Jahresendrallye noch möglich

Die gescheiterte Verhandlung zwischen CDU/CSU, FDP und Grünen scheint an den deutschenKapitalmärkten nur kurzfristige Schwankungen ausgelöst zu haben. Einen stärkeren Einfluss hatte der starke Euro. Gastbeitrag von Felix Herrmann, Blackrock

Felix Herrmann Blackrock
Felix Herrmann: Die Chancen für eine Jahresendrallye stehen vor dem Hintergrund weiterhin erfreulicher Unternehmenszahlen nicht schlecht.

Der Abbruch der Sondierungsgespräche zwischen Union, Grünen und FDP ist nicht, was man sich in der Wirtschaft und an den Finanzmärkten gewünscht haben dürfte. Das nun wahrscheinlichste Szenario der Neuwahlen dürfte die Ausgangslage für zukünftige Koalitionsverhandlungen wohl kaum vereinfachen – zumal denkbar ist, dass insbesondere die AfD als einer der Gewinner aus dem Scheitern der Gespräche hervorgehen könnte.

Das Szenario einer erneuten großen Koalition und jenes einer Minderheitenregierung dürften nur theoretischer Natur sein. Dementsprechend stehen uns in Deutschland daher wohl Zeiten größerer politischer Umwälzungen ins Haus – möglicherweise auch, was das oberste politische Personal betrifft.

Deutschland braucht stabile Regierung

Dabei kommen die Schwierigkeiten einer Regierungsbildung zur Unzeit. Deutschland braucht trotz der guten wirtschaftlichen Lage dringend eine handlungsfähige Regierung, welche die großen Themen unserer Zeit (demographischer und technologischer Wandel, Investitionen in Bildung und Infrastruktur) gestaltet.

Bis Anfang November hätte man fast vergessen können, dass Aktienmärkte auch noch fallen können. Der Rücksetzer bei europäischen Aktien vor einigen Tagen war dann allerdings eine Erinnerung daran, dass Aktienmärkte natürlich keine Einbahnstraße sind. Bezieht man die „Intraday“-Kursentwicklung mit ein, hatte der Ausverkauf im Dax sogar ein Ausmaß von fast fünf Prozent.

Auslöser für den Kursrückgang bei europäischen Titeln war zuvorderst ein stärkerer Euro, der insbesondere Investoren aus Übersee zu Gewinnmitnahmen motivierte. Wirklich schlechte Nachrichten, die fundamental niedrige Aktienkurse in Europa gerechtfertigt hätten, waren kaum auszumachen.

Geringe Abflüsse in Aktien

Die Zahlungsunfähigkeit Venezuelas ist ein Spezialthema, dessen Ansteckungseffekte gering sein dürften, und das politische Drama in Berlin ist wohl ebenfalls nicht von allzu hoher Bedeutung für die europäischen Finanzmärkte insgesamt. Insofern verwunderte es dann auch nicht, dass sich die Kurse rasch wieder fingen.

Die Abflüsse hielten sich mit umgerechnet 327 Millionen Dollar (in der Woche bis zum 14.11.) in Grenzen. Seit Jahresbeginn flossen über 40 Milliarden in europäische Aktien – übertroffen nur von den Emerging Markets (plus 57 Milliarden US-Dollar).

Dass einige Anleger angesichts der starken Aktienmarktentwicklung in 2017 nur darauf warten, ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen, ist letztlich mitunter verständlich. Dabei stehen die Chancen für eine Jahresendrallye vor dem Hintergrund weiterhin erfreulicher Unternehmenszahlen nicht schlecht. Nicht zuletzt auch, weil weiterhin viel Bargeld an der Seitenlinie geparkt ist und auf Anlagemöglichkeiten wartet.

Abflüsse aus Hochzinsanleihen

Anders sieht es im Hochzinsanleihesegment aus. Hier wurde der Kursrückgang in den vergangenen Tagen in der Tat von heftigen Abflüssen begleitet beziehungsweise maßgeblich mit verursacht. In Europa und den USA zusammengenommen, flossen in der Woche bis zum 14. November 5,1 Milliarden Euro ab – so viel wie seit 2014 nicht mehr.

Nachdem die Rendite europäischer Hochzinsanleihen zwischenzeitlich unter die von US-Staatsanleihen gefallen war, wurde die Sache vermutlich selbst den größten „High-Yield-Bullen“ zu heiß. Auf beiden Seiten des Atlantiks stiegen die Renditen innerhalb weniger Tage um mehr als 50 Basispunkte.

Unsere Empfehlung von Ende Oktober, Unternehmensanleihen in den USA (High-Yield eingeschlossen) nicht mehr überzugewichten, kam daher vielleicht zu einem guten Zeitpunkt. Für europäische Hochzinsanleihen sind wir schon deutlich länger vorsichtiger.

Felix Herrmann ist Kapitalmarktstratege bei Blackrock

Foto: Blackrock

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