Wer wissen will, dass und warum die betriebliche Altersversorgung (bAV) nicht richtig vom Fleck kommt, braucht keine großen wissenschaftlichen Analysen. Drei nüchterne Befunde aus der aktuellen, jährlich durchgeführten bAV-Studie – ein repräsentative Befragung von 2.000 sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten – von Deloitte sind da ausreichend.
Erstens: Die Entgeltumwandlung hat sich bei rund 40 Prozent eingependelt, der deutliche Aufschwung von 2019 bis 2022 ist zum Erliegen gekommen.
Zweitens: Der häufigste Grund fürs Nicht-Mitmachen lautet inzwischen: „Ich habe kein Geld für die Vorsorge übrig.“ Das sagen immerhin 37 Prozent der Befragten, Tendenz sogar steigend.
Drittens: In 32 Prozent der Fälle ist das Problem noch grundlegender: Der Arbeitgeber bietet gar keine bAV an.
Diese drei Bremsen verdeutlichen und erklären die Stagnation fast vollständig. Und sie zeigen auch: Wenn bAV endlich Breitenwirkung entfalten soll, braucht es weniger Komplexität.
„Kein Geld übrig“ ist oft keine Aussage des Kontostandes, sondern der Priorität
37 Prozent sagen, sie hätten „kein Geld übrig“. Das ist erst einmal ernst zu nehmen, denn nicht jeder Haushalt hat Spielräume. Gleichzeitig lohnt sich ein ehrlicher Blick: „Kein Geld“ heißt im Alltag häufig auch, dass das Thema eben nicht ganz oben auf der Liste steht. Miete, Mietnebenkosten, Kinder, Auto, Urlaub – das sind die Posten, deren Nutzen ich unmittelbar spüre. Altersvorsorge hingegen ist abstrakt. Sie gewinnt in der Haushaltspriorität nicht automatisch, steht eher hinten an.
Genau deshalb reicht Aufklärung allein selten. Es braucht spürbare Anreize, die sich im Hier und Jetzt bemerkbar machen. Und ja: Für Menschen mit wirklich geringem Einkommen muss Förderung so wirken, dass bereits mit kleinen Eigenbeiträgen spürbar Bewegung entsteht. Aber auch darüber hinaus gilt: Wer Teilnahme will, muss das Vorsorgethema aus der „Später-mal“-Ecke holen. Ein „zarter Schubs“ durch Opt-out kann als Mechanismus dabei helfen, das Verschieben zu erschweren. Aber Opt-out ersetzt nicht das, was im Alltag zählt. Ein Angebot, das sichtbar ist und Signale, dass Arbeitgeber es ernst meinen.
„Wir bieten das nicht an“: Die stille bAV-Lücke
32 Prozent sagen, ihr Arbeitgeber biete keine bAV an. Obwohl es eine gesetzliche Verpflichtung gibt. Das ist ein Kommunikationsproblem aus dem ein Zugangsproblem resultiert. Ohne Angebot auch keine Entscheidung. Und ohne Routine kein Standard. Gerade bei kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) ist das oft keine böse Absicht, sondern ein Mix aus „zu viel andere Themen“, Unsicherheit und Verwaltungsangst. Umso wichtiger ist, dass bAV nicht wie ein Sonderprojekt behandelt wird, sondern wie ein normaler Bestandteil von Vergütung und Personalpolitik: einrichten, erklären, laufen lassen.
Hier sehe ich zwei Hebel, die zusammengehören: Einerseits müssen wir als Versicherungsbranche Lösungen anbieten, die in der Administration nicht weh tun. Die es Vermittlern ermöglichen, bAV im Bereich der KMU schnell und sauber umzusetzen statt in Komplexität stecken zu bleiben. Andererseits sollte die Politik eine verständliche Informationsinitiative aufsetzen, die den Rechtsanspruch und die Chancen der bAV so erklärt, dass sie in den Betrieben und bei den Mitarbeitenden ankommt und eben nicht nur im Gesetzesblatt.
„Budget und Aufwand fressen uns auf“ – die teuerste Floskel in Zeiten des Fachkräftemangels
Dieser häufige Einwand der Arbeitgeberseite ist real: Erhöht ein höherer Zuschuss doch die Lohnnebenkosten. Und das ist in der aktuellen wirtschaftlichen Lage keine Nebensächlichkeit. Gleichzeitig ist es zu kurz gedacht, bAV nur als Kostenstelle zu sehen. Wer nicht in die Altersvorsorge der Mitarbeitenden investiert, zahlt oft an anderer Stelle drauf: Bindung wird schwieriger, Know-how geht verloren, Recruiting wird teurer.
In anhaltenden Zeiten des Fachkräftemangels ist das keine Theorie, sondern tägliche Praxis. Nicht zu investieren ist selten „sparen“. Es ist häufig nur „verschieben“ und führt später zu höheren Kosten. Und beim „Aufwand“ gilt: Ja, bAV ist komplex. Aber es gibt heute sehr wohl Lösungen, die sich schlank administrieren lassen. Der Engpass ist nicht, dass es unmöglich wäre. Der Engpass ist, dass zu viele Betriebe das Thema nicht systematisch anpacken.
Was jetzt wirkt: weniger Perfektion, mehr Standard
Deloitte benennt als Ansatzpunkte ziemlich klar: Angebote einrichten und regelmäßig kommunizieren. Und Zuschüsse, die auch über das gesetzliche Minimum hinausgehen können. Der Mindestzuschuss von 15 Prozent ist in meinen Augen wichtig. Aber er wird in vielen Belegschaften als „Pflichtprogramm“ wahrgenommen und leider nicht als echter Impuls.
Aus meiner Sicht ist ein Zuschuss von 25 Prozent oft die Schwelle, an der bAV deutlich attraktiver wird. Weil es nicht mehr nach „ein bisschen“ aussieht, sondern nach einem ernst gemeinten Beitrag des Arbeitgebers. Gleichzeitig würde ich vor zu viel „Feinmechanik“ warnen: Staffelungen nach Einkommen klingen gerecht, schaffen aber schnell neue Komplexität. Und Komplexität ist der natürliche Feind von Breitenwirkung.
Was es stattdessen braucht, ist ein pragmatisches Dreierpaket: 1. Ein Standard-Angebot in jedem Betrieb – gerade auch in KMU. 2. Regelmäßige, einfache Kommunikation – nicht einmalig, nicht nur im Kleingedruckten. 3. Spürbarer Zuschuss als Invest in Bindung und Zukunftsfähigkeit.
Die bAV scheitert nicht an fehlender Relevanz, sondern an drei sehr konkreten Bremsen: Budgetgefühl, Angebotslücke, Kostenbrille. Die gute Nachricht: Keine davon ist unlösbar. Die schlechte: Es wird nicht ohne Entschlossenheit gehen und nicht ohne den Mut, das Thema endlich als Standard zu behandeln, nicht als Kür.
Dr. Guido Bader ist CEO der Stuttgarter Lebensversicherung















