Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Leitzinsen unverändert gelassen, doch täuschen Sie sich nicht: Ein Stillhalten bedeutet keineswegs Entspannung. Wenn überhaupt, ging es bei der Sitzung vielmehr darum, wozu die EZB als Nächstes gezwungen sein könnte.
Auf den ersten Blick boten die heute Morgen veröffentlichten Inflationsdaten für April den Währungshütern ein schmales Zeitfenster, um geduldig zu bleiben. Die Gesamtinflation stieg wie erwartet von 2,6 Prozent auf 3,0 Prozent, angetrieben durch einen starken Anstieg der Energiepreise, während die Kerninflation überraschend leicht von 2,3 Prozent im März auf 2,2 Prozent sank. Dieser schwächere Kernwert verschaffte EZB-Präsidentin Christine Lagarde den Spielraum, eine sofortige Reaktion zu vermeiden und die vorsichtige „Wait-and-see“-Haltung der EZB vorerst beizubehalten. Doch insgesamt wird die Inflationslage deutlich unbehaglicher.
Das Energie-Dilemma und Zweitrundeneffekte
Das Hauptproblem für die EZB besteht darin, dass Europas Inflationsproblem maßgeblich durch Energie geprägt wird – und Energieschocks treten selten isoliert auf. Sie kommen in Wellen. Während die Gesamtinflation bereits deutlich über das Ziel hinausgeschossen ist, hat die Kerninflation die Zweitrundeneffekte des teureren Öls noch nicht vollständig absorbiert: Die Auswirkungen auf Transport, Produktion, Lebensmittel, Löhne und letztlich das Konsumverhalten. Mit anderen Worten: Der April mag eine vorübergehende Entlastung geboten haben, doch es könnte die Ruhe vor einem hartnäckigeren Inflationssturm sein.
Der Konflikt im Nahen Osten hat einen massiven Anstieg der Energiepreise ausgelöst, der die Inflation nach oben treibt und gleichzeitig das Wirtschaftswachstum unter Druck setzt. Die längerfristigen Auswirkungen hängen davon ab, wie schwerwiegend und lang anhaltend der Energieschock sein wird und in welchem Maße sich indirekte Effekte in der Gesamtwirtschaft ausbreiten. Je länger der Konflikt und die hohen Energiepreise andauern, desto größer wird der Inflationsdruck und die allgemeine Wirtschaftsaktivität.
Gefahr einer Stagflation wächst
Die EZB räumt ein, dass der steile Anstieg des Brent-Preises seit Ausbruch des Konflikts zwischen den USA und dem Iran noch nicht vollständig in der europäischen Wirtschaft angekommen ist. Europa bleibt besonders anfällig, da es im Gegensatz zu den USA stärker von importierter Energieinflation abhängig ist und bereits mit einem fragilen Wachstum kämpft. Dies schafft ein unangenehmes geldpolitisches Dilemma, da die klassischen Zutaten einer Stagflation sichtbar werden: Steigende Inflation bei gleichzeitig sinkendem Wachstum.
Vorerst betonte der EZB-Rat Wachsamkeit, Optionalität und Datenabhängigkeit. Die Märkte konzentrieren sich jedoch darauf, was passiert, wenn die Inflationsdaten im Sommer die verzögerte Weitergabe der Energiekosten widerspiegeln. Sollte sich die Gesamtinflation ihrem für den Spätsommer prognostizierten Höchststand nähern, während die Kerninflation wieder anzieht, wird der EZB kaum eine andere Wahl bleiben, als vom vorsichtigen Beobachter zum Inflationsbekämpfer zu werden.
Gründe für wahrscheinliche Zinserhöhungen in 2026
Obwohl sich der EZB-Rat nicht auf einen bestimmten Zinspfad festgelegt hat, wird ein Szenario mit mindestens zwei Zinserhöhungen im Jahr 2026 immer wahrscheinlicher. Einerseits kann es sich die EZB nicht leisten, dass aus einem Energieschock ein Schock der Inflationserwartungen wird. Wenn Konsumenten und Unternehmen davon ausgehen, dass die Preise dauerhaft hoch bleiben, könnten Lohnforderungen die Inflation weit über den Ölpreis hinaus verfestigen. Zwar würde ein langsameres Wachstum normalerweise für eine lockerere Geldpolitik sprechen. Bleibt die Inflation jedoch über dem Zielwert, während Dienstleistungen und Löhne unflexibel bleiben, muss die EZB die Zinsen möglicherweise in eine Phase der Schwäche hinein anheben, um ihre Glaubwürdigkeit zu wahren. Ein dritter Punkt ist das Timing: Zentralbanken reagieren oft verzögert auf Angebotsschocks, da es Monate dauert, bis die volle inflationäre Wirkung sichtbar wird. Wenn die Kerninflation erkennbar steigt, könnten sich die Währungshüter gezwungen sehen, entschlossener zu handeln, um nicht hinter die Kurve zu geraten.
Auswirkungen der EZB-Entscheidung auf die Märkte
Die Entscheidung der Währungshüter könnte als die letzte Atempause in Erinnerung bleiben, bevor eine schwierigere Debatte über Straffungen beginnt. Die europäischen Aktienmärkte begrüßten das Stillhalten zunächst mit leichten Kursgewinnen. Sobald Investoren jedoch beginnen, Zinserhöhungen für das spätere Jahr einzupreisen, dürfte der Ausblick selektiver werden: Finanzwerte könnten von stabileren Zinsen profitieren. Kommunale Sektoren, Industrie und hoch verschuldete Unternehmen könnten dagegen durch die schwächere Nachfrage und steigende Finanzierungskosten unter Druck geraten.
Obwohl die europäischen Aktienmärkte nahe ihrer Rekordhochs handeln, stößt die Rallye nun an eine Wand aus makroökonomischen Risiken. Eine Eskalation des Iran-Konflikts, steigende Ölpreise und die wachsende Aussicht auf EZB-Zinserhöhungen drohen vor diesem Hintergrund weiteres Aufwärtspotenzial zu begrenzen.
Autorin Violeta Todorova ist Senior Analyst bei Leverage Shares und Income Shares.














