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Mehr Freiheit, falsche Abzweigungen: Was die pAV-Reform bringt und wo sie gefährlich wird

Dr. Guido Bader, Vorstandsvorsitzender der Stuttgarter
Foto: Die Stuttgarter
Guido Bader: Der eigentliche Sündenfall liegt jedoch woanders: beim Staat als Anbieter.

Die Reform der privaten Altersvorsorge bringt mehr Flexibilität und Chancen. Doch zentrale Regelungen könnten neue Risiken schaffen. Wo die Stärken liegen – und warum der Staat als Anbieter kritisch gesehen wird. Von Dr. Guido Bader

Die Reform der privaten geförderten Altersvorsorge ist in meinen Augen kein großer Wurf. Aber sie ist ein Schritt in die richtige Richtung. Und das allein ist in der aktuellen rentenpolitischen Lage schon eine gute Nachricht.

Positiv ist vor allem, dass sich die Reform endlich von einem überholten Sicherheitsverständnis löst. Garantien unterhalb von 100 Prozent – konkret auch 80 Prozent und sogar 0 Prozent – schaffen Raum für chancenorientierte Kapitalanlagen in den Produkten. Das ist überfällig. Denn Altersvorsorge braucht Rendite, nicht nur Sicherheit auf dem Papier.

Auch die Einbeziehung von Selbständigen ist ein wichtiger Fortschritt. Ebenso wie die insgesamt umfangreiche Förderung, die das System attraktiver macht. Und der endlich mögliche chancenorientierte Rentenbezug (wohlweislich nicht der Auszahlungsplan!) ist ein richtiger, fast schon überfälliger Paradigmenwechsel. Also, die Richtung stimmt: Mehr Realitätssinn, mehr Flexibilität, mehr Chancen.

wo sich die Reform selbst widerspricht

Umso mehr fällt auf, dass die Reform an zentralen Stellen wieder hinter diese Logik zurückfällt. Ein Beispiel ist der Verzicht auf eine verpflichtende lebenslange Verrentung. Altersvorsorge ist kein kurzfristiges Konsumprodukt, sondern dient der Absicherung eines lebenslangen Risikos. Wenn diese Logik aufgeweicht wird, entsteht die Gefahr, dass Kapital zu früh verbraucht wird – mit absehbaren Folgen für das Sicherungssystem insgesamt. Das kann nicht im Sinne einer langfristig denkenden Politik sein. Aber mein Wunsch nach einer „langfristig denkenden Politik“ ist ja leider ebenfalls weltfremd.

Ein zweiter Punkt betrifft die Kostenstruktur. Die geplante Verteilung der Abschlusskosten über die gesamte Laufzeit mag auf den ersten Blick verbraucherfreundlich wirken. In der Praxis führt sie jedoch dazu, dass die notwendige Beratung zu Beginn wirtschaftlich kaum noch darstellbar ist. Versicherer müssen in Vorleistung gehen und diese Vorfinanzierung belastet am Ende das Kollektiv und damit die Rendite der Produkte. Das Ergebnis ist ein klassischer Zielkonflikt: In der Theorie überzeugend, in der Praxis problematisch.

Das Standardprodukt – gut gemeint, falsch konstruiert

Und dann ist da noch das sogenannte Standardprodukt. Die Idee dahinter ist nachvollziehbar: ein einfaches, kostengünstiges Angebot für alle. Die Umsetzung wirft jedoch erhebliche Fragen auf. Zwei Anlageoptionen sind für die Vielfalt realer Lebenssituationen schlicht zu wenig. Ein Kostendeckel von einem Prozent lässt kaum Raum für qualifizierte Beratung. Genau die aber ist entscheidend, wenn Menschen überhaupt den Weg in die Vorsorge finden sollen.

Der eigentliche Sündenfall: Wenn der Staat zum Anbieter wird

Der eigentliche Sündenfall liegt jedoch woanders: beim Staat als Anbieter. Wenn der Staat nicht nur den Rahmen setzt, sondern selbst zum Produktanbieter wird, verlässt er seine ordnungspolitische Rolle. Und es stellen sich ganz praktische Fragen. Wie schnell wird ein solches Produkt verfügbar sein? Die Erfahrung mit großen staatlichen Projekten lässt Zweifel aufkommen. Vermutlich wird es eher zeitgleich mit Stuttgart 21 Realität.

Vor allem aber: Der Staat hat zweifellos Expertise darin, Geld aufzunehmen. Ob er sie auch im gleichen Maße beim Anlegen besitzt, darf zumindest hinterfragt werden. Und Vertrauen ist gerade in der Altersvorsorge eine zentrale Währung. Dieses Vertrauen in den Staat ist aktuell nicht grenzenlos. Sollte der Staat jedoch all diese Tätigkeiten outsourcen und das dann gegebenenfalls noch mit Steuermitteln quersubventionieren, gerät das Staatsprodukt vollends zur Farce.

Wie wird sich der Markt entwickeln?

Die Versicherungsbranche wird das neue Altersvorsorge-Depot anbieten. Auch in der Variante des Standardprodukts, schon aus regulatorischen Gründen. Prägend für den Markt wird das Standardprodukt aber voraussichtlich nicht sein. Denn gute Altersvorsorge entsteht nicht durch maximale Vereinfachung, sondern durch passgenaue Lösungen.

Und genau hier bleibt die Rolle der Vermittler und Versicherer zentral. Sie sorgen dafür, dass Produkte eingeordnet, Risiken berücksichtigt und individuelle Lösungen entwickelt werden. Ohne diese Übersetzungsleistung bleibt Vorsorge abstrakt und wird dann oft genau von denen vertagt, die am dringlichsten privat vorsorgen müssten.

Ein Irrweg mit Ansage?

Das staatliche Produkt hingegen droht, ein Irrweg zu werden. Nicht aus bösem Willen, sondern aus systematischen Gründen. Es passt nicht in die Logik eines funktionierenden Vorsorgemarktes. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass spätere Regierungen diesen Weg korrigieren müssen. Erfahrungsgemäß wird das nicht einfacher und schon gar nicht günstiger. Nicht jede Vereinfachung ist Fortschritt. Und nicht jede staatliche Lösung ist eine gute.

Eine Kolumne von Dr. Guido Bader, Vorstandsvorsitzender Stuttgarter Lebensversicherung a.G.

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