„Höchste Zeit, Regulierungen zurückzunehmen“

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In der Beratung läuft derzeit viel auf dem digitalen Weg.

Berater und Vermittler meistern die Coronakrise bisher relativ gut. Nun hofft man in der Branche, dass durch die Krise auch in der Politik ein Umdenken stattfindet.

Als der AfW Bundesverband Finanzdienstleistung im Januar die Ergebnisse seines 13. Vermittlerbarometers veröffentlichte, bestätigten die Zahlen den Eindruck, den Beobachter der Branche bereits in den Wochen und Monaten zuvor gewonnen hatten: Bisher meistern Berater und Vermittler die Coronakrise relativ gut. So konnten Versicherungsmakler und unabhängige Finanzdienstleister im Jahr 2020 ihren Gewinn um über acht Prozent und ihren Umsatz um elf Prozent steigern. „Im Schnitt sind die unabhängigen Vermittlerinnen und Vermittler bisher erstaunlich gut durch die Coronakrise gekommen. Viele Vermittlerinnen und Vermittler sind in der Krise aktiv auf ihre Kunden zugegangen, haben Flagge gezeigt und Hilfe angeboten. Das ist das Ergebnis schneller und flexibler Anpassung an die neuen Rahmenbedingungen sowie harter Arbeit“, kommentierte AfW-Vorstand Frank Rottenbacher – nicht ohne Stolz auf die Branche – das Ergebnis der Umfrage.

Fragt man bei einzelnen Finanzvertrieben nach, wie 2020 bei ihnen gelaufen ist, verfestigt sich der positive Eindruck. „Das Sprichwort ‚In der Krise liegt die Chance‘ trifft für unsere Branche voll auf die gegenwärtige Situation zu. Rückblickend stellen wir fest, dass unser Vertrieb im Jahr 2020 mehr Provisionen als im Jahr 2019 verdient hat“, sagt beispielsweise Jörg Christian Hickmann, Vorstandschef der RWS Vermögensplanung AG aus Hannover. Das Unternehmen habe weder Finanzhilfen erhalten, noch Kurzarbeit angemeldet oder Steuerstundungen bzw. Steuerreduzierungen beantragt. „Einige unserer Vertriebspartner haben im letzten Jahr ihren höchsten Umsatz während der Zeit ihrer Betriebszugehörigkeit geschrieben. Diese Ergebnisse waren nur deshalb möglich, weil viele Kunden aufgrund der Coronakrise zu Hause waren. Sie waren erreichbar und hatten Zeit, sich mit dem Thema Finanzen zu beschäftigen“, nennt Hickmann Gründe für die Krisenresistenz der Branche. „Hinzu kommt, dass diese Menschen weiterhin Gehälter beziehen und diese Gelder derzeit nicht ausgeben können, da Geschäfte zu und Urlaubsreisen nicht möglich sind. Das Geld ist da und will investiert werden.“ Der Bedarf nach guter Beratung und guten Anlageprodukten steige täglich.

Und nicht nur das: Auch mit den Kontaktbeschränkungen durch die Pandemie gehe der Vertrieb überaus kreativ um, betont Hickmann: „Viel läuft derzeit auf dem digitalen Weg. Eine Erfolgsgeschichte im letzten Jahr ist sicherlich die digitale Videoberatung. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten ist die Videoberatung aus der heutigen Beratungslandschaft kaum noch wegzudenken.“ Diese Entwicklung sei der aktuellen Krise zu verdanken. „Ohne Corona wäre die Akzeptanz für diese Systeme niemals so schnell vorangeschritten. Im Übrigen gilt ja bis heute, dass eine Person einen Haushalt besuchen darf, so dass es rechtlich weiterhin möglich ist, auch Kunden persönlich vor Ort zu beraten“, so Hickmann. Auch der analoge Finanzvertrieb ist also nicht ganz zum Erliegen gekommen.

Nun hofft Hickmann, dass durch die Coronakrise auch in der Politik ein Umdenken stattfindet – schließlich ist die fortdauernde Regulierung eine weitere Großbaustelle, mit der sich die Branche herumschlagen muss: „Jetzt, wo die Gewinne sinken werden und Unternehmen ums Überleben kämpfen müssen, ist es höchste Zeit, Regulierungen zurückzunehmen, damit Deutschland wettbewerbs- fähig wird bzw. bleibt.“ Die Krise habe die Schwachstellen in den Bereichen Bildung und Digitalisierung gnadenlos aufgezeigt. „Daher habe ich die große Hoffnung, dass es für unsere Branche mit neuen Regelungen erstmal ein Ende haben wird.“ Ob diese Hoffnung berechtigt ist, wird sich spätestens im Herbst zeigen – nach der Bundestagswahl.

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