Finanzwelt und Künstliche Intelligenz: neue unsichtbare Risiken

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Wie KI, alternative Daten und Cloud-Abhängigkeiten neue Risiken für Analyse, Beratung und Finanzmärkte schaffen.

Künstliche Intelligenz, alternative Daten und dezentrale Infrastrukturen verändern die Finanzwelt rasant. Das verbessert zwar Analyse und Steuerung, schafft aber zugleich neue, oft schwer erkennbare Risiken. Genau darin liegt die eigentliche Herausforderung.

Viele finanzielle Risiken werden mit den herkömmlichen Tools nur unzureichend erfasst oder sogar übersehen. Das haben die großen Finanzkrisen gezeigt. Der derzeitige explosionsartige Anstieg alternativer Daten, die Verbreitung von KI und die Zunahme dezentraler Infrastrukturen schaffen neue Risiken in der Finanzwelt.

Alternative Daten in den Bereichen Text, Ton, Bilder erhöhen den Grad der Detailliertheit, die Häufigkeit sowie die Vielfalt der Signale, die verwertet werden können, um Anlagesignale zu generieren und Risiken genauer zu bewerten. Das scheint zunächst mit Blick auf die Informationseffizienz positiv, kann aber von dem Bemühen um grundlegende Informationen abhalten und langfristige Aussichten wie auch die Wirtschaftlichkeit von Kapitalallokationen untergraben.


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Die neuen Daten haben zudem Schwachstellen: Datenpannen,böswillige Manipulationen, mangelnde Repräsentativität oder Qualitätsprobleme können falsche Signale zur Folge haben. Daher sollten jetzt unbedingt Schutzmaßnahmen, wie Protokolle zur Bewertung der Qualität der Quellen, Tools zur Erkennung von Manipulationen und Methoden, die sich gegenüber zweifelhaften Daten als robust erweisen, entwickelt werden. Die durch Marktmathematiker gut beherrschbaren Modellrisiken werden derzeit von komplexeren und multidimensionalen „KI-Systemrisiken“ abgelöst.

Generative KI im Finanzwesen eröffnet vielversprechende Perspektiven, birgt aber Risiken, die auf den ersten Blick oft nicht erkennbar sind. Große Sprachmodelle liefern einseitige Empfehlungen, indem sie beispielsweise bestimmte Sektoren und Wertpapierarten bevorzugen oder vergangene Trends fälschlich verallgemeinern. Der Einsatz von KI bei der Finanzanalyse, die automatisierte Beratung oder der algorithmische Handel werfen Fragen hinsichtlich Manipulation oder algorithmische Kollusionen auf. Laborsimulationen beweisen, dass KI-Modelle durch Interaktion stillschweigende Preisabsprachen erzeugen können. Systeme, die autonom miteinander planen, abwägenund Entscheidungen treffen, können Fehler produzieren. So können sich Ungenauigkeiten summieren und ein kleines Missverständnis kann sich in dem gesamten System verbreiten. Das wiederum beeinflusst möglicherweise das Verhalten von Menschen und verändert die Dynamik der Märkte.

Geopolitische Risiken und wirtschaftliche Fragmentierung verstärken die Problematik noch. Die jüngsten Entwicklungen in Europa, – unter anderem Abhängigkeiten von marktbeherrschenden Betreibern von Cloud-Rechenzentren und KI-Plattformen, ausländische Investitionen in kritische Infrastrukturen, Spannungen rund um das KI-Gesetz der EU –, stellen ein direktes Risiko für die europäische Kontrolle über Daten und Rechenkapazitäten dar. Es ist eine gemeinsame Herausforderung, das Unsichtbare sichtbar zu machen, um ein Finanzsystem zu schaffen, das sicherer und auf unkonventionelle Schocks besser vorbereitet ist.

Autorin Marie Brière ist Generaldirektorin des Institut Louis Bachelier und Head of the Investor Intelligence and Academic Partnerships am Amundi Investment Institute.

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