Was tun, wenn einen in Zeiten von Corona die Angst vor Arbeitsplatzverlust lähmt?

Foto: Verena Reinke
Mareike Fell

Angst vor Arbeitsplatzverlust – klingt da was bei Ihnen an? Dann lesen Sie unbedingt weiter! Die Fürstenberg-Kolumne mit Mareike Fell

Na? Wie geht es Ihnen? Wo erwische ich Sie gerade? Ich möchte Ihnen heute einen Fall aus meiner Beratung* vorstellen, wie er mir am Fürstenberg Institut immer wieder begegnet:

Nach einem Jahr Corona verbreitet sich die Angst vor Arbeitsplatzverlust zunehmend. Unternehmen wackeln, es gibt Kurzarbeit und Sonderschichten, die Zukunft ist unsicher. Jetzt bloß kein neues Gehalt verhandeln! Nicht krank werden! Nichts riskieren. Stop! Gestalten Sie selbst, bevor die Angst Sie fängt!

Herr J. ist 49 Jahre alt, hat eine Frau und eine kleine Tochter und ist seit sieben Jahren als Angestellter für einen großen renommierten Herrenausstatter tätig. Sein Vorgesetzter hatte gerade erst versichert, dass es trotz Einschränkungen durch Corona keinen Grund zur Sorge gäbe, die Eigentümer hätten noch Reserven, die Arbeitsplätze seien sicher. Eigentlich ist bei Herrn J. also gar nichts los.

Und dennoch – in unseren ersten zehn Minuten sprudelt es nur so aus Herrn J. heraus: Die Ware lässt sich kaum verkaufen, der Umsatz ist eingebrochen und sogar auf politischer Ebene könne doch keine klare Linie oder ein planbares Ende genannt werden. Das macht Herrn P. solche Angst, dass er nicht mehr richtig schlafen kann. Er ist zu Hause dünnhäutig und auf der Arbeit unkonzentriert geworden. Es quält ihn eine innere Unruhe und das ständige Gedankenkreisen um einen eventuellen Arbeitsplatzverlust.

Ich bleibe dran und möchte wissen, wovor er genau Angst hat: Nicht mehr für sich und seine kleine Familie sorgen zu können. An seine kleinen Ersparnisse für das Alter – oder, wie sein Freund, die Lebensversicherung auflösen zu müssen. Herr J. sinkt immer weiter in seinem Sessel ein. Hier wird deutlich, wie wenig Sicherheit im Außen zu finden ist, sondern nur in uns selbst.

Das Ziel für unsere Sitzung ist damit klar: Sicherheit aus sich selbst heraus wieder zu finden, damit Herr J. ohne lähmende Angst weiter konzentriert seinen Job machen kann.

Dazu gilt es erstmal, diese Angst zu würdigen: Angst will uns absichern. Angst ist so gesehen gut. Sie ist nur dann nicht mehr gut, wenn sie beginnt uns zu lähmen. Und sie beginnt, uns zu lähmen, wenn andere hilfreiche Gefühle wie Vertrauen, Mut und Hoffnung verstummt sind. So lässt Herrn J. eine diffuse existenzielle Angst sogar ohne konkreten Anlass wackeln.

Deswegen erarbeite mit Herrn J. ein inneres Gefühl der Sicherheit und mache einen Realitätscheck – dann zeigen sich in der Regel auch andere positive Gefühle wieder: Im Außen droht augenscheinlich aktuell trotz Corona keine reelle Gefahr. Er hätte allen Grund für Dankbarkeit, Hoffnung und Zuversicht. Herr J. bestätigt vorsichtig. Auf diese Weise frage ich weiter ab, was sicher ist und bleibt.

Zwischendurch frage ich immer wieder Herrn J.s Mut, Vertrauen oder Hoffnung – und was diese zu dem Gesagten meinen. Zu Herrn J.s Überraschung sind die Antworten jedes Mal grundverschieden. Sein Vertrauen sagt ihm, dass er seinem Vorgesetzten glauben darf. Seine Hoffnung sagt, dass mit den Impfungen und dem Sommer die große Krise vorbei sein wird. Und sein Mut? Der wird ganz rebellisch und sagt: Wenn es so kommen sollte wie er befürchtet und sie ihn nicht mehr wollen, dann macht er eben etwas anderes! Das habe er schon oft genug im Leben bewiesen. Interessant…

Die restliche Zeit lasse ich mir von Herrn J. von seinen überwundenen Krisen erzählen und welche tollen Ressourcen und Fähigkeiten ihm diesen Erfolg ermöglicht haben. Herr J. sitzt im Laufe der Zeit immer aufrechter, seine Augen leuchten und immer wieder muss er lachen, so überrascht ist er von sich selbst.

Als Hausaufgabe bitte ich Herrn J. herauszufinden, was er noch tun kann, um sich aktiv handelnd zu erleben. Oft ist dies schon der Schlüssel, um wieder Sicherheit und Halt in sich selbst zu finden.

Zum Abschluss frage ich Herrn J., welches Gefühl er denn jetzt mitnimmt? Etwas mehr Ruhe, meint Herr J. Ich sehe es ihm tatsächlich auch an. Aber vor allem ein Gefühl dafür, nicht ohnmächtig und hilflos zu sein, sondern in jedem Moment die Wahl zu haben. Und diese Möglichkeiten sind ebenfalls eine wunderbare Quelle der Sicherheit.

Hier meine Tipps bei Angst vor Arbeitsplatzverlust:

  • Machen Sie einen Realitätscheck: Wie reell ist Ihre Angst?
  • Kommen Sie mit Ihrem Vorgesetzten ins Gespräch: Wie sind die Perspektiven? Was kann ich tun? Tun bringt immer raus aus der Ohnmacht.
  • Erinnern Sie sich an drei Krisen in Ihrem Leben, die Sie überwunden haben und überlegen Sie, welche ganz persönlichen individuellen Fähigkeiten ihnen geholfen haben, diese Krisen letztlich zu überwinden.
  • Erweitern Sie Ihren Horizont: Welche Möglichkeiten haben Sie noch? Wahlfreiheit ist zentral, um aus der Ohnmacht in die Macht zu kommen.
  • Sie sind nicht Angst, Sie haben Angst. Was haben Sie noch? Befragen Sie gerne auch mal Ihre Sicherheit, Ihr Vertrauen, Ihre Hoffnung oder Ihren Mut. Sie werden gespannt sein, wie unterschiedlich die Antworten ausfallen.
  • Und zögern Sie nicht, sich bei Bedarf Hilfe zu holen. Wenn zum Beispiel Angst oder Niedergestimmtheit unaushaltbar werden, wenden Sie sich an das Patiententelefon der kassenärztlichen Vereinigung (116117) oder die Telefonseelsorge (0800 – 111 0 111 oder 0800 – 111 0 222). Sollten Sie akute Suizidgedanken haben, nehmen Sie sofort Kontakt mit dem Notdienst Ihrer örtlichen psychiatrischen Klinik oder dem Rettungsdienst (112) auf.

*Der Fall wurde mit dem Einverständnis des Betroffenen anonymisiert.

Autorin Mareike Fell ist systemischer Coach und Heilpraktikerin für Psychotherapie und ist als Beraterin und Trainerin in der externen Mitarbeiterberatung für das Fürstenberg Institut tätig. Internet: www.fuerstenberg-institut.de 

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