Europa-Investments: Zugpferd ESG

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Ben Ritchie an der Börse in Madrid: „Green Deal der EU soll Investitionen von einer Billion Euro mobilisieren.“

Europa hat seine Führungsrolle in Bezug auf Nachhaltigkeitsbestrebungen gefestigt. Am deutlichsten kommt dies im Green Deal der EU zum Ausdruck, den die Präsidentin der EU-Kommission, Ursula von der Leyen, als „Europas Mann-auf-dem-Mond-Moment“ beschrieb. Wie geht es in Bezug auf die ESG-Aspekte und die europäischen Aktienmärkte nun weiter?

Der im Dezember 2019 angekündigte „Green Deal“- Plan soll in den nächsten zehn Jahren Investitionen in Höhe von einer Billion Euro mobilisieren und dazu beitragen, dass Europa seine Vision einer klimaneutralen Wirtschaft mit Netto-Null-Treibhausgasemissionen erreicht. Der Plan räumt Klima- und Umweltschutzmaßnahmen Vorrang ein, wobei 25 Prozent des Budgets für erstere vorgesehen sind. Wichtig ist, dass es den Politikern nicht nur um die Erreichung dieses Ziels, sondern auch um die Schaffung neuer Arbeitsplätze geht.

Der Plan sieht eine Vielzahl von Maßnahmen vor, und seine Zielsetzungen umfassen viele Bereiche. Dazu gehören strengere Ziele für Treibhausgasemissionen sowie Maßnahmen in Bezug auf erneuerbare Energien, Energienetze und Kreislaufwirtschaft. Die Umsetzung dürfte zwar einige Zeit in Anspruch nehmen, die Zielrichtung der europäischen Strategie ist jedoch klar definiert. In dem Bestreben, ihre Führungsrolle zu stärken, schlug die Europäische Kommission im September auch eine weitere Verschärfung der Emissionsziele für das Jahr 2030 vor. Statt einer Reduzierung um 40 Prozent gegenüber dem Niveau von 1990 wird nunmehr eine Verringerung um „mindestens“ 55 Prozent angestrebt.

Und zum Glück ist die EU nun nicht mehr allein. Nach vier Jahren der Trump‘schen Leugnung des Klimawandels ist nun Joe Biden im Weißen Haus. Das verheißt Gutes für den Kampf gegen den Klimawandel. Eine seiner ersten Handlungen als Präsident war der Wiedereintritt in das wichtige Pariser Klimaabkommen.

Außerdem bekräftigte er das Ziel des Landes, bis 2050 klimaneutral zu sein. Sein Vorhaben, in den nächsten vier Jahren zwei Billionen US-Dollar für „grüne“ Maßnahmen – einschließlich neuer Technologien – auszugeben, sollte ein Segen für europäische Unternehmen sein. Denn viele von ihnen sind Branchenführer im Bereich „Grüner Technologien“, von Offshore-Windkraft und sauberem Transport bis hin zu Biokraftstoffen und nachhaltigen Gebäuden.

Grüne Erholung von der Pandemie

Als Reaktion auf die Coronapandemie kündigte die EU ein 750 Milliarden Euro schweres Konjunkturprogramm an, in dessen Mittelpunkt der Green Deal steht. Die Details werden zwar noch ausgearbeitet, doch die Prioritäten stehen bereits fest und einige dürften bereits in der Erholungsphase regulatorischen Rückenwind erhalten. Erstens gehören Projekte im Bereich erneuerbarer Energien zu den Schwerpunkten des Plans, was die Dekarbonisierung der Stromerzeugung in Europa weiter vorantreiben wird. Dadurch dürfte der Anteil der erneuerbaren Energien am Strommix bis zum Jahr 2030 von derzeit etwa 33 Prozent auf über 50 Prozent steigen.

