Stuttgarter-Vorstand Ralf Berndt: Warum ESG ein Hebel ist, der wahnsinnig stark macht

Ralf Berndt
Foto: Stuttgarter
Ralf Berndt, Vorstandsmitglied der Stuttgarter

Nachhaltigkeit ist nicht nur eine enorme Chance für die gesamte Branche. Sie ist zugleich auch eine Verpflichtung für alle Versicherer. Gastbeitrag von Ralf Berndt, Stuttgarter

Nicht überall mit dem gleichen Tenor – aber Nachhaltigkeit ist in unserer Branche in aller Munde. Waren vor zehn Jahren nachhaltige Vorsorgeangebote absolute Exoten, sind sie heute schon häufiger zu finden. Getragen von der gesellschaftlichen Bedeutung der Nachhaltigkeitsbestrebungen haben sich jedoch nicht nur die Produkte durchgesetzt, sondern sind (zwangsläufig) auch Pflichten und neue zugehörige Themen aufgekommen. Heute hadern die einen mit der Komplexität der Präferenzabfrage beim Endkunden, die anderen preisen die nahende (kompensierte) Klimaneutralität als Anbieter. Die Offenlegungsverordnung der EU bringt eine (zu) kräftige Portion Regulatorik mit ins Spiel.Bei all den berechtigten Diskussionen gerät für meinen Geschmack aktuell eines etwas zu sehr aus dem Blickwinkel – und zwar die Chancen, die Nachhaltigkeit im Vertrieb bietet und die tragende Rolle, die wir Versicherer dadurch beim Wandel der Wirtschaft spielen können.

Wir sollten einen stärkeren Blick in den bAV-Bereich werfen. Hier kumulieren sich nicht nur diverse Nachhaltigkeitsperspektiven. Sondern hier zeigt sich, welche Kraft nachhaltige Vorsorgeangebote entfalten können. 2023 haben wir bei der Stuttgarter nicht nur das Neugeschäft im Bereich der bAV deutlich ausgeweitet – sondern mit 53 Prozent der Neuabschlüsse entfiel erstmals die Mehrheit auf die „GrüneRente“. Der Boden ist hier sicherlich besonders fruchtbar: Als Arbeitgeber überhaupt ein Angebot im Bereich betrieblicher Altersversorgung zu unterbreiten, ist bereits im doppelten Sinne nachhaltig. Es wirkt für das Unternehmen stark in der Bindung von beziehungsweise bei der Attraktivität für Mitarbeitende. Zugleich bietet das bAV-Angebot eine wichtige soziale Absicherung der Mitarbeitenden im Alter. Ist dann das bAV-Produkt ebenfalls nachhaltig, hat man einen harmonierenden Dreiklang. Die Tatsache, dass Nachhaltigkeit nunmehr bei vielen Unternehmen Teil der Einkaufsvorschriften ist, hilft genauso wie der Umstand, dass es in der zweiten Schicht keine Pflicht für die Präferenzabfrage in der Beratung gibt.

Der bAV-Bereich zeigt somit deutlich, welches Potenzial Nachhaltigkeit insgesamt mit sich bringt. Mein Wunsch daher an Vermittlerinnen und Vermittler in der dritten Schicht: Nicht von der Präferenzabfrage abschrecken lassen. Natürlich ist diese in ihrer heutigen Form nicht ideal. Neben den hörbar kritischen Stimmen haben wir dafür einen weiteren Beleg: Wir erkennen in unseren Systemen Beratungen, in denen die Präferenzabfrage durchaus mit einem Nein zu Nachhaltigkeit startet, dann aber dennoch ein nachhaltiges Produkt abgeschlossen wird. Wir gehen davon aus, dass dies an den verpflichtend zu verwendenden komplexen Begrifflichkeiten liegt.

So wird die Komplexität, aber nicht die informative Beratung zu Nachhaltigkeit umgangen. Eine Vereinfachung der Abfrage wäre sicherlich wünschenswert und hilfreich. Dennoch sollten Vermittlerinnern und Vermittler schon jetzt das Thema positiv angehen, es offen und positiv mit in die Beratung nehmen. Denn wir sehen auch, dass die Bedeutung beim Kunden zunimmt. Vor allem jüngere Verbraucherinnen und Verbraucher fragen diese Produkte nach. Frauen sind über alle Altersschichten interessierter. Ein Potenzial, das man nicht außer Acht lassen sollte.

