Nach Jahren der Mittelabflüsse und trotz des anhaltenden ETF-Booms kehrt Multi Asset spürbar in die Portfolios zurück. Die Ursachen liegen auf der Hand: Zinswende, geopolitische Brüche, Inflationsrisiken und Korrelationen, die nicht mehr zuverlässig funktionieren. Anleger wollen wieder Produkte, die Stabilität und Rendite zugleich suchen – und Vermittler brauchen Lösungen, die sich im Kundengespräch als tragfähiger Kernbaustein erklären lassen. Nils Hemmer von Carmignac sieht deshalb eine echte Renaissance: „Seit rund anderthalb Jahren geht es im Bereich Multi-Asset wieder bergauf.“ Der Bedarf war nie weg, nur die Erwartungen an die Krisenfestigkeit vieler Mischfonds waren zu hoch. Jetzt, da der Markt wieder Zins trägt und Unsicherheit der Normalzustand ist, werden flexible Allokationsstrategien erneut attraktiv.
Warum der alte Mischfonds-Reflex nicht mehr reicht
Das Comeback ist allerdings kein Zurück zum klassischen 60/40-Baukasten. Gerade 2022 zeigte brutal, dass der alte Reflex „laufen Aktien, laufen Anleihen“ nicht mehr gilt. Multi Asset muss heute mehr sein als eine starre Quote. Dr. Frank Ulbricht, BCA, bringt die Lehre aus der Zinswende auf den Punkt: „Deshalb ist Allokation das A und O. Strategische und taktische Steuerung sind wichtiger als je zuvor.“ Duration, Kreditrisiken, Regionen und Absicherungen werden aktiv bewegt – nicht als kosmetische Feinjustierung, sondern als zentrales Risikoinstrument. In einer Welt, in der selbst „sichere Häfen“ zeitweise wackeln, wird Multi Asset zum Portfolio-Management in einem Produkt.
Aktiv, aber bitte erklärbar
Dass aktives Management wieder gefragt ist, liegt an der neuen Marktmechanik: KI-Euphorie rund um wenige Technologiewerte, politische Dauer-Störgeräusche und ein fragiles Makroumfeld verlangen tägliches Monitoring statt Jahresprognosen. Hemmer betont, dass Aktivität nicht nur Crash-Schutz bedeutet, sondern auch systematische Diversifizierung und Zugang zu Märkten ermöglicht, die passive Indizes nur unvollständig abbilden. Gleichzeitig wächst der Kostendruck durch ETF-Vergleiche und die BaFin-Debatte um „Value for Money“. Für Vermittler wird damit Transparenz zur Schlüsselwährung: Ein Multi-Asset-Fonds muss erklären können, warum er wann welches Risiko nimmt – sonst bleibt er trotz guter Idee unverkäuflich.
Systematik, Flexibilität, neue Bausteine
Ena Berisha, ARTS Asset Management, steht für den quantitativen Gegenentwurf zur Bauchentscheidung. Regelbasierte Modelle reagieren auf Marktsignale ohne Emotion und machen Multi Asset damit belastbarer in Umbrüchen. Ihr Satz beschreibt den Anspruch moderner Mischstrategien: „Multi-Asset-Produkte müssen flexibel sein, um zwischen Anlageklassen zu wechseln. Nur so lassen sich Risiken abfedern.“ Praktisch heißt das: dynamische Duration, aktives Rentenmanagement, taktische Derivate-Overlays, selektive Chancen in Asien oder Emerging Markets – und, je nach Hausphilosophie, auch neue Diversifikatoren wie Krypto-ETPs in dosierter Form. Innovation ist erlaubt, aber nur, wenn sie der Stabilität dient und nicht zur Blackbox wird.
Was Vermittler jetzt mitnehmen sollten
Multi Asset ist eine zeitgemäße Antwort auf Märkte, die sich nicht mehr wie im Lehrbuch für Asset Management beschrieben verhalten. Für die Beratung heißt das: weg von der Frage „Wie hoch ist die Aktienquote?“, hin zu „Welche Funktion erfüllt der Fonds im Gesamtportfolio – und wie steuert er Risiken?“ Wer Multi Asset auswählt, sollte Allokationskompetenz, Risikokontrolle, Prozess-Transparenz und Servicequalität des Anbieters prüfen. Dann kann Multi Asset wieder das sein, was es lange war: ein robuster Kernbaustein für langfristige Ziele, der Schwankungen glättet und Chancen öffnet – gerade dann, wenn die Welt unruhig bleibt.
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