Zweitens stehen auch saubere Transport- und Logistiklösungen, einschließlich Investitionen in die Infrastruktur für Elektrofahrzeuge, im Fokus des Plans. Im weiteren Sinne liegt das Augenmerk auch auf emissionsärmeren Verkehrsmitteln, etwa dem Schienenverkehr. Drittens hat die EU ihr Bestreben hervorgehoben, die Modernisierung von Gebäuden und Infrastruktur voranzutreiben. Und schließlich soll mit der Wasserstoffstrategie der Startschuss für die saubere Wasserstoffwirtschaft gegeben werden.

Führend im Bereich ESG

Für diese ESG-Ambitionen und die Vorreiterrolle im Bereich ESG gibt es auch auf Länder- und Unternehmensebene Hinweise. Im Oktober 2020 bewertete BAML 34 Länder anhand von ESG-Kriterien. Bei dieser Untersuchung zeiget sich, dass Nordeuropa im globalen Kontext sehr gut abschneidet. Alle Länder mit Ausnahme Finnlands schnitten „überdurchschnittlich“ ab. Diese stärkere Fokussierung auf ESG-Kriterien zeigt sich auch auf Unternehmensebene. Unternehmen aus Europa schneiden bei der ESG-Gesamtbewertung von MSCI besser ab als Unternehmen aus allen anderen Regionen.

Und laut Research der Bank of America stammten 64 Prozent der Unternehmen, die von MSCI das Rating AAA erhalten haben, aus Europa. Außerdem wurden 50 Prozent der europäischen Unternehmen als führend (MSCI-Bewertung AAA bis AA) und le- diglich drei Prozent als Nachzügler eingestuft. BAML stellte des Weiteren fest, dass Europa bei den ESG-Kriterien vorn liegt. 83 Prozent der europäischen Unternehmen weisen höhere ESG-Bewertungen auf als Mitbewerber in der jeweiligen Branche.

EU-Taxonomie für nachhaltiges Finanzwesen – verantwortungsbewusste Anlagen im Wandel

Um ihre Pläne besser umsetzen zu können, entwickelt die EU ein Klassifikationssystem für nachhaltige Investitionen. Diese aus sechs Umweltzielen bestehende Taxonomie ist ein klar definiertes Klassifikationssystem für nachhaltige Wirtschaftstätigkeiten. Übergeordnetes Ziel ist es, dem „Greenwashing“ (d.h. der Vermarktung von Anlageprodukten als „grün“ oder „umweltfreundlich“, obwohl sie grundlegenden Umweltstandards nicht entsprechen) entgegenzuwirken und Verantwortlichkeit auf dem Weg zur Erreichung der Klimaziele sicherzustellen.

Wer ein Anlageprodukt als „ökologisch nachhaltig“ vermarkten will, ist verpflichtet, diese Taxonomie anzuwenden. Um einbezogen zu werden, muss eine Aktivität einen Beitrag zu einem der sechs Ziele leisten und darf im Hinblick auf die anderen fünf keinen erheblichen Schaden verursachen. Gleichzeitig müssen soziale Mindeststandards und arbeitsrechtliche Konventionen eingehalten werden. Die EU hofft, alle Ziele bis 2022 fest etabliert zu haben.

Die wachsende Bedeutung von ESG-Themen spiegelt sich auch in der öffentlichen Meinung wider. Bei einer Umfrage unter EU-Bürgern wurde festgestellt, dass der Klimawandel nach Ansicht von 93 Prozent der Europäer ein schwerwiegendes Problem darstellt. 92 Prozent der Befragten halten es zudem für wichtig, dass die nationalen Regierungen ambitionierte Ziele für erneuerbare Energien stecken. Durch den zunehmenden Fokus der Öffentlichkeit auf Nachhaltigkeitsaspekte genießt dieses Thema auf der politischen Agenda mittlerweile höhere Priorität. Das zeigt sich auch an den Finanzmärkten und ist vor allem an der exponentiell steigenden Beliebtheit von ESG-Anlagen abzulesen. Einem Bericht von BAML aus dem Jahr 2019 zufolge wurden 67 Prozent der globalen ESG-Fonds in Europa aufgelegt. Beeindruckend sind auch die Mittelzuflüsse. Das geht zum Teil auf die demografische Entwicklung und die jüngeren Generationen zurück, die umweltbewusster und sozial verantwortlicher sind als ihre Vorgänger-Generationen.

