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KI braucht Strom: Rechenzentren werden zur Infrastrukturfrage

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Rechenzentren, Strom und Konnektivität werden zum Kern der KI-Infrastruktur und damit auch zum Anlagethema.

Künstliche Intelligenz treibt den Ausbau von Rechenzentren weltweit voran. Doch mit dem Bedarf an Rechenleistung wachsen auch Engpässe bei Fläche, Strom und Netzanschlüssen. Warum daraus ein eigenes Infrastrukturthema für Anleger entsteht, zeigt sich erst auf den zweiten Blick.

Es ist noch nicht lange her, da wurden Rechenzentren ausschließlich dafür konzipiert, Daten zu speichern und Alltagssoftware zu betreiben. Heute fungieren sie als Superfabriken für Künstliche Intelligenz (KI), die rund um die Uhr anspruchsvolle Aufgaben erfüllen (Data Centre News UK, 2025). Um den wachsenden Bedarf an KI-Computing zu decken und Spitzentechnologie wie physische KI oder Quantcomputing zu ermöglichen, muss die Kapazität globaler Rechenzentren erheblich gesteigert werden – doch genau dadurch ergibt sich ein Engpass (Forbes, 2025).

Vom Trend zum Investment: Wie können ETFs digitale Infrastruktur investierbar machen?

KI-Infrastruktur ist kein einzelnes Asset, sondern kann besser als eine Wertschöpfungskette verstanden werden: Rechenzentrumsbetreiber und -entwickler bilden den Kern, ergänzt um Konnektivitätsinfrastruktur wie Mobilfunkmasten sowie Server- und Hardwareanbieter, die die Rechenleistung physisch ermöglichen. Genau diese Breite macht das Thema für viele Anleger schwer direkt investierbar – und ist der Punkt, an dem ETFs ihre Stärke ausspielen: Sie sind in der Lage, die gesamte Wertschöpfungskette in einem einzelnen Portfolio abzubilden, anstatt Anleger dazu zu zwingen, auf einzelne Nutznießer der KI-Welle zu setzen.

Die Indexmethodik ist von entscheidender Bedeutung: Erstens tragen Reinheitsregeln dazu bei, dass ein thematischer ETF sein Thema widerspiegelt. Durch die Festlegung von Umsatzschwellenwerten können Indizes vorschreiben, dass Unternehmen einen erheblichen Teil ihres Geschäfts in relevanten Teilsektoren der digitalen Infrastruktur erzielen müssen. Dadurch wird das Risiko einer thematischen Abweichung verringert.

Ebenso wichtig ist die Diversifizierung. Thematische Anlagestrategien können sich leicht auf wenige dominante Akteure konzentrieren, wodurch eine ursprünglich breit gefasste Idee zu einer eingeschränkten wird. Um dem entgegenzuwirken, verwenden viele Indizes Obergrenzen und Diversifizierungsregeln, die das Engagement auf verschiedene Teile des Ökosystems verteilen. Für Anleger kann eine einfache Checkliste sehr hilfreich sein: Welche Segmente sind enthalten, wie wird die Relevanz definiert und wie wird die Konzentration kontrolliert? Beachtet man diese Elemente, lässt sich leichter beurteilen, ob ein ETF wirklich einen ausgewogenen Zugang zu digitaler Infrastruktur bietet.

Investoren sollten folgende Punkte beachten: Welche Sektoren umfasst ein ETF, wie definiert er thematische Relevanz und wie verhindert er eine übermäßige Konzentration? Letztendlich entscheiden diese Gestaltungsmerkmale darüber, ob ein komplexes digitales Thema zu einem ausgewogenen, investierbaren Portfolio wird.

Rechenzentren – die Maud-Straßen des KI-Zeitalters

Zwischen 2015 und 2025 stiegen die globalen Datenbestände um 1.258 Prozent, während sich die weltweiten Ausgaben für Software fast vervierfachten (Gartner, 2025; Statinvestor, 2025). Large Language Models (LLM) wie ChatGPT sind zur KI-Schnittstelle für den Massenmarkt geworden. Dieser sprunghafte Anstieg der Nutzeraktivität zwingt Anbieter dazu, die Infrastruktur für eine größere und schnellere Datenverarbeitung bereitzustellen (Yahoo Finance, 2025). Allerdings hat die KI-Branche selbst diesen sagenhaften Anstieg an Nutzern und die wachsenden Anforderungen an die Rechenleistung nicht vollständig vorhergesehen (Bain & Company, 2025). Die Folge sind aggressive und umfassende Investitionen (McKinsey & Company, 2025).

