Eine Stellenanzeige informiert nicht nur über Aufgaben und Anforderungen. Sie gibt auch Hinweise auf Strukturen, Kultur und Erwartungshaltung eines Unternehmens. Was zunächst wie eine attraktive Position wirkt, kann sich im Alltag als Belastungsprobe erweisen.
„Ein guter Arbeitsplatz motiviert Kollegen, besser zu werden. Schlechte Arbeitsbedingungen hingegen können dauerhaft krank machen“, sagt Stephan Megow, Regional Managing Director bei Robert Half, einem spezialisierten Anbieter von Personallösungen. Warnsignale deuteten häufig auf strukturelle Schwächen, unrealistische Erwartungen oder eine problematische Unternehmenskultur hin.
Solche Hinweise beginnen laut Megow bereits bei fehlenden oder unklaren Gehaltsangaben. Auch eine vage Beschreibung der Aufgaben oder auffällig häufig neu ausgeschriebene Positionen sollten Bewerber aufmerksam machen. Wer genauer hinsieht, erkennt oft erste Anzeichen für interne Probleme.
Wie stark sich problematische Arbeitsbedingungen auswirken können, zeigen Daten des Statistischen Bundesamtes: 25 Prozent der Erwerbstätigen fühlten sich 2020 psychischen Belastungen ausgesetzt. Vor diesem Hintergrund empfiehlt Megow, bereits in einer frühen Phase des Bewerbungsprozesses gezielt nachzufragen.
„Aussagen ‚bei uns machen alle alles‘ können auf eine fehlende Struktur hindeuten, in der Zuständigkeiten nicht eindeutig festgelegt sind und zu permanenten Stressoren für Arbeitnehmer werden können“, so Megow weiter. Hinter vermeintlicher Flexibilität könne sich Unklarheit über Verantwortlichkeiten verbergen.
Auch der Ablauf des Bewerbungsverfahrens selbst liefert Hinweise. „Wenn der Bewerbungsprozess wenig Struktur aufweist, kann dies ein Vorbote dessen sein, was Bewerber später im Job erwartet. Wenn Vertreter des Unternehmens gehetzt ins Bewerbungsgespräch kommen und sich den Lebenslauf des eingeladenen Kandidaten erst dann richtig ansehen, wenn er vor ihnen sitzt, ist das ein klares Warnsignal“, weiß Megow weiter.
Klare Aufgabenprofile schaffen Transparenz
Neben dem Prozess spielt die inhaltliche Ausgestaltung der Position eine zentrale Rolle. „Viele Bewerber erleben, dass sie sich auf eine Stelle bewerben und nach kurzer Zeit ganz andere Aufgaben übernehmen, als eigentlich bei der Einstellung vorgesehen war. Fehlt eine klare Aufgabenbeschreibung in der Stellenausschreibung, kann es sich dennoch lohnen, das im Bewerbungsprozess klar anzusprechen. Wie die Tätigkeit aussieht und welche Ziele können bereits vereinbart werden? Das schafft Transparenz für beide Seiten“, sagt Megow.
Fehlende Ansprechpartner in der Anzeige können ebenfalls problematisch sein. „Wir erleben immer wieder, dass Unternehmen sich nicht auf Bewerbungen zurückmelden. Oft wird dies Ghosting genannt. Wenn dann noch Ansprechpartner und Kontaktmöglichkeiten in der Stellenanzeige fehlen, kann das ein weiteres Warnsignal sein“, weiß Megow.
Besondere Aufmerksamkeit verdienen Stellen, die mehrfach im Jahr ausgeschrieben werden. „Wenn exakt dieselbe Stelle zweimal im Jahr ausgeschrieben ist, ist das noch kein Warnsignal. Vielleicht haben Bewerber und Unternehmen doch nicht so gut zusammengepasst, wie es auf den ersten Blick schien. Wenn die Stelle innerhalb eines Jahres jedoch drei Mal oder noch öfter ausgeschrieben wird, sollten bei Bewerbern alle Alarmglocken schrillen. Dann sind mit der Stelle vermutlich Erwartungen verbunden, die nicht zu erfüllen sind“, so Megow.
Recherche als Realitätscheck
Bewerber können potenzielle Risiken aktiv prüfen. Bewertungsportale liefern Hinweise auf Zufriedenheit in einzelnen Abteilungen. Häufen sich kritische Stimmen, empfiehlt Megow, diese Punkte im Gespräch offen anzusprechen. Gleichzeitig relativiert er: „Allerdings ist auch hier Vorsicht geboten, oft überwiegen die negativen Kommentare. Wer zufrieden mit seinem Job ist, sieht oft nicht die Notwendigkeit, seine Erfahrungen in einem Bewertungsportal zu teilen“, weiß Megow weiter.
Er rät zudem zur Recherche auf der Unternehmenswebsite. „Den Besuch der Unternehmenswebsite zur Vorbereitung auf das Vorstellungsgespräch rate ich jedem Kandidaten, um sich entsprechend über das Unternehmen zu informieren. Wer das tut, wird – sofern vorhanden – auch unabhängige Auszeichnungen sehen, die das Unternehmen als sehr guten Arbeitgeber qualifizieren“, sagt Megow. Solche Hinweise könnten ein Indikator dafür sein, dass Anspruch und Realität der ausgeschriebenen Position übereinstimmen.














