Die Zinswende verbessert die wirtschaftliche Lage der Lebensversicherer spürbar. Für Vermittler bedeutet das jedoch kein Comeback der klassischen Lebensversicherung. Stattdessen verschiebt sich das Geschäft immer weiter in Richtung kapitalmarktnaher Produkte wie Fonds- und Indexpolicen. Gleichzeitig bleiben Garantien ein wichtiger Anker in der Beratung.
Zu diesem Ergebnis kommt die aktuelle Marktstudie zu Überschüssen und Garantien der Ratingagentur Assekurata. Vorgestellt wurden die Ergebnisse im Rahmen einer Online-Pressekonferenz von Dr. Reiner Will, Geschäftsführer der Assekurata Rating-Agentur, Tatiana Wandraj aus dem Bereich „Analytics & Insights“ sowie Lars Heermann, Leiter Analyse und Bewertung und Fachkoordinator Lebensversicherung.
Grundlage der Untersuchung ist eine rund 150 Seiten umfassende Studie, an der sich 37 Lebensversicherer beteiligten. Diese repräsentieren laut Will rund 64 Prozent Marktanteil in der Branche. „Wir betrachten in der Studie sämtliche Produktformen mit Garantiedeklaration – von der klassischen Lebensversicherung über Indexpolicen bis hin zu fondsgebundenen Verträgen mit Garantiekomponenten“, erläuterte Assekurata-Geschäftsführer Will.
Kapitalmarkt liefert neue Argumente für Vermittler
Das Kapitalmarktumfeld hat sich für die Lebensversicherer deutlich verbessert. Vor allem die Aktienmärkte entwickelten sich zuletzt sehr dynamisch. „Der DAX hat 2025 das dritte Jahr in Folge eine Rendite von über 23 Prozent erzielt“, sagte Tatiana Wandraj. „Das sind sehr positive Impulse auch für die Lebensversicherer.“ Zwar investieren Versicherer nur einen kleinen Teil ihrer Kapitalanlagen direkt in Aktien. Doch über Beteiligungen sowie Private-Equity- und Private-Debt-Investments profitieren sie indirekt von den Entwicklungen an den Kapitalmärkten.
Parallel dazu habe sich das Zinsumfeld deutlich verändert. „Die Zinsentwicklung hat sich auf einem höheren Niveau stabilisiert. Das verbessert die Neu- und Wiederanlage für die Lebensversicherer deutlich“, erklärte Wandraj.
Für Makler und Vermittler eröffnet das wieder mehr Argumentationsspielraum in der Altersvorsorgeberatung. Garantien gewinnen gerade in volatilen Marktphasen wieder an Bedeutung. „Garantien können in unsicheren Zeiten als stabilisierender Faktor für Versicherungsnehmer wahrgenommen werden“, sagte Wandraj.
BaFin verändert die Produktlandschaft
Neben dem Kapitalmarkt prägt auch die Regulierung zunehmend den Markt. Die BaFin hat den Fokus zuletzt stärker auf den Kundennutzen von Versicherungsprodukten gelegt. „Die Aufsicht hat ihre Erwartungen an den angemessenen Kundennutzen sehr klar formuliert und den Markt intensiv beobachtet“, sagte Wandraj.
Produkte mit hohen Kosten oder ungünstigen Stornostrukturen wurden teilweise angepasst oder sogar vom Markt genommen. Eine erneute Marktabfrage der BaFin zeigt laut Assekurata bereits spürbare Effekte. In einigen Produktsegmenten haben sich die Effektivkostenquoten merklich reduziert.
Zinszusatzreserve entlastet die Branche
Ein wichtiger Faktor für die wirtschaftliche Lage der Lebensversicherer bleibt die Entwicklung der Zinszusatzreserve (ZZR). Sie wurde in der Niedrigzinsphase aufgebaut, um die hohen Garantiezinsen älterer Verträge abzusichern. „Der Höchststand lag 2021 bei knapp 196 Milliarden Euro“, erläuterte Assekurata Analyst Lars Heermann. Seit der Zinswende hat sich die Situation jedoch deutlich verändert. „Seit 2022 werden sukzessive Mittel aus der Zinszusatzreserve frei“, sagte Heermann. Für das Geschäftsjahr 2025 erwartet Assekurata eine Freisetzung von rund 4,5 Milliarden Euro.
Damit dürfte die ZZR in der Branche erstmals wieder unter die Marke von 80 Milliarden Euro fallen. Langfristig könnte sich dieser Effekt sogar noch verstärken. „Ab etwa 2027 rechnen wir damit, dass deutlich größere Beträge frei werden – möglicherweise im zweistelligen Milliardenbereich pro Jahr“, so Heermann.
