Kaspar Hense, Senior Portfolio Manager Investment Grade bei RBC BlueBay Asset Management: Die Kurse der wichtigsten Anleihen sind in letzter Zeit gefallen. Das ist am ehesten dadurch zu erklären, dass die Preise weltweit wieder ansteigen – ausgelöst durch den Druck einer höher als erwartet ausfallenden Inflation in den USA.
Wir gehen allerdings nicht davon aus, dass sich diese inflationäre Entwicklung in Europa fortsetzen wird. Die Löhne normalisieren sich, das Wachstum bleibt weiterhin unter seinem Potenzial und die Arbeitslosenquoten werden bis Ende 2026 eher höher als niedriger sein. Das Angebot von Staatsanleihen aus der Eurozone wird trotz der weiteren Verringerung der Bilanzsumme der EZB sicherlich auf dem Niveau des Vorjahres bleiben. Dies ist auf ein reduziertes Anleihevolumen aus den Peripherieländern zurückzuführen. Wir erwarten, dass die Bonität von Italien, Griechenland und anderen Ländern heraufgestuft wird. Das Volumen an Staatsanleihen aus Frankreich, der EU und insbesondere Deutschland wird steigen, so dass das Nettovolumen in Europa wachsen wird.
Aufgrund der unterdurchschnittlichen Entwicklung von Bundesanleihen gegenüber US-Staatsanleihen 2025 haben erstere aus unserer Sicht Aufwärtspotenzial. Die Zinskurve wurde steiler, da nun – entgegen unserer Erwartungen – Zinserhöhungen durch die EZB eingepreist sind. Die Umstellung der niederländischen Pensionsfonds von einem System garantierter Renten auf beitragsorientierte Renten hat 30-jährige Zins-Swaps auf über 3,20 % getrieben, was seit 2011 nicht mehr der Fall war.
Schwer vorstellbar, dass die europäische Wirtschaft wieder so stark wie in den frühen 2000er Jahren wächst. Dafür müsste die Industrie wieder in der Lage sein, mit China zu konkurrieren, was unserer Meinung nach nicht sehr wahrscheinlich ist. Wir gehen davon aus, dass sich die Zinsen im Januar oder später stabilisieren werden, wenn der Zahlungsdruck der niederländischen Pensionsfonds nachlässt.
Das weltweite Volumen an Staatsanleihen nach Abzug der Käufe durch Zentralbanken wird 2026 höchstwahrscheinlich geringer ausfallen (allein die Fed hat Staatsanleihen in Höhe von 480 Mrd. USD gekauft). Im Gegensatz dazu erwarten wir, dass die Emissionen von Unternehmensanleihen weltweit um netto 300 bis 400 Mrd. USD steigen werden. Grund dafür sind vor allem die KI-Investitionen in Höhe von rund 200 Mrd. USD durch Top-US-Unternehmen und eine Zunahme der M&A-Aktivitäten in den USA. Dies wird den Anleihemarkt durchaus vor Herausforderungen stellen – aber gleichzeitig entstehen auch Chancen für aktive Anleger, insbesondere auf dem Primärmarkt.”

Kaspar Hense (Foto: RBC BlueBay AM)










