Green Deal: „Die EU-Taxonomie sorgt für Unsicherheiten“

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Dr. Herbert Schneidemann: „Es bleibt ein großer Spielraum für Interpretationen.“

Für die ökologische Wende und das Erreichen der Klimaziele wird viel Geld benötigt werden. Die Versicherungsbranche gehört zu den größten institutionellen Investoren in Deutschland und will einen großen finanziellen Beitrag zum Green Deal leisten. Leider sorgt die EU-Taxonomie nach wie vor für große Unsicherheit. Die Politik ist gefragt, sichere Rahmenbedingungen zu schaffen, um nachhaltige Investitionen zu ermöglichen. Von Dr. Herbert Schneidemann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Aktuarvereinigung.

Der Klimawandel und die daraus entstehenden physischen und transitorischen Risiken nehmen eine zentrale Rolle in der aktuellen gesellschaftlichen Diskussion ein. In Folge menschlicher Aktivitäten bewegt sich das Klima in hohem Tempo auf kritische Kipp-Punkte zu und führt bereits heute zu häufigeren und stärkeren Extremereignissen – dieser kausale Zusammenhang ist wissenschaftlich erwiesen.

Als Beispiel ist die letztes Jahr durch das Tief Bernd ausgelöste Flutkatastrophe genauso deutlich Zeichen dafür wie die Dürre in diesem Sommer oder immer häufigere und immer schwerere Hagel- und Sturmereignisse. Diese wirken sich materiell auf die verschiedensten Sparten der Versicherer aus und sind daher in der aktuariellen Bewertung zu berücksichtigen.

Zum einen steigert die Klimaveränderung die Risikowahrnehmung der Marktteilnehmenden, sowie die Bedeutung nachhaltiger Produkte. Durch den Klimawandel entstehen daher nicht nur neue Risiken, sondern auch Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten für Versicherer, die im Rahmen der aktuariellen Praxis zu begleiten sind. Zum anderen ist es eine aktuarielle Kernaufgabe, die dauerhafte Bezahlbarkeit der Versicherungsprodukte zu gewährleisten.

Dauerhafte Bezahlbarkeit der Versicherungen sicherstellen

Diese Aufgabe wird im Rahmen des Klimawandels umso wichtiger, da sie verschiedenste Sparten trifft: Durch Extremwetterereignisse treten im Bereich der Gebäudeversicherung Kumulschadenereignisse in großer Höhe ein, häufigere Hagelschäden erhöhen die Kosten in der Kfz-Versicherung. Dieser Effekt wird durch zum Beispiel immer teurer werdende Autos und entsprechend kostenintensivere Reparaturen noch verstärkt. Durch eine ausgleichende regionale Streuung können Versicherer jedoch dazu beitragen, lokale Großschadenereignisse besser auszugleichen.

In durch den Klimawandel immer öfter auftretenden heißeren Sommern könnte eine höhere Sterblichkeit in den Sommermonaten eintreten, was Einfluss auf die Kranken- und Lebensversicherung haben könnte. Bei Hitzewellen sterben statistisch betrachtet mehr Menschen, nach den Hitzewellen kann sich das aber teilweise ausgleichen, da überwiegend gesundheitlich besonders belastete Personen durch das extreme Wetter früher sterben.

Prävention und Risikovermeidung sind gerade im Kontext des Klimawandels wichtige Elemente, um nachhaltige Lösungen für die Risikodeckung zu schaffen. Dabei können Aktuarinnen und Aktuare unter anderem durch Risikoanalysen auf der Aktiv- und Passiv-Seite die Diskussion mit Entscheidungstragenden in den Unternehmen unterstützen. Damit können Versicherer zur Absicherung der physischen Folgen der Klimaerwärmung einen entscheidenden Beitrag leisten.

Aber auch als Investoren können Versicherer, die langfristige Versicherungsverträge anbieten, eine wichtige Rolle spielen und so auch indirekt zur Transformation von braunen zu grünen Industrien beitragen. Nicht erst seit dem European Green Deal sind Klimawandel und Nachhaltigkeit daher ein Thema für die Versicherer. Mit dem Green Deal traten jedoch eine Reihe von Maßnahmen in Kraft, die die Netto-Emission von Treibhausgasen in der Europäischen Union auf null reduzieren sollen. Diese betreffen unter anderem die Finanzmarktregulierung in der nachhaltigen Kapitalanlage (Sustainable Finance).

Der Green Deal bedeutet für Versicherer großen Anpassungsbedarf

Die EU-Taxonomie-Verordnung beschreibt, wie grüne, nachhaltige und umweltfreundliche Wirtschaftstätigkeiten klassifiziert werden können. Dies spielt gerade im Rahmen der Produktentwicklung in der Versicherungswirtschaft eine wichtige Rolle. Hier soll transparent gemacht werden, welcher Anteil des Produktportfolios als nachhaltig eingestuft werden kann.
Zusätzlich werden auch im Risikomanagement der Unternehmen Nachhaltigkeitsrisiken explizit berücksichtigt, und die europäischen Aufsichtsbehörden wie die BaFin in Deutschland überwachen einen angemessenen Umgang mit diesen Risiken.