Allerdings stehen dieser Entlastung auch Belastungen gegenüber. Durch den Zinsanstieg in den vergangenen Jahren sind viele festverzinsliche Wertpapiere im Marktwert gefallen. „Aktuell sehen wir stille Lasten von über 80 Milliarden Euro in den Kapitalanlagen der Branche“, erklärte Heermann.
Überschüsse steigen – aber nur moderat
Vor diesem Hintergrund steigen die Überschussbeteiligungen nur langsam. Für klassische Lebensversicherungen liegt die durchschnittliche laufende Verzinsung im Jahr 2026 bei 2,57 Prozent – nach 2,52 Prozent im Vorjahr. „Wir sehen zwar einen leichten Anstieg, aber keine großen Sprünge“, sagte Heermann. Viele Versicherer halten sich bewusst zurück, weil sie zunächst ihre bilanziellen Belastungen reduzieren wollen.
Neben Rendite und Garantien spielt in der Beratung zunehmend auch die Kostenstruktur eine Rolle. Laut Assekurata liegen die durchschnittlichen Effektivkosten der untersuchten Musterverträge je nach Produktart auf unterschiedlichen Niveaus.
Am günstigsten sind klassische Lebensversicherungen mit durchschnittlichen Effektivkosten von 0,91 Prozent. In der Neuen Klassik liegen die Kosten mit 1,04 Prozent etwas höher. Bei fondsgebundenen Policen mit Garantien betragen die Effektivkosten im Durchschnitt 1,17 Prozent, während Indexpolicen mit durchschnittlich 1,36 Prozent die höchsten Kosten im Vergleich aufweisen.
Für Vermittler ist diese Einordnung besonders relevant, weil sie auch in die politische Diskussion um mögliche Kostenobergrenzen für Altersvorsorgeprodukte hineinspielt. „Selbst die komplexeren Produkte wie Indexpolicen bleiben in unserem Musterfall noch unter einer häufig diskutierten Kostenmarke von 1,5 Prozent“, erläuterte Heermann. Allerdings hängen die Effektivkosten stark von der Vertragslaufzeit ab. Die Assekurata-Berechnungen basieren auf einem langfristigen Mustervertrag mit rund 35 Jahren Laufzeit.
Klassik mutiert zum Nischenprodukt
Besonders deutlich zeigt sich der Strukturwandel im Neugeschäft. „Aktuell bieten nur noch elf Anbieter überhaupt eine klassische Rente gegen laufenden Beitrag im Neugeschäft an“, sagte Heermann. Viele Versicherer setzen stattdessen auf modernere Garantieprodukte oder stärker kapitalmarktorientierte Lösungen.
In der sogenannten neuen Klassik liegt die durchschnittliche laufende Verzinsung bei 2,65 Prozent. Bemerkenswert ist dabei eine Entwicklung bei den Garantien. „Wir sehen erstmals seit Jahren wieder Anbieter, die eine vollständige Bruttobeitragsgarantie anbieten können“, sagte Heermann.
Noch höhere Überschussbeteiligungen finden sich bei Indexpolicen. Hier liegt der durchschnittliche Überschusszins bei 3,07 Prozent. „2025 war ein gutes Indexjahr. Mehr als die Hälfte der Indexpolicen hat Renditen von über vier Prozent erzielt“, erklärte Heermann.
Die größten Wachstumschancen sieht die Branche jedoch bei fondsgebundenen Lebensversicherungen.„Die Renditeperspektive kommt hier weniger aus dem Überschusszins, sondern vor allem aus der Fondsanlage“, erläuterte Heermann. Im Durchschnitt stehen Kunden mehr als 100 Fonds zur Auswahl, darunter zunehmend auch ETFs.
Beratung wird zum entscheidenden Erfolgsfaktor
Für Makler und Vermittler bedeutet diese Entwicklung vor allem eines: Beratung wird wichtiger. „Die Lebensversicherer bewegen sich heute in einem Spannungsfeld zwischen Garantie und Kapitalmarkt“, fasste Assekurata-Geschäftsführer Will zusammen.
Gerade im Wettbewerb mit ETF-Sparplänen, Neobrokern und digitalen Anlageplattformen müssen Vermittler den Mehrwert der Versicherungslösung stärker erklären. Denn anders als reine Kapitalmarktprodukte verbindet die Lebensversicherung Kapitalanlage, Garantieelemente und lebenslange Rentenzahlungen – und bleibt damit ein zentraler Baustein der privaten Altersvorsorge.













