüren weltliche Ernüchterung

Ebenso zehrt die innenpolitische Unsicherheit der USA an der Attraktivität von US-Staatspapieren. Die Demokraten drohen wegen der Abschiebebehörde ICE mit der Blockade des Haushaltsgesetzes, was schon wieder zu einem Government Shutdown führen könnte. Ebenso wird der gewaltige Druck Trumps auf die Unabhängigkeit der Fed als Angriff auf die Schutzpatronin der amerikanischen, wenn nicht sogar der internationalen Finanzwirtschaft betrachtet. Hinzu kommt die Schwäche des US-Dollars, die von der Trump-Administration zur Exportunterstützung zwar gewünscht ist, aber für Nicht-Amerikaner zu Währungsverlusten führt.

Nicht zuletzt schürt die geopolitische Druckausübung mit Zerbröseln der langjährig stabilen Weltordnung nicht das Vertrauen in den größten Schuldner der Welt. Massive Zollandrohungen gegen Kanada, sollte es ein Handelsabkommen mit China schließen, zeigen, dass selbst das Brudervolk nicht geschont wird.

Große Kapitalsammelstellen und vor allem Family Offices, denen der Schutz von Vermögen über viele Generationen wichtig ist, wollen nicht die Zeche staatlicher Entschuldung mit ihrer Entreicherung bezahlen. Und noch schlimmer ist, dass kein baldiges Auslaufen der Unsicherheiten zu erwarten ist.

Edelmetalle als „Frustschutzmittel“

Vor diesem Hintergrund droht der „Debasement Trade“, bei dem sich Anleger weiter aus US-Staatsanleihen zurückziehen und Edelmetallen immer mehr den Vorzug geben. Das gewachsene Vertrauen in die Vollkaskoversicherung Gold zeigt das gewachsene Misstrauen in amerikanische Staatsanleihen.

Edelmetalle könnten eine noch größere Rolle als Alternativanlageform erhalten, auch wenn nach der Hausse der letzten 12 Monate zwischenzeitliche Konsolidierungen zu erwarten sind.

Was nicht passt, wird passend gemacht

Wäre im Extremfall die Refinanzierung Amerikas gefährdet, würde ebenfalls seine Rolle als Weltmacht getrübt.

Doch kann nicht sein, was nicht sein darf. Washington wird alles unternehmen, den Spekulanten gegen US-Staatsanleihen das Wasser abzugraben. So soll die Fed und die japanische Notenbank mit beiderseitigen Marktinterventionen gegen einen weiteren Verfall des Yen vorgehen. Denn dieser könnte einerseits den Wunsch japanischer Anleger vergrößern, Währungsgewinne durch Verkauf von US-Staatspapieren zu realisieren. Andererseits verteuerten sich Neuengagements in amerikanischen Bonds. Auf zweifache Weise würden amerikanische Kreditzinsen in die Höhe getrieben.

Was die Sache besonders brisant macht, ist, dass diese Eingriffe das letzte Mal in den 1990er-Jahren stattgefunden haben. Die Angst Amerikas vor Verwerfungen auf seinem Anleihemarkt ist offensichtlich groß. Tatsächlich wurde die Yen-Abwertung unterbrochen.

Nervös hat das amerikanische Finanzministerium offensichtlich auch auf den Kommentar eines Analysten einer großen europäischen Bank reagiert. So habe Europa als Amerikas größter Kreditgeber eine große Verhandlungsmacht in geopolitischen Fragen. Es ist zwar nicht zu erwarten, dass Europa diese Karte aus Angst vor neuen US-Zöllen unmittelbar zieht. Aber das Gedankenspiel hat den Adressaten wohl erreicht. Dass sich die EU und Indien auf einen Handelsdeal geeinigt haben, zeigt dass Europa versucht, aus der Rolle des Watschenmanns herauszukommen. Nennen wir es „Mutausbruch“.

Als letzter Rettungsanker könnte die Fed erneut massenhaft US-Staatsanleihen aufkaufen, um höhere Kreditzinsen zu verhindern. Rein technisch würde ihr das sicherlich gelingen. Doch wäre der Stabilitätsschaden groß, wenn die Weltmacht Risse im Schulden-Staudamm nur durch eigene „Finanztricks“ kitten könnte.

Es gäbe übrigens noch eine Alternative. Der US-Präsident könnte trotz Verfolgung legitimer eigener Interessen wieder mehr auf internationale Zusammenarbeit der Marke „Leben und leben lassen“ setzen. So wirkte er „Sell America“ entgegen. Trump würde sozusagen die Dammwände mit Beton sichern.  

Als früherer Immobilienmogul sollte ihm die Bedeutung dieses Baustoffs sehr bewusst sein.

Robert Halver leitet die Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank. Mit Wertpapieranalyse und Anlagestrategien beschäftigt er sich seit Abschluss seines betriebswirtschaftlichen Studiums 1990. Halver verfügt über langjährige Erfahrung als Kapitalmarkt- und Börsenkommentator. Er ist aus Funk und Fernsehen bekannt und schreibt regelmäßig für Cash. 

Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG: https://www.roberthalver.de/newsletter-disclaimer

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