Die weltweiten Ausgaben für Rechenzentren beliefen sich 2024 auf 455 Milliarden US-Dollar, was einem Anstieg von 51 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht (Gartner, 2025). Und doch beginnt sich das wahre Ausmaß der stromhungrigen, latenzempfindlichen KI-Rechenleistung möglicherweise erst jetzt zu zeigen, da die Verfügbarkeit von KI-Servern, insbesondere mit ausreichender Stromversorgung, nach wie vor ein kritischer Engpass ist (CSIS, 2025). Gleichzeitig nehmen die Nachfrage und Zahl der Use-Cases von KI stetig zu (Bloomberg, 2025; Business Insider, 2025; McKinsey & Company, 2025).

Knappheit schafft Preissetzungsmacht

Die hohe Nachfrage nach Rechenleistung bringt zwei Probleme mit sich. Das Problem der begrenzten Raumkapazitäten sowie das Problem der begrenzten Stromkapazitäten. US-Rechenzentren stoßen an ihre Grenzen – in den meisten großen US-Rechenzentrumsmärkten sind die Leerstandsquoten auf einem historischen Tiefstand (Data Center Dynamics, 2025). Im ersten Quartal 2025 lag diese bei nur 1,6 Prozent in den USA (Avison Young, 2025). In Europa lag sie bei 8,6 Prozent (CBRE, 2025). Das Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage wird angesichts der typischen Entwicklungszeit von Datenzentren von 12 bis 18 Monaten wohl auch noch anhalten (CSG, 2025). Etablierte Betreiber von Rechenzentren könnten davon profitieren, da es nur wenige Alternativen in zu ihrem Angebot gibt. In Vertragsverhandlungen entsteht somit für sie ein potenzieller Vorteil, sodass höhere Mieten durchgesetzt werden könnten (Infrastructure Investor, 2025).

Dabei waren die Mietpreise in Rechenzentren bereits 2024 auf einem Allzeithoch (CBRE, 2025). Steigende Renditen könnten den Größenvorteil der führenden Rechenzentrumsbetreiber weiter verstärken, was für diese wiederum die Finanzierungsbedingungen verbessern könnte (Chronograph, 2025). Darüber hinaus schließen führende Rechenzentrumsbetreiber in der Regel mehrjährige Mietverträge mit Hyperscalern und großen Unternehmen ab, oft mit einer Laufzeit von 10 bis 15 Jahren (Infrastructure Investor, 2025). Diese Vereinbarungen dürften planbare Erträge stützen – insbesondere, da Kunden zunehmend tief in die jeweiligen Ökosysteme einzelner Standorte eingebunden sind. Diese Bindungswirkung stärkt damit voraussichtlich das defensive Wachstumsprofil von Rechenzentren (Medium, 2025).

Der Stromhunger wird global – und macht Energie zur Standortfrage

Die Nachfrage nach KI-Infrastruktur beschränkt sich nicht allein auf die USA, obgleich diese bislang im Bereich der KI-Innovationen führend sind (PwC, 2025). In China scheint es, als hätten Open-Source-Modelle wie DeepSeek den Einsatz von KI in großem Maßstab beschleunigt (Silicon, 2025). Sollten Anwendungsfälle in Unternehmen und im Verbraucherbereich zunehmen, könnte parallel dazu auch der Bedarf an Infrastruktur steigen.

Auch in Europa beschleunigt sich der Ausbau der KI-Infrastruktur (Euronews, 2025). In den ersten neun Monaten des Jahres 2025 steigerte sich das Volumen der Neocloud-Anbieter verkauften Rechenzentrumskapazitäten auf 414 MW – im gleichen Zeitraum 2024 waren es lediglich 133 MW (CBRE, 2025). Und auch in 999 anderen Regionen beschleunigt sich der Ausbau der KI-Rechenkapazitäten (CBRE, 2025). In der Folge könnte der Strombedarf von Rechenzentren weltweit bis zum Ende dieses Jahrzehnts auf 945 TWh ansteigen, mehr als das Doppelte des Gesamtverbrauchs Ende 2024 (EA, 2025). Hinzu kommt: Der Großteil dieser Erweiterung ist noch