Zumal es für Geschäftspartnerinnen und Geschäftspartner ein umfangreiches und niedrigschwelliges Angebot seitens Versicherer und weiterer Anbieter gibt, diesen Themenbereich für sich zu erschließen. Ganz vorneweg diverse Angebote, um sich als Nachhaltigkeitsberater für Versicherungen zertifizieren zu lassen. Hier werden grundsätzliche Kenntnisse vermittelt: Wie integriert man ESG-Kriterien in das Portfolio-Management? Was sind Beurteilungskriterien für nachhaltige Finanzprodukte? Der aktuelle Stand der Regulatorik. Und vor allem, wie sich regulatorische Anforderungen rund um Taxonomie und IDD erfolgreich in der Beratung umsetzen lassen.


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Darüber hinaus haben sich diverse Zertifizierungen und Prüfsiegel unterschiedlichster Institute für nachhaltige Kapitalanlagen und Fondsdepots als Orientierung etabliert. Beispielsweise können sich Fondsangebote beim Forum nachhaltige Geldanlage (FNG) durch unabhängige Auditoren prüfen lassen. Das FNG-Siegel, das jährlich erneuert werden muss, gewährleistet Mindeststandards für die Umsetzung weltweit anerkannter Normen sowie weiterführende Qualitätsmerkmale. Das Institut für nachhaltiges, ethisches Finanzwesen (INAF) wiederum prüft, ob ein Anbieter die sich selbst gesetzten Nachhaltigkeitskriterien und -standards bei der Kapitalanlage einhält und ob diese eine direkt nachhaltige Wirkung haben. Klare Positiv- als auch Ausschlusskriterien sind hier der Mindeststandard, auf den es zu achten gilt.

Zudem beteiligen sich immer mehr Anbieter und Marktteilnehmer, um für zusätzliches Wissen, Aufklärung und Transparenz zu sorgen. Und das ist auch gut so – denn man darf hier nicht blind vertrauen. So hat eine aktuelle Studie von Impact Asset Management (I-AM) rund 7.100 als Artikel 8 („hellgrün“) oder als Artikel 9 („dunkelgrün“) der EU-Offenlegungsverordnung gekennzeichnete Fonds detailliert untersucht. Das Ergebnis: 24 Prozent der Artikel-8-Fonds und neun Prozent der Artikel-9-Fonds haben indirekt Bezug zu Nuklearwaffen. Sogar 79 beziehungsweise 77 Prozent der Fonds enthalten Werte, die an der Gewinnung von fossilen Brennstoffen durch unkonventionelle Weise wie arktische Bohrungen oder Fracking beteiligt sind. Der Teufel liegt also wie immer im Detail. Genau an dieser Stelle kann der Vorteil einer unabhängigen Beratung ausgespielt werden.

Insgesamt ist die große Kraft, die von den Sicherungsvermögen der Lebensversicherer und der Kapitalanlage der Kundengelder ausgeht, noch nicht ausreichend bekannt – sowohl bei potenziellen Kundinnen und Kunden als auch bei Vermittlerinnen und Vermittlern. Es ist der weitaus größte Hebel, an dem wir für eine lebenswerte Welt ansetzen können. Die Verringerung des eigenen CO2-Fußabdrucks in den Own Operations des Versicherers ist natürlich auch wichtig. Nur mit den Milliarden in der Kapitalanlage und deren Ausrichtung auf mehr Nachhaltigkeit können wir erheblich viel mehr erreichen. Nicht umsonst hat der Regulator die Transformationskraft, die von diesen Geldern ausgehen kann, erkannt und will diese über Vorgaben nutzen.

Aber warum nutzen wir diese Chance und dieses Argument nicht freiwillig viel klarer? Es ist vielleicht die mit Abstand stärkste Leiterzählung gegenüber Kundinnen und Kunden. Eigentlich alle Unternehmen der vielfältigsten Branchen in diesem Land suchen nach Wegen, nachhaltiger zu agieren. Auch um dies als Argument gegenüber den eigenen Zielgruppen auszuspielen. Nur kaum eine Branche hat einen solch kraftvollen Hebel wie wir. Einen Hebel, über den noch so viel mehr zu erreichen ist als mit der Änderung von persönlichen Verhaltensweisen oder dem Verzicht auf Konsum. Einen Hebel, der wahnsinnig stark ist, den aber kaum jemand kennt.

Nachhaltigkeit ist nicht nur eine enorme Chance für unsere gesamte Branche. Sie ist zugleich auch eine Verpflichtung für alle Versicherer: Es gibt eine wachsende Nachfrage. Wir haben Gestaltungs- und Einflussmöglichkeiten. Wir haben dadurch so kraftvolle Argumente wie wenige andere Branchen. Wir sollten sie nutzen.

Autor Ralf Berndt ist Vorstand der Stuttgarter Lebensversicherung.

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