Dabei muss der Grundsatz „same risk – same capital“ weiterhin das Grundprinzip der aktuariellen Risikobewertung bleiben. Allerdings kann der Kontext Sustainability eine differenziertere Betrachtung erfordern. Stichhaltige und stärker auf die zukünftige Entwicklung ausgerichtete Analysen zur globalen Erwärmung und Abschwächungs- und Adaptionsmaßnahmen sollten auch bei der aktuariellen Risikobewertung genutzt werden. Hier kann daher pointiert der Grundsatz „different risk – different capital“ formuliert werden.

Vor dem Hintergrund des verbindlichen Pariser Klimaschutzabkommens kann man gegebenenfalls schlussfolgern, dass „grüne“ Anlagen ein Upside-Potenzial und „braune“ Anlagen ein großes Downside-Risiko haben könnten. Um das Pariser Klimaziel von „deutlich unter zwei Grad“ noch erreichen zu können, muss die Reduktion der Treibhausgasemissionen wesentlich schneller erfolgen. Gerade im aktuellen Wandel und bei einer weltweit zunehmenden politischen Unsicherheit mit Blick auf die für den Klimawandel nötigen finanziellen Investitionen dürfen bei der Risikobewertung auch adverse Klimaszenarien nicht unterschätzt werden. Politische Risiken liegen kurzfristig auch in der Unsicherheit über die Umsetzung der Dekarbonisierung, also der Setzung von CO₂-Preisen und anderen Rahmenbedingungen.

Downside-Risiken und „Stranded Assets“

Ein wesentlicher Aspekt des Downside-Risikos kommt durch sogenannte „Stranded Assets“, also Kapitalanlagen, die zum Beispiel im Rahmen der Umsteuerung durch den Green Deal materiell an Wert verlieren oder letztendlich vom Handel ganz ausgesetzt werden. Man denke hier an die Vielzahl von Zulieferern der traditionellen Automobilherstellung oder die Förderung fossiler Energieträger. Viele Industrien werden einem Transformationsprozess unterworfen werden, einige werden vielleicht ganz verschwinden.

Der Einsatz von nachhaltigen Investitionen kann demgegenüber gegebenenfalls eine höhere Rendite gegenüber traditionellen Kapitalanlagen sowie eine langfristig attraktive Performance ermöglichen. Die beschriebenen Veränderungen werden umfassende Auswirkungen auf den gesamten Finanzsektor haben, der künftig voraussichtlich noch strengere regulatorische Vorgaben zu erfüllen hat. Dieser Entwicklung sollten alle Finanzprodukte Rechnung tragen, um im Rahmen einer adäquaten Sustainable-Finance-Strategie einen angemessenen Beitrag zu leisten.

Die EU-Taxonomie sorgt für Unsicherheit für die Versicherer

Auch die EU-Taxonomie selbst sorgt für politische Unsicherheiten: Die Klassifikation befindet sich aktuell noch in Entwicklung und viele Aspekte sind noch nicht klar vorgegeben, sodass ein großer Spielraum für Interpretation bleibt. Bei Kapitalanlagen, die ihre Klassifikation bereits absehbar in der Zukunft ändern werden, sollte aus aktuarieller Sicht schon heute die zukünftige Klassifikation antizipiert werden. Als Beispiel sei hier etwa Erdgas zu nennen, welches lediglich unter „Übergangstätigkeiten“ in die EU-Taxonomie aufgenommen wurde und nur unter zusätzlichen Bedingungen als „grün“ gilt.

So müssen Erdgas-Anlagen Kohlekraftwerke ersetzen und bis 2035 auf erneuerbare oder CO₂-arme Gase umgestellt werden, um laut EU-Taxonomie als „grün“ eingestuft zu werden. Nur unter Beachtung all dieser komplexen Regelungen können Transitionsrisiken minimiert und Stabilität und Vertrauen in die Metrik gewonnen werden. Durch die derzeitige stellenweise ambivalente Klassifikation durch die EU entsteht hier jedoch für Kapitalanleger und damit auch für die Versicherer eine große Unsicherheit.

Risiken aus Sicht des Enterprise Risk Managements berücksichtigen

Damit Versicherer einen finanziellen Beitrag zum Green Deal im Rahmen von Sustainable Finance leisten können, müssen Risiken aus Sicht des Enterprise Risk Management berücksichtigt werden. Unwiderrufliche Garantien für grüne Anleihen durch die Regierung könnten direkte Anreize für langfristig nachhaltige Investitionen für die Versicherer schaffen.

Andererseits können Versicherer, die Kapitalanlagen mit einem Zeithorizont von mehreren Jahrzehnten tätigen, nicht riskieren, dass ihre Anlage in fünf oder zehn Jahren durch eine Änderung der Nachhaltigkeits-Definition nicht mehr als nachhaltig gilt und dadurch potenziell an Wert verliert oder die eigene Klassifikation als nachhaltiges Unternehmen gefährdet. Hier ist die Politik gefragt, sichere Rahmenbedingungen zu schaffen, um nachhaltige Investitionen durch Versicherer zu ermöglichen.

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