Die Europäische Kommission streicht die FiDA-Verordnung von ihrer Gesetzgebungsagenda. Diesen Schritt kündigte sie am 4. November 2026 an. Das geht aus ihrem Arbeitsprogramm für 2027 hervor, wie der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) mitteilt. Der Vorschlag für die FiDA-Verordnung (Financial Data Access) lag den Angaben der Börsen-Zeitung zufolge schon länger als drei Jahre bei den EU-Mitgesetzgebern vor.
Zur Begründung heißt es, das Dossier werde im Rat wohl nicht innerhalb eines angemessenen Zeitraums Zustimmung finden. Die Kommission stuft den Rückzug daher als Teil einer routinemäßigen Überprüfung noch offener Gesetzesinitiativen ein. Bereits am gleichen Tag meldeten sich die deutschen Branchenverbände zu Wort.
In eigenen Stellungnahmen begrüßten sowohl der GDV als auch der Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) diesen Schritt.
Was die ursprüngliche FiDA-Verordnung vorsah
Vorgelegt hatte die Kommission ihren Entwurf zur FiDA-Verordnung bereits am 28. Juni 2023. Er sollte Banken, Versicherer und weitere Finanzinstitute ab 250 Beschäftigten oder 50 Millionen Euro Umsatz verpflichten, Kundendaten für Dritte freizugeben - und zwar sofort, gebührenfrei und in Echtzeit, etwa mittels eines Kunden-Dashboards. Neuartig daran war vor allem, dass erstmals auch Versicherer in die Pflicht genommen worden wären.
Im Dezember 2024 einigte sich der Rat der EU auf eine gemeinsame Verhandlungslinie für die geplanten Triloggespräche. Anschließend geriet das Vorhaben ins Stocken. Ein Hintergrundbeitrag der Arbeitsgemeinschaft für betriebliche Altersversorgung (aba) aus dem März 2026 hält fest, dass die Gespräche zu diesem Zeitpunkt bereits monatelang zum Stillstand gekommen waren. Weder große Mitgliedstaaten noch das Europaparlament zeigten demnach noch Interesse, den Prozess voranzutreiben. Die Kommission arbeitete zu diesem Zeitpunkt dagegen weiter auf eine Umsetzung hin.
Drei Streitpunkte blieben ungelöst. Erstens die Übergangsfristen: Die Kommission setzte ursprünglich 18 Monate nach Inkrafttreten an. Rat und Parlament pochten dagegen auf abgestufte Übergangszeiten zwischen zwei und vier Jahren, abhängig von der jeweiligen Datenkategorie. Zweitens ein sogenannter Reverse-Demand-Ansatz, der den Datenzugang erst ab einer Mindestnachfrage freigeben sollte. Drittens die Frage, ob große Digitalkonzerne als Gatekeeper vom Datenzugriff ausgeschlossen bleiben.
GDV und BVR verlangen Konsequenzen für künftige EU-Projekte
GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen wertet den Rückzug als deutliches Zeichen dafür, dass Brüssel die Wettbewerbsfähigkeit Europas ausbauen möchte. Er sagt: „Unternehmen teure Datenautobahnen vorzuschreiben, nach denen kein Kunde gefragt hat, bringt Europa nicht voran.“ Der Verband verlangt außerdem, dass dieses Vorgehen zum Vorbild wird und auch andere EU-Projekte kritisch überprüft werden. Darüber hinaus verlangt der GDV einen Financial Services Omnibus. Die Kommission soll diesen bis zum zweiten Quartal 2027 vorlegen.
Der BVR vertritt eine vergleichbare Position, setzt dabei jedoch eigene Schwerpunkte. Vorstandsmitglied Tanja Müller-Ziegler betont, europäische digitale Souveränität bedeute, Abhängigkeiten zu verringern statt neue zu schaffen. Als privatwirtschaftliche Alternative verweist der Verband auf giroAPI. Diesen Standard, der den geschützten Datenaustausch zwischen Banken und Finanzdienstleistern ermöglicht, hat die Deutsche Kreditwirtschaft entwickelt; die Genossenschaftliche FinanzGruppe wirkt daran mit. Finanzdaten-Zugänge der Zukunft sollten sich stärker danach richten, was Kunden tatsächlich nützt, was sich in der Praxis umsetzen lässt und was am Markt bereits etabliert ist.
Auch der Fondsverband BVI hatte vor der FiDA-Verordnung gewarnt. Thomas Richter sah die Gefahr, dass die Regelung außereuropäischen Finanzdienstleistern „Tür und Tor öffnen“ könnte. Asmussen greift dieses Argument mit Blick auf große ausländische Plattformen auf.
Fintechs kritisieren Rückschlag für Open Finance
Aus der Fintech-Szene kommt dagegen deutliche Kritik. André Rabenstein von wealthAPI warnt laut IT Finanzmagazin, der Rückzug könne das Projekt um Jahre aufschieben oder komplett zum Scheitern bringen. Aleksandar Jeremic von fino digital bezeichnet den Schritt als schwere Niederlage für die Weiterentwicklung von Open Finance. Europa lasse sich dadurch eine bedeutende Gelegenheit entgehen.
Was der FiDA-Rückzug für Versicherer und Vermittler bedeutet
Für die Branche bringt der Rückzug sowohl Vor- als auch Nachteile mit sich. Versicherer und Banken, die sich bereits auf verpflichtende Datenschnittstellen, Dashboards und Data-Sharing-Schemes vorbereitet hatten, können diese Vorhaben zunächst zurückstellen. Der regulatorische Zwang, in kurzer Zeit Infrastruktur für den Datenzugriff Dritter aufzubauen, entfällt damit zumindest auf EU-Ebene.
Fintechs und Datenaggregatoren werten den Wegfall dagegen als Rückschlag für offene Datenökosysteme. Der standardisierte, kostenlose Zugriff auf Kundendaten in Echtzeit, den die FiDA-Verordnung vorsah, kommt vorerst nicht. Wer darauf gesetzt hatte, ist folglich auf privatwirtschaftliche Lösungen wie giroAPI angewiesen.
Ob die Kommission einen neuen Vorschlag vorlegt, ist offen. Einen konkreten Nachfolger für eine europaweite Open-Finance-Regulierung hat bislang weder Brüssel noch einer der beiden Verbände angekündigt.
FiDA-Verordnung: Die wichtigsten Stationen im Überblick
| Datum | Ereignis |
|---|---|
| 28. Juni 2023 | EU-Kommission legt FiDA-Verordnung vor |
| 4. Dezember 2024 | Rat der EU einigt sich auf Verhandlungslinie für Trilog |
| März 2026 | Trilogverhandlungen ruhen laut aba seit Monaten |
| 4. November 2026 | Kommission kündigt Rückzug im Arbeitsprogramm 2027 an |













