Invesco: Emerging Markets enteilen Industrieländern

Die Schwellenmärkte wie China und Indien haben sich inzwischen von den etablierten Wirtschaftsnationen abgekoppelt. Das stellt John Greenwood, Chefvolkswirt der britischen Fondsgesellschaft Invesco mit Hauptsitz in London, fest. „Während die entwickelten Volkswirtschaften weiterhin am Tropf der staatlichen Konjunkturprogramme hängen, profitieren die Schwellenländer von ihrem höheren fundamentalen Wachstumspotenzial.“

Für die aufstrebenden Player spreche unter anderem „die finanzielle Situation der privaten Haushalte und des Finanzsektors, die vom Kreditboom der letzten Jahre mit seinen verheerenden Folgen für die entwickelten Volkswirtschaften unbeschadet geblieben sind.” Die sich abzeichnende weltweite Erholung verlaufe mit zwei Geschwindigkeiten, so Greenwood. Dadurch wirkten die geld- und fiskalpolitischen Impulse in diesen Volkswirtschaften besser.

Anlegerflucht beendet

Euphorisch ist Greenwood keineswegs: „Einen V-förmigen Aufschwung, der dem Muster der seit März kräftig haussierenden Märkte für Risikoanlagen folgt, ist unwahrscheinlich.“ Stattdessen bestehe das Risiko, dass eine schleppende Erholung „den ungezügelten Aufwärtsdrang der Anlagemärkte dämpfen oder sogar eine längere Korrekturphase einläuten könnte. Die jüngste Kurserholung ist zu einem großen Teil auch nur eine natürliche Gegenbewegung zur vorherigen Flucht in sichere Anlagen.“

Als größte Gefahren für einen Aufschwung identifiziert Greenwood etwa langwierige Haushaltskonsolidierung, weitere Verluste im Bankensystem, auslaufende Konjunkturmaßnahmen sowie enttäuschende zukünftige Konjunkturdaten.

Für die US-Wirtschaft erwartet Greenwood in 2009 zwischen drei und vier Prozent Wachstum. Knapp 2,5 Prozent sind 2010 möglich. „Dabei dürfte das inflationsarme Umfeld eine gute Ausgangssituation für Rentenmarktanlagen bietet“, sagt Greenwood. Die vorsichtigen Konjunkturprogramme der europäischen Regierungen und der starken Exportabhängigkeit der Eurozone sprechen dagegen „für eine holprige Erholung“. In Zahlen: Im Jahr 2009 schrumpft die Ökonomie nach Greenwoods Einschätzung um mehr als vier Prozent, gefolgt von 0,2 Prozent im Jahr 2010.

Während der Invesco-Volkswirt an Japan wegen der schwachen Inlandsnachfrage, der rekordhohen Arbeitslosigkeit und der von der neuen Regierung verfolgten Politik des starken Yen zweifelt und eine Fortsetzung der Deflation erwartet, ist er für China optimistisch: „Da es der Regierung offensichtlich gelungen ist, die Binnenwirtschaft anzukurbeln, wächst das BIP 2009 mit neun Prozent, wobei die inländische Nachfrage noch stärker um bis zu dreizehn Prozent zulegt.“

Neue Blasen drohen

Das größte Problem sei der massive Zufluss spekulativer Anlagegelder, der die Währungen der Region in den nächsten ein bis zwei Jahren unter Aufwertungsdruck setzen dürfte. „Die politischen Entscheider in Asien stehen vor der großen Herausforderung, diese massiven Zuflüsse zu bewältigen und zugleich die Voraussetzungen für eine anhaltend gesunde Wachstumsdynamik bei geringem Inflationsdruck zu schaffen“, erklärt Greenwood. In Südamerika sei die Lage ambivalent: In Argentinien, Chile, Kolumbien und Mexiko rechnet er im Jahr 2009 mit Schrumpfung, während sich Brasilien, Ecuador, Peru und Venezuela seiner Meinung nach wachsen werden.

“Leider können die Emerging Markets nicht die nötige Schubkraft aufbringen, um die entwickelten Volkswirtschaften aus der Rezession zu ziehen“, lautet Greenwoods Fazit. Auf dem Weg zu einer vollständigen Erholung im Jahr 2010 und darüber hinaus seien die Industrieländer vor allem auf ihre eigenen Anreizprogramme sowie auf die Gesundung ihrer angeschlagenen Wirtschaftsbereiche angewiesen. (mr)

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