Nachhaltige Finanzberatung: Auf zu neuen Ufern

Foto: Picture Alliance
Greta Thunberg und Boris Herrmann beim Start ihrer Atlantiküberquerung 2019 im englischen Plymouth

Die Finanzberatung wird künftig „grüner“, denn ab August kommenden Jahres müssen Berater und Vermittler ihre Kunden befragen, ob ihre Investments nachhaltig sein sollen und falls ja, in welchem Umfang. Doch bei der Umsetzung der neuen Anforderungen in die Praxis sind noch viele Fragen offen.

Es war ein lauer Spätsommerabend, als Cash. Anfang September im Yachthafen von Kiel-Strande den Weltumsegler Boris Herrmann und Zurich-Deutschland-Chef Dr. Carsten Schildknecht auf dem E-Boot „X-Shore“ zum Interview traf, um über ihre Kooperation in Sachen Klimaschutz zu sprechen. Die Sonne schien, es war windstill und angenehme 21 Grad warm. Keine Spur von Wetterextremen jedweder Art. Eine trügerische Idylle, denn wenige Wochen zuvor hatte die Weltwetterorganisation (WMO) erneut einen Sommer der Wetterextreme konstatiert. Die Hochwasserkatastrophe in Westeuropa habe in diesen Sommer bislang die meisten Todesopfer gefordert, erklärte WMO-Sprecherin Clare Nullis im Juli. Zusätzlich erlebe Skandinavien eine andauernde Hitzewelle, Rauchschwaden von sibirischen Waldbränden breiteten sich bis Alaska aus und auch Nordamerika kämpfe mit Flächenbränden. „Wir haben wieder einen Sommer mit beispielloser Hitze, Dürre, Kälte und Nässe“, so Nullis.

Boris Herrmann, der vor zwei Jahren Greta Thunberg, die Initiatorin der Klimaschutzbewegung „Fridays for Future“, zur Klimakonferenz nach New York gesegelt hat, beschrieb in dem Interview sehr anschaulich, wie er den Klimawandel auf den Weltmeeren wahrnimmt. „Ich habe schon seit ein paar Jahren das Gefühl, dass ich Klimaextreme öfter erlebe. Als wir 2019 mit Greta Thunberg über den Atlantik gesegelt sind, hatten wir es mit vier tropischen Depressionen zu tun, der Vorstufe eines Wirbelsturms. Eine haben wir passieren lassen, indem wir später losgefahren sind, zweien sind wir ausgewichen und als wir angekommen sind, ist noch eine weitere direkt hinter uns über den Nordatlantik gezogen – in einer Jahreszeit, in der es normalerweise gar keine Wirbelstürme gibt. Und auch beim Start der ‚Vendée Globe‘ im November hatten wir eine tropische Depression nördlich von Madeira, die es dort zu dieser Zeit eigentlich selten oder gar nicht gibt.“ Er beobachte auch deutlich weniger Meerestiere und viele Regionen in den Tropen, in denen sich Seegras und Algen ansammeln.

„Kopfschütteln und Durcheinander“

Herrmann betonte in dem Interview die besondere Verantwortung, die gerade auch den Finanzkonzernen dabei zukomme, den Klimawandel zu bekämpfen: „Wichtig ist, dass sich auf der gesamten Erde, in allen Ländern, möglichst viel tut. Wir müssen mit technologischen Lösungen, mit einer Energiewende, nach vorn gehen. Der Übergang von der Pferdekutsche zum Automobil, einschließlich des Aufbaus der Automobil- und Ölindustrie, der Straßen und Verkehrsregeln, hat nur 13 Jahre gedauert. Ich kann mir vorstellen, dass es auch im Energiesektor zu einer Selbstbeschleunigung der Änderungen kommt, wenn die Politik und die großen Energie- und Finanzunternehmen es schaffen, gemeinsam Impulse zu setzen.“

Die gute Nachricht ist, dass mittlerweile viele Finanzkonzerne bereit sind, diese Verantwortung auch zu übernehmen. Das zeigt sich unter anderem daran, dass immer mehr Investmentgesellschaften Fonds auflegen, mit denen Anleger ihr Geld nachhaltig investieren können. Und auch die Finanzberatung wird künftig „grüner“, denn ab August kommenden Jahres müssen Berater und Vermittler ihre Kunden befragen, ob ihre Investments nachhaltig sein sollen und falls ja, in welchem Umfang. Die schlechte Nachricht ist, dass dieser Aufbruch zu neuen Ufern in der Finanzberatung bisher nicht reibungslos verläuft. Bei der Umsetzung der neuen Anforderungen in die Praxis sind noch viele Fragen offen.

