Exklusivinterview mit Nina Klingspor: „Wir sind der erste private Krankenversicherer mit elektronischer Patientenakte“

Foto: Allianz
Nina Klingspor, Vorstandsvorsitzende der Allianz PKV

Das Themenspektrum, mit dem sich die private Krankenversicherung auseinandersetzen muss, ist breit. Die Frage der Daseinsberechtigung der PKV wird hingegen nicht mehr gestellt. Cash. sprach mit der APKV-Vorstandsvorsitzenden Nina Klingspor über die Folgen der Inflation für die Gesundheitsvorsorge, über Nachhaltigkeit, Wettbewerbsverzerrungen, den Wachstumsmotor bKV, die immer größeren Baustellen in der GKV und der Pflegeversicherung. Und ganz nebenbei verriet die APKV-Vorstandsvorsitzende, dass die elektronische Patientenakte nun gestartet ist.

Frau Klingspor, würden Sie die private Krankenversicherung als nachhaltig bezeichnen?

Klingspor: Die private Krankenversicherung (PKV) ist per Definition schon nachhaltig, was die Generationengerechtigkeit anbelangt. Im Gegensatz zur gesetzlichen Krankenversicherung bildet jede PKV Rückstellungen für die Pflege- und die Krankenversicherung und leistet damit einen Beitrag zur Stabilisierung des Systems.

Die PKV-Versicherten sorgen so für sich vor und leben nicht auf Kosten künftiger Generationen. Allein die Allianz Private Krankenversicherung (APKV) verwaltet dafür heute Rückstellung in Höhe von 38 Milliarden Euro für unsere Versicherten – 300 Milliarden hat die Branche insgesamt. Und bei der Kapitalanlage haben wir einen zusätzlichen, enormen Hebel für Nachhaltigkeit. Neben Rendite und Risiko ist Nachhaltigkeit die dritte Dimension, auf die wir bei Investmententscheidungen achten. 

Seit 2019 haben wir allein bei der APKV den CO2-Ausstoß unseres Anlageportfolios in Immobilien, Aktien und Unternehmensanleihen um 13 Prozent reduzieren können. Weil wir aber die Welt nicht allein retten können, möchten wir gerade bei Themen im Umwelt- beziehungsweise Nachhaltigkeitsbereich mit anderen zusammenarbeiten. Gemeinsam kann man mehr bewegen.

2017 haben wir als Allianz den Schulterschluss mit anderen Anlegern gesucht und die Net Zero Asset Owner Alliance gegründet, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Kapitalanlagen bis 2050 komplett C02-Neutral zu stellen. Mittlerweile gehören 74 Unternehmen dazu, die rund zehn Billionen Dollar verwalten. Damit können wir Einfluss nehmen und Veränderungen in der Wirtschaft vorantreiben, auch wenn das ein längerer Weg ist.

Wie weit ist die APKV bei der nachhaltigen Ausrichtung?

Klingspor: 1996 haben wir als Allianz Deutschland unseren ersten Umweltbericht veröffentlicht. Seit 2012 sind wir CO2-Neutral. Aktuell müssen wir aber noch einen Teil des CO-2-Ausstoßes kompensieren. Das Ziel ist die komplette CO2-Neutralität. Möglichst schnell wollen wir als Allianz weltweit nur noch grünen Strom beziehen. Hier liegen wir aktuell in Deutschland bei 98 Prozent. Ein Problem gerade bei uns in der APKV ist der immer noch sehr hohe Papierverbrauch. Immerhin 20 Prozent unserer CO2-Emissionen gehen darauf zurück. Unser Ziel ist, hier die Emissionen um 30 Prozent in den kommenden drei Jahren zu senken. Davon wollen und müssen wir auch unsere Kunden überzeugen.

Die Corona-Pandemie begleitet uns seit über zweieinhalb Jahren. Wie hat sie sich Kapitalanlagen und wie bei den Leistungsausgaben niedergeschlagen?

