USA unter Biden: Kehrtwende in Sachen ESG

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Olivier de Berranger, LFDE

Mit der Amtseinführung von Joe Biden am 20. Januar 2021 haben die USA in Bezug auf Umwelt, Soziales und Governance (ESG) eine 180-Grad-Kehrtwende vollzogen. Ein Beitrag von Olivier de Berranger, CIO bei LFDE.

Würde man Trumps Amtszeit anhand von ESG-Kriterien beurteilen, gäbe es zweifelsohne eine sehr schlechte Note. Im Bereich Umwelt wären beispielsweise der Austritt aus dem Pariser Klimaabkommen oder die Umsetzung umstrittener Energieinfrastrukturprojekte zu nennen.

Würde man die persönliche CO2-Bilanz von Donald Trump analysieren, würde man feststellen, dass seine wöchentlichen Flüge zwischen Washington und seinem Golfclub in Mar-a-Lago in Florida für die Umwelt von vornherein verheerend waren.

Auch auf sozialer Ebene kann die scheidende Regierung nicht glänzen, denn die Einkommensungleichheit zwischen den ethnischen Gruppen hat zugenommen: Die Weißen als wohlhabendste Gruppe steigerten ihr Einkommen zwischen 2017 und 2019 um 13,3 %, während die Afroamerikaner als am stärksten benachteiligte Gruppe eine Steigerung um 11 % erzielten.

Auch wenn die Daten für 2020 noch nicht vorliegen, ist es gut vorstellbar, dass diese Schere im Zuge der Gesundheitskrise, die vor allem die wirtschaftlich schwächsten Minderheiten traf, noch weiter auseinandergegangen ist. Im Bereich Governance ist die Zahl der Kontroversen und Personalrochaden in der Regierung geradezu schwindelerregend hoch.

Kleine Revolution bereits im Gange …

… vor allem symbolisch mit der Übernahme des höchsten Amtes durch Joe Biden, auch „Amtrak Joe“ („Der Mann im Zug“) genannt. Denn gewöhnlich nutzt er für die Reise von Washington zu seinem Wohnsitz in Wilmington, Delaware, seit 1976 den Zug.

Die Umweltfrage steht darüber hinaus im Zentrum seines Programms, und die ersten ergriffenen Maßnahmen sind drastisch: Rückkehr in das Pariser Abkommen und Abkehr vom umstrittenen Pipeline-Projekt Keystone XL. Im sozialen Bereich macht sich die Rolle Joe Bidens als Einiger bereits durch eine beispiellose Beteiligung der Minderheiten sowie eine zunehmende Parität innerhalb der Regierung bemerkbar.

Auch sein Ansatz zur Pandemiebewältigung scheint viel mehr auf Prävention und Schutz zu setzen als jener seines Vorgängers. Bei der Governance ist nun das Ende der entsetzlichen Twitter-Gewitter gekommen. Die Machtausübung hat allem Anschein nach wieder zur Normalität in einem klar umrissenen institutionellen Rahmen zurückgefunden. In nicht-finanziellen Belangen schlägt Joe Donald K.O.

Wirtschaftspolitik: Americans statt America First

Neben diesen nicht-finanziellen Fragen ist die Börsenbilanz differenzierter zu sehen. Als Joe Biden von 2009 bis 2017 Vize-Präsident unter Obama war, stieg der S&P 500 um durchschnittlich +16,3 % pro Jahr. Während Trumps Präsidentschaft war die Wertentwicklung der Börsen rechnerisch mit einer annualisierten Wertentwicklung von +16,3 % völlig identisch. Hier steht es also unentschieden.

In der Wirtschaftspolitik erscheint der Ansatz der beiden Präsidenten ebenfalls gegensätzlich. Offenkundig haben beide das gleiche Ziel, Vollbeschäftigung und nachhaltiges Wachstum zu erreichen. Aber die Wege dorthin sind sehr unterschiedlich. Trump hat getreu seinem Motto „America First“ eine Politik verfolgt, die auf Relokalisierung der Produktion, Aggressivität in Handelsfragen und Deregulierung ausgerichtet war.

Die Ausrichtung seines Nachfolgers ließe sich mit „Americans First“ beschreiben. Nur zwei Buchstaben sind anders, doch dies hat eine große Wirkung. Joe Biden dürfte eine keynesianische Konjunkturpolitik betreiben, die auf starken staatlichen Konjunkturanreizen aufbaut, um die Ungleichheit zu verringern und die Erderwärmung zu bekämpfen.

Wird Amtrack Joe die USA wieder auf den Wachstumspfad zurückbringen, ohne die Zukunft kommender Generationen zu gefährden? 2025 wird Bilanz gezogen.

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