Was bedeutet dies für Ihre Anlagen?

Trotz zahlreicher Herausforderungen beurteilen wir den Ausblick für ESG und europäische Aktien optimistisch. Der Green New Deal läutet ernsthafte und weitreichende Bestrebungen ein, die bedeutenden globalen Probleme anzugehen. Maßnahmen wie die Taxonomie Europas sind ein dringend erforderlicher Ansatz, der dafür sorgt, dass es nicht bei lobenswerten Ambitionen bleibt, sondern nachhaltig gehandelt wird.

Auf Unternehmensebene haben zahlreiche europäische Firmen eine globale Führungsposition in Sachen ESG inne. Es findet sich eine ganze Reihe innovativer Unternehmen in den Bereichen Stromerzeugung, Elektrofahrzeuge, Infrastruktur und in vielen anderen Sektoren. Solche Unternehmen werden die Aktienmärkte in den nächsten zehn Jahren und darüber hinaus mit vorantreiben.

Am wichtigsten ist jedoch, dass europäische Anleger ESG-Erwägungen vermehrt in den Mittelpunkt ihrer Anlageentscheidungen stellen. Die rasch steigende Beliebtheit von Fonds mit ESG-Bezug belegt diesen Enthusiasmus. Wir sind zuversichtlich, dass diese Begeisterung wachsen wird, da wir alle bestrebt sind, eine gerechtere und nachhaltigere Welt zu schaffen.

ESG in der Praxis – Knorr-Bremse

Ein Unternehmen das ein wichtiger Innovationstreiber für nachhaltige Lösungen im Mobilitätssektor ist, das aber kaum jemand auf dem Schirm hat, ist Knorr-Bremse. Es ist Teil der Wertschöpfungskette für saubere Mobilität und einer der weltweit führenden Lieferanten von Bremssystemen für Züge und Lastwagen. Unseres Erachtens ist Knorr-Bremse gut aufgestellt, um von der weltweiten Entwicklung hin zu einem umweltfreundlicheren und energieeffizienteren Transportwesen zu profitieren.

So setzte sich der Bremsenspezialist setzt dafür ein, Innovationen für nachhaltige Lösungen im Mobilitätssektor voranzutreiben. Ein Ziel der Gruppe ist es, rund um den Globus einen Beitrag zu mehr Sicherheit, Effizienz und Zuverlässigkeit auf Schienen und Straßen zu leisten. Knorr-Bremse bindet das Ökodesign in seine Produktentwicklung ein, „indem Umweltschutzkriterien über den gesamten Lebenszyklus einer Dienstleistung oder eines Produkts integriert werden“. Das wichtigste Ziel ist es, „negative Umweltauswirkungen bei der Herstellung, Verwendung und Entsorgung von Produkten zu antizipieren und zu minimieren“.

Schlüsselkunden wie Alstom profitieren bereits von den praktischen Vorteilen dieser Strategie von Knorr-Bremse. So hat das Unternehmen beispielsweise für eines seiner Bremsventile für Schienenfahrzeuge ein neues Design entwickelt. Was bringt das? Der CO2-Fußabdruck des Ventils konnte über seinen Lebenszyklus (von der Herstellung bis zum Ende des Produkts) um 52 Prozent vermindert werden.

Außerhalb Europas erwirtschaftet Knorr-Bremse rund 16 Prozent seines Umsatzes in China. Daher ist es erfreulich, dass sich die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt unlängst klar zur Reduzierung ihrer Emissionen verpflichtet hat. Dies beinhaltet Pläne, den Höchststand der CO2-Emissionen vor 2030 zu überschreiten, und das Ziel, bis 2060 klimaneutral zu sein. Die Politik und Investitionen im Zusammenhang mit dem Schienenverkehr dürften bei der Erreichung dieser Ziele eine wichtige Rolle spielen. Auch hier könnte Knorr-Bremse ein Nutznießer dieses Politikwechsels sein.

Autor Ben Ritchie ist Head of European Equities bei Aberdeen Standard Investments.

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