Bereits im Frühjahr hatte Dr. Bernward Maasjost, Vorstandschef des Finanzvertriebs PMA, im Interview mit Cash. deutliche Kritik an der praktischen Umsetzung der nachhaltigen Finanzberatung geübt: „Der Berater weiß nicht konkret, welche Informationen er woher bekommt, was bedeutet, dass er kein Beratungsgespräch vorbereiten kann. Auch die Produktgeber stellen noch nicht ausreichende Informationen zur Verfügung – denn keiner weiß wirklich, was gefragt ist. Was beim Kunden ankommt: Kopfschütteln und Durcheinander.“

„Kein abgestimmter Gesetzgebungsakt“

Ein halbes Jahr später hat sich die Situation offenbar noch nicht grundlegend verbessert. „Wir sehen, dass große Agenturen wie Morningstar oder auch Scope regelmäßig ESG-Ratings von Fonds veröffentlichen. Hinzu kommen rund 400 weitere Anbieter von ESG-Daten. Jede dieser Rating-Agenturen setzt jedoch einen anderen Bewertungsansatz an. Hinzu kommen die eigenen Interpretationen der ESG-Scores der emittierenden Fondshäuser. Für die Berater im Finanzdienstleistungssektor ist das eher verwirrend als erhellend“, erklärt Maasjost gegenüber Cash. Nach wie vor gebe es keine klaren Beurteilungsstandards für ESG-konforme Fonds und andere Anlagen.

Das Ergebnis: „Unterschiedliche Rating-Agenturen kommen bei gleichen Unternehmen und Fonds nicht zu einer gleichen, oft nicht einmal zu einer ähnlichen Ratingeinschätzung. Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass die Korrelation nur bei rund 0,5 liegt, im Vergleich dazu liegt der Korrelationsfaktor bei Bonitätsratings bei durchschnittliche 0,99. Nachhaltigkeit in dem einen Fonds ist nicht gleich Nachhaltigkeit in einem anderen Fonds. Jeder ESG-Anbieter interpretiert Daten auf Basis der festgelegten Hauskriterien und jedes Fondshaus hat ebenfalls noch einmal individuelle Kriterien“, so Maasjost. Er beobachte den Markt genau und sei immer wieder überrascht, wie viele Produkte sich als ESG-konform bezeichnen. „Der Gedanke von ‚Greenwashing‘ schießt mir hier und da schon durch den Kopf. Doch wo keine Kriterien vorhanden sind, ist der Interpretationsraum eher groß.“ Sein ernüchterndes Fazit: „Der Berater wird wieder einmal im Regen stehengelassen und haftet im Zweifel gegenüber dem Anleger. Also keine schöne Situation für unsere Makler.“

Entscheidende Fehler wurden laut Johannes Sczepan, Geschäftsführer des Finanzvertriebs Plansecur, schon im europäischen Gesetzgebungsverfahren gemacht. „Der EU-Gesetzgeber hat es verpasst, einen abgestimmten Gesetzgebungsakt, der zu einer harmonisierten Lösung führt, zu formulieren. Stattdessen ist das Ergebnis ein Flickenteppich unterschiedlicher Gesetzgebungsmaßnahmen, die kleckerweise und zeitlich versetzt die Finanzmarktteilnehmer zur Einhaltung neuer, teilweise nicht miteinander abgestimmter Vorgaben verpflichten“, bemängelt er. Schön wäre es aus seiner Sicht gewesen, eine konzertierte Lösung „aufgetischt“ zu bekommen, vergleichbar mit den großen Gesetzespaketen aus den vergangenen Jahren wie Mifid II und IDD. „Gerade hinsichtlich der Abfrage der Nachhaltigkeitspräferenzen ab 1. August 2022 herrscht derzeit noch große Unsicherheit, wie die künftige Geeignetheitsprüfung erfolgen soll, wie das bestehende Zielmarktkonzept erweitert wird und die derzeit noch nicht in Einklang stehenden Nachhaltigkeitsdefinitionen aus der EU-Offenlegungs- und EU-Taxonomie-Verordnung umgesetzt werden sollen“, so Sczepan.

Den vollständigen Artikel lesen Sie in der aktuellen Cash. Ausgabe 11/2021.

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