Ins Grübeln gekommen

Der russische Angriffskrieg in der Ukraine wirkt sich auch auf die Energie- und Benzinpreise in Deutschland aus.

Wie wirken sich der Krieg in der Ukraine und seine Folgen auf die Altersvorsorgebereitschaft der Deutschen aus? Die Teilnehmer der Round-Table-Diskussion von Cash. nehmen unterschiedliche Reaktionen ihrer Kundinnen und Kunden wahr.

Corona, Ukraine-Krieg und Geldentwertung: Die Stimmung der Deutschen in Sachen Altersvorsorge ist im Frühjahr 2022 auf einem Tiefpunkt angelangt. Der „Altersvorsorge-Index“, den das Deutsche Institut für Vermögensbildung und Alterssicherung (Diva) regelmäßig auf Basis einer repräsentativen Befragung von 2.000 Bürgerinnen und Bürgern erhebt, notiert derzeit bei minus 3,2. Vor einem Jahr lag er noch bei 1,6. Die zunehmende Altersvorsorge-Skepsis wird vor allem von der Einschätzung der „aktuellen Lage“ genährt: Dieser Teilindex stürzt von minus 1,3 auf minus 7,0 – nicht zuletzt aufgrund der Sorge vieler Menschen über die aktuellen geopolitischen Entwicklungen und aufgrund zunehmender Inflationssorgen. Düstere Aussichten, könnte man meinen. 

Etwas positiver fällt allerdings der zweite Teilindex „künftige Erwartungen“ aus, der sich immerhin seitwärts bewegt. Einerseits verharren zwar die Einschätzungen zur Zukunft des gesetzlichen Rentensystems auf sehr pessimistischem Niveau: Über 60 Prozent der Bevölkerung erwarten, dass sich das Versorgungsniveau verschlechtern wird. Andererseits steigt die Einsicht in die Notwendigkeit privater Altersvorsorge – inzwischen gibt es dazu eine stabil hohe Bereitschaft (42,8 Prozent). 

Die Teilnehmer der Round-Table-Diskussion von Cash. zum Thema Altersvorsorge, die im April als Videokonferenz stattfand, nehmen unterschiedliche Reaktionen ihrer Kundinnen und Kunden auf den Krieg in der Ukraine und seine Folgen wahr. Laut Thomas Meyer, Country Head Germany bei der Vermögensverwaltungsgesellschaft Degroof Petercam Asset Management (DPAM), reagieren die Anleger bisher recht verhalten. „Wir haben keine großen Mittelbewegungen gesehen, weder raus noch rein“, sagt er. Meyer glaubt, dass viele Investoren den Blick nach vorne richten und sich eher Sorgen darüber machen, was zuvor schon an den Kapitalmärkten eine Rolle gespielt hat. „Das war die Zinsentwicklung und die Renditeentwicklung bei den Anlagen, während man bei Aktien doch eher die langfristige Perspektive eingenommen hat. Der Krieg hat zwar zu einem gewissen Risikobewusstsein geführt, so dass Anleger hinterfragt haben: Was passiert in den Portfolios? Wie sind die Portfoliomanager aufgestellt?“ Insbesondere das Engagement bei russischen Aktien und Anleihen sei stark hinterfragt worden. „Aber ansonsten haben wir bei uns eher wenig Reaktion gesehen“, so Meyer. 

Viele Vertriebspartner reagierten dagegen sofort. „Am 24. Februar hatte ich schon um 12 Uhr die erste Bank am Telefon, die gefragt hat: Wie seid ihr in Russland investiert? Welche Auswirkungen wird das haben?“, erinnert sich Marcus Langer, Bereichsleiter Vertrieb bei der Fondsgesellschaft Ökoworld, an den Tag des Kriegsausbruchs. „Wir haben da relativ zügig reagiert, haben einen Dreiseiter aufgestellt und an unsere Partner verschickt, damit die argumentieren können. Das kam sehr gut an. Damit konnten wir die Nerven, die schon angekratzt waren, ganz gut beruhigen.“ Im Geschäft habe es aber keine Rückflüsse gegeben, betont er. „Die Kunden, die Nachhaltigkeit kaufen, kaufen sie bewusst. Die lassen sich auch nicht ständig irritieren. Ganz im Gegenteil, der Mittelzufluss lief so weiter wie im letzten Jahr, und das lief eigentlich nicht schlecht.“

Dr. Winfried Gaßner, Abteilungsleiter Produktmanagement bei der WWK Lebensversicherung, sieht bisher keine stärkeren Auswirkungen auf das Risikoverhalten der Kunden: „Wir bieten für die Altersvorsorge sowohl Fondspolicen ohne Garantie an, als auch fondsgebundene Versicherungen mit Garantiekomponenten. In den letzten Jahren lag unser Absatzschwerpunkt bei den Produkten mit Garantie. Dabei konnten wir feststellen, dass sich die Mehrzahl der Kunden sogar für das höchste angebotene Garantieniveau, also die 100-prozentige Bruttobeitragsgarantie, entschieden haben.“ Viele Sparer seien nach wie vor nicht bereit, das Risiko von Kapitalverlusten in Kauf zu nehmen, trotz der in der Regel langen Laufzeiten von Altersvorsorgeverträgen. Das Sicherheitsdenken scheint also weiterhin zu dominieren. 

