Gas: das Damoklesschwert für die Wirtschaft

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Gestörte Energiebeziehung zwischen der EU und Russland

„Die drohende Gasknappheit hängt aktuell wie ein Damoklesschwert über allen wirtschaftlichen Prognosen“, so Dr. Volker Schmidt, Senior Portfoliomanager bei Ethenea Independent Investors S.A. Er analysiert, welche Auswirkungen die Gasdrosselung für die Wirtschaft hat, wie sich Inflation und Zinsen entwickeln und ob eine Rezession droht.

Die Eurozone als großer Importeur von Gas ist sicherlich besonders negativ von der Knappheit und der Preisexplosion betroffen. Deswegen ist es doch sehr überraschend, dass die kürzlich Ende Juli erschienene Prognose des IWF das Wachstum in der Eurozone sowohl im Jahr 2022 als auch 2023 leicht höher sieht als das der USA. Allerdings steht die Prognose in der Eurozone sicherlich auf wackligeren Beinen. Die Gefahr eines Lieferstopps aus Russland ist allgegenwärtig. „Deswegen präferieren wir bei Ethenea den US-Dollar gegenüber dem Euro – auch noch bei einem Niveau nahe der Parität. Auch die erneute Regierungskrise in Italien spielt bei unseren Überlegungen eine wichtige Rolle“, betont Dr. Volker Schmidt. 

Das Wort Rezession werde zuletzt häufiger im Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Entwicklung genannt, so Dr. Schmidt. Dies sei umso erstaunlicher, wenn man bedenke, dass die US-Wirtschaft zuletzt mehr als 400.000 Stellen monatlich neu geschaffen habe. Ähnliches gelte für die Eurozone. „Auch wenn die Wirtschaft in den USA, bei zwei Quartalen hintereinander mit negativem Wachstum, in eine technische Rezession fallen sollte, so erwarten wir weiterhin einen robusten Arbeitsmarkt 2023. Erst 2024 könnte eine harte Landung mit einer Arbeitslosenquote von über 5 Prozent folgen. Aber dies ist für die Finanzmärkte aktuell kaum relevant,“ erläutert Dr. Volker Schmidt. 

Gaspreis treibt Inflation

Der Portfoliomanager erklärt, dass ein weiterer wichtiger Aspekt für Anleger der Einfluss des Gaspreises auf die Inflation ist: „Auch hier liegen die Eurozone und die USA nicht weit auseinander mit Inflationsraten, die bei aktuell rund 9 Prozent liegen. Der dramatische Anstieg der Inflationsrate hat in den USA früher angefangen und ist mittlerweile deutlich in die Breite gegangen. Dagegen ist der Anstieg in der Eurozone später gekommen und sehr stark auf die hohen Energiepreise zurückzuführen.“ Hier sähe der IWF eine schnellere Beruhigung in den USA mit einer Inflationsrate von 3 Prozent im Jahr 2023, wohingegen die Eurozone noch bei 3,9 Prozent liegen solle. „Die Zinskurven für US-Treasuries und deutsche Staatsanleihen reflektieren dies zum Teil. Die US-Kurve ist bereits deutlich invers mit 2-Jahresrenditen deutlich über den 10-Jahresrenditen, wohingegen die deutsche Zinskurve weiterhin eine klassische Aufwärtsgestalt hat,“ so Dr. Schmidt. 

Die US-Notenbank sei auch mit Blick auf die schon fortgeschrittenere Inflation bereits weiter mit ihren Zinserhöhungen, so Dr. Volker Schmidt. Zinssenkungen seien erst gegen Ende 2023 wieder zu erwarten. Dagegen habe die EZB erst gerade mit den Zinserhöhungen angefangen. „Sollte sich die IWF-Prognose bestätigen und die Gaslieferung aus Russland relativ stabil bleiben, dann sollte die EZB auch erst nach der Fed wieder an Zinssenkungen denken. Deshalb erscheinen uns Renditen 10-jähriger Bundesanleihen von unter 1 Prozent deutlich zu niedrig. Wer aktuell, wie auch wir, noch an keine nennenswerte Rezession in der Eurozone glaubt, der sollte die Preisentwicklung 10-jähriger Bundesanleihen im Auge behalten, denn hier dürften die Preise wieder fallen und die Renditen steigen“, so der Portfoliomanager.

Rettungsaktion für Energieversorger 

„Bereits im Frühjahr hatten wir darauf hingewiesen, dass ein Investment in Energieversorger mit hohen Risiken verbunden ist. Letztlich werden zwar Électricité de France (EDF) aller Voraussicht nach wohl verstaatlicht und Uniper vom deutschen Staat gerettet, sodass Anleihen- und Schuldscheingläubiger ihr Geld zurückerhalten, aber die angeratene Vorsicht war sicherlich richtig“, so Dr. Schmidt. Für die Aktionäre der EDF bedeutet die Verstaatlichung, dass sie nochmal einen attraktiven Preis für ihr Investment bekommen, Uniper-Aktionäre dagegen müssen einen hohen Verlust verdauen.

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