13. April 2016, 08:52
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Blindflug in den Brexit?

Die vergangene Woche lieferte erneut Belege dafür, dass die zuletzt konstatierte Beruhigung der Volatilität an den Aktienmärkten auf tönernen Füßen steht. Gastkommentar von Dr. Martin Lück, Blackrock.

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In London steht bald die Entscheidung über den Brexit an.

Anleger bleiben hoch nervös, und in einem Umfeld uneinheitlicher Signale aus Wirtschaft und Politik gaben die großen Indizes der westlichen Welt einen Teil ihrer Kursaufholung wieder ab. Der Dax beendete die Woche um rund 1,8 Prozent im Minus, der Eurostoxx 50 um 1,4 Prozent und der Dow Jones um 1,3 Prozent. Für diese schwache Wochenperformance war maßgeblich der Dienstag verantwortlich, an dem der Dax 2,6 Prozent abrutschte, der Eurostoxx 50 in ähnlicher Größenordnung verlor (-2,4 Prozent), während der Dow Jones mit minus 0,8 Prozent besser davonkam. Vor allem mit Blick auf das deutsche Universum reichte hierfür eine Kombination aus schwachen Auftragseingangszahlen für die deutsche Industrie, unerwartet „hawkishe“ Äußerungen des Bostoner Fed-Präsidenten Eric Rosengren und nicht zuletzt ein Durchsacken des Ölpreises, der mit rund 35,30 USD für ein Fass der Sorte Brent den tiefsten Stand seit Ende Februar erreichte.

Zwar sind im weiteren Wochenverlauf alle diese Daten relativiert worden – im Fall der deutschen Industriedaten etwa in Form von besser als erwartet hereingekommenen Produktionszahlen des verarbeitenden Gewerbes -, und der Ölpreis erholte sich nahezu auf die Höchststände vom März, aber der Aktienmarkt holte die schwache erste Wochenhälfte nicht mehr auf. Im Zweifel scheint für viele Anleger das Glas immer noch halb leer zu sein.

Möglicher Brexit sorgt für Spannung

Bemerkenswert erscheint in diesem Zusammenhang, dass eines der greifbarsten politischen Risiken, nämlich das Referendum über die die EU-Mitgliedschaft Großbritanniens am 23. Juni, an dem Aktienmarkt, den ein „Brexit“ vermutlich am meisten treffen würde, bisher viel weniger ausgerichtet hat als auf dem europäischen Kontinent. Der FTSE 100 hat seine über den Verlauf des ersten Quartals erlittenen Verluste inzwischen nahezu vollständig wieder aufgeholt, während der Dax seit Jahresanfang immer noch gut zehn Prozent im Minus liegt und der Eurostoxx mit ebenfalls neun Prozent Abschlag kaum besser dasteht. Haben vielleicht gar diejenigen recht, die dem Vereinigten Königreich eine blühende Zukunft versprechen, wenn es sich nur aus dem ungeliebten Verbund der EU löst? Zumindest müsste man dann die recht klare Sprache, die der Devisenmarkt in diesem Zusammenhang spricht, nämlich eine Abwertung des Pfund gegenüber dem Euro von rund zehn Prozent seit Jahresbeginn, rein konjunkturtechnisch und weniger strukturell begründen. Etwa in dem Sinne, dass eine schwächere Währung den Gewinnmargen britischer Unternehmen im Vergleich zu ihren kontinentaleuropäischen Pendants mehr helfen würde. Aber selbst bei dieser Lesart verbleibt der Eindruck, dass Aktien- und Währungsmärkte bis dato zu unterschiedlichen Einschätzungen des Brexit-Risikos gelangen.

Aus unserer Sicht wäre der Austritt Großbritanniens aus der EU ein fatales Signal für die europäische Integration und zum Nachteil aller Beteiligten. Leider nehmen wir aber auch zur Kenntnis, dass das Risiko dieses Szenarios mit jedem Tag zunimmt. Denn die Überzeugung, die britische EU-Befürworter etwa aus dem europaweiten Management der Flüchtlingskrise, dem Umgang mit Renationalisierungstendenzen in Ungarn und Polen oder den Inkonsistenzen der Eurokrise zu schöpfen vermögen, hält sich in engen Grenzen. Insofern stellt das immer bedrohlichere Schreckensbild des Brexit auch eine unserer klarsten Nicht-Konsensus-Schätzungen in Frage, nämlich eine Stabilität oder gar Aufwertung des Euro-Dollar-Wechselkurses bis zum Jahresende. Fällt mit Großbritannien der erste wichtige Baustein aus dem wackelig gewordenen Haus Europa heraus, dürfte der Euro gegenüber dem Dollar kräftig an Wert verlieren.

Seite zwei: Was bedeutet das für den Anleger

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