„Nominierungsprozess der EZB darf nicht zum politischen Kuhhandel werden“

Jetzt, da die meisten Zentralbanken der Industrieländer ihre geldpolitischen Notfallmaßnahmen zurückschrauben, ist es Mode geworden, von einem Wendepunkt der Geldpolitik zu sprechen. Aber steht nicht das Zentralbankwesen generell vor einer Wende? Das fragen die Volkswirte von Aberdeen Standard Investments.

EZB-Chef Mario Draghi (rechts) und Bundesbank-Chef Jens Weidmann, der als Nachfolger für den Posten des Präsidenten der EZB gehandelt wird.
EZB-Chef Mario Draghi (rechts) und Bundesbank-Chef Jens Weidmann, der als Nachfolger für den Posten des Präsidenten der EZB gehandelt wird.

Schließlich dürften die fünf wichtigsten Zentralbanken der Welt – die Fed, die PBOC, die EZB, die BoJ und die BoE – neue Präsidenten haben, bevor das Jahrzehnt zu Ende geht. „Es ist eine Untertreibung zu sagen, dass von diesen Personalentscheidungen viel abhängt“, so Chefvolkswirt Jeremy Lawson. „Sie sind nicht die Architekten der unkonventionellen Maßnahmen, aus denen sie den Ausstieg bewerkstelligen werden müssen; einige von ihnen mögen sogar ausgesprochene Kritiker der gegenwärtigen Regime sein“, sagt Lawson.  Das werfe die Frage auf, ob im nächsten globalen Abschwung die Reaktionen wieder so stark ausfallen werden.

Erfolge der Draghi-Ära zeigen, wie sehr es auf Führung ankommt

„Eine (hypothetische) John-Taylor-Fed oder eine von Jens Weidmann geführte EZB dürften die Geldpolitik nur geringfügig schneller anziehen als es Janet Yellen oder Mario Draghi getan hätten. Wenn sie jedoch zurückhaltender daran gehen, QE wieder anzuwerfen, wenn es die Umstände erfordern, könnte der nächste Abschwung tiefer und die Erholung noch flacher werden“, so Lawson. Während die EZB unter Trichet Fehler gemacht habe, würden die Erfolge der Draghi-Ära zeigen, wie sehr es auf die Führung ankomme, wenn die Geldpolitik immer noch der wichtigste Faktor im Spiel sei. „Der Nominierungsprozess der EZB darf nicht zu einem politischen Kuhhandel werden, der die Glaubwürdigkeit der Zentralbank untergraben könnte.“

Frage der Unabhängigkeit von der Politik

Wie Zentralbanken ihre Mandate interpretierten, sei jedoch nicht das Einzige, was auf dem Spiel stehe. Noch mehr gehe es um die Frage der Unabhängigkeit von der Politik. „Wir können uns nicht erinnern, dass die Geldpolitik jemals stärker politisiert wurde als heute. Bis zu einem gewissen Grad machten die Finanzkrise und ihre Auswirkungen dies unvermeidlich. In einer Demokratie haben die Politiker eine legitime Rolle, wenn es darum geht, die Ziele festzulegen und Rechenschaft einzufordern,  insbesondere wenn die Zentralbanken über ihre traditionellen Toolkits hinausgehen. Aber wie wir aus den 70er und 80er Jahren wissen, ist es unwahrscheinlich, dass die Einmischung in die alltäglichen Entscheidungen zu besseren Ergebnissen führen lässt. Leider kann es sein, dass diese Erkenntnis nicht reicht. Die nächste Generation von Zentralbankern wird daher geschickter sein müssen, wenn sie ihre hart erkämpfte Unabhängigkeit behalten will“, prognostiziert der Chefvolkswirt von Aberdeen Standard Investments. (fm)

Foto: picture-alliance/dpa

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