Kein Wunder, schließlich sei das Thema Ukraine noch mal mit ganz anderen Ängsten und Sorgen verbunden als Corona, meint Daniel Windt, Mitglied des Vorstands der Signal Iduna Lebensversicherung. „Wenn wir mit den Kolleginnen und Kollegen aus dem Vertrieb und mit den Endkunden sprechen, merken wir, dass momentan gar nicht so sehr die Frage ist, Garantien ja oder nein, sondern eher: Wer beschäftigt sich momentan mit Altersvorsorge?“ An der Kundennachfrage merke er, dass der Krieg in der Ukraine zu großer Unsicherheit führt.

Diese Unsicherheit beobachtet auch Sebastian Engel, Chief Sales Officer bei der Immobiliengesellschaft Alpha Real Estate: „Die Corona-Pandemie war für die Immobilienbranche ein großer Treiber, denn viele Menschen hatten die Chance, sich mit Investmentstrategien und insbesondere mit dem Kauf von Immobilien auseinanderzusetzen. Jetzt sorgen die Auswirkungen des Krieges dafür, dass viele Menschen überlegen, ob sie überhaupt investieren sollen – auch aufgrund der steigenden Inflation. Sie schauen jetzt erst mal, wie sie ihre Lebenshaltungskosten stemmen können, bevor sie über weitere Investments nachdenken.“ Man müsse mehr erklären als noch vor dem 24. Februar, so Engel. 

Dass nach der Coronakrise nun auch der Krieg in der Ukraine für gewisse Bevölkerungsschichten einen erheblichen Einfluss hat, sieht auch Meyer so. Man müsse die beiden Ereignisse aber differenziert betrachten. „Während der Coronakrise war es ja so, dass viele auf der Einkommensseite beeinträchtigt waren – dadurch, dass sie in Kurzarbeit geschickt oder entlassen wurden, die Firmen pleitegingen, was natürlich Auswirkungen auf jene Produkte hatte, mit denen man langfristig anspart. Mit dem Krieg sehen wir jetzt, dass plötzlich die Preise für Energie und Lebensmittel in die Höhe schnellen. Jetzt ist es so, dass das Einkommen nicht mit den Lebenshaltungskosten mithält und dadurch die Sparmöglichkeiten gerade für diejenigen, die fürs Alter vorsorgen müssten, beeinträchtigt sind“, sagt er. 

Umso wichtiger ist es, sie beratend zu unterstützen. „Wenn die Energiepreise steigen, dann ist das ein Thema, das die Leute beschäftigt und dafür sorgt, dass sie ins Grübeln kommen“, stellt Jan-Peter Diercks fest, Leiter Intermediärvertrieb bei Swiss Life Deutschland. Es gelinge den Beraterinnen und Beratern aber perfekt, den Menschen aufzuzeigen, wie wichtig es ist, früh mit der Vorsorge zu beginnen. „Wenn man überall in der Zeitung liest, dass eine bürgerliche Familie sich kaum noch die Preissteigerungen für ihre Gasheizung oder ähnliches leisten kann, dann ist das natürlich ein Thema, bei dem der Berater gefragt ist, trotzdem die Altersvorsorge beim Kunden zu positionieren, damit langfristig keine Lücke entsteht.“

Auch Gaßner sieht die Finanzdienstleister in besonderer Verantwortung: „Zehn Jahre lang war die Inflation kein großes Thema mehr. Jetzt ist sie mit Macht zurück. Das erschwert den Vermögensaufbau fürs Alter extrem. Die sozialen Sicherungssysteme sind nicht in der Lage, die Entwicklung des Lebensstandards so fortzuführen, wie wir es gewohnt sind. Je früher das jeder erkennt, desto mehr wird er Vorsorge betreiben für die späteren Lebensjahre.“ Der Bedarf an privater Altersvorsorge werde also steigen und nicht zurückgehen. „Die Versicherungswirtschaft hat in den vergangenen Dekaden bewiesen, ein verlässlicher Partner für die Absicherung im Alter zu sein. Ihr kommt auch künftig eine entscheidende Bedeutung zu“, meint er. Dabei werde es immer wichtiger, den Menschen ihren finanziellen Bedarf im Alter aufzuzeigen. Glaubt man dem zweiten Teilindex der Diva-Umfrage, sollte das kein Problem sein – denn die Einsicht steigt.

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