Klingspor: Auf der Kapitalanlagenseite sind wir nach wie vor gut unterwegs. Wir hatten im vergangenen Jahr eine Rendite von 3,4 Prozent für unsere Kunden erwirtschaftet. Die Allianz ist einer der größten Investoren. Diese Größe eröffnet uns besondere Optionen, in alternative Anlagen zu investieren. Und das schlägt sich in der Rendite nieder. Für unsere Kunden bringt das mehr Beitragsstabilität und höhere Beitragsrückerstattungen.

Bei den Leistungsausgaben hatten wir während der Hochphase der Pandemie zum einen höhere Ausgaben für Intensivmedizin und beim Krankentagegeld. Zugleich hat sich die PKV-Branche freiwillig an den pandemiebedingten Sonderausgaben beteiligt, zum Beispiel für zusätzliche Hygienemaßnahmen.

Zwischen Start der Pandemie 2020 bis zum Frühjahr 2022 leistete die PKV so mehr als 2,8 Milliarden Euro. Andererseits gab es weniger Behandlungskosten, weil die Menschen in Phasen des Lockdowns weniger zum Arzt gingen. In der Summe hat sich das ausgeglichen. Mittlerweile sehen wir eine Normalisierung. Was sich aber geändert hat: Die Versicherten nehmen Videosprechstunden deutlich mehr in Anspruch als vor der Pandemie.

Wir hören immer wieder, dass mit der Pandemie das Bewusstsein für die eigene Gesundheit deutlich gestiegen ist. Wie schlägt sich das in den Geschäftszahlen der Allianz nieder?

Klingspor: Gesundheit, Vorsorge, das Bewusstsein für die eigene Gesunderhaltung haben über die Pandemie in der Tat einen anderen Stellenwert bekommen. Man merkt es in den Gesprächen, man sieht es aber auch an den Vertriebsergebnissen. In dieser Krisenzeit haben besonders viele Menschen eine Krankenversicherung bei uns abgeschlossen.

Wir hatten im letzten Jahr das beste Geschäftsjahr in der Geschichte der APKV. Und es geht weiter. Das erste Halbjahr 2022 lag im Neugeschäft noch einmal über dem ersten Halbjahr 2021. In der betrieblichen Krankenversicherung (bKV) haben wir im ersten Halbjahr 2022 sogar doppelt so viel Neugeschäft wie im Vergleichszeitraum des Vorjahres geschrieben.

Wie entwickelt sich das Geschäft in der Vollversicherung und wie in der Zusatzversicherung?

Klingspor: Wir haben die drei Geschäftsfelder Voll-, Zusatzversicherung und Firmenkundengeschäft. In allen sind wir sehr erfolgreich. Wir bauen in der Vollversicherung stetig, Jahr für Jahr, unseren Marktanteil im Neugeschäft aus. Das ist für mich die härteste Kennzahl. Auch im Bereich der Krankenversicherungen für Beamte konnten wir zulegen. Hier tun wir einiges: Wir haben die Beitragsrückerstattung erhöht und seit diesem Herbst gibt es neue Beihilfeergänzungstarife. Der zweite Bereich ist die Zusatzversicherung. Da sind für uns die Pflegeabsicherung und die Zahnzusatztarife die strategischen Wachstumsfelder. Bei Zahn haben wir ein neues Produktportfolio an den Markt gebracht, das sehr gut angenommen wird.

Wie wollen Sie sich gegenüber der Debeka positionieren, die sich im Bereich der Beamtentarife als Versicherer fest etabliert hat?

Klingspor: Die Debeka ist stark. Aber wir als Allianz haben den besten Vertrieb in Deutschland. Mit unseren 8.000 Allianz-Vertretern sind wir ganz nah an unseren Kunden. Und dann vertrauen uns viele externe Vertriebspartner. Wir haben das Angebot, bei dem wir sehr stark vom Kunden herkommen. Welche Bedürfnisse haben Beamte? Dabei geht es nicht nur um die Beihilfe. Da spielt die Dienstunfähigkeitsversicherung eine wichtige Rolle. Wir bieten Beamten ein ganzes Bündel von Absicherungen – aus einer Hand. Unser Neugeschäft mit Beamten ist in den vergangenen zwei Jahren zweistellig gewachsen.

Seite 2: „Jede dritte Pflegezusatzversicherung kam 2021 aus unserem Haus“

Lesen Sie hier, wie es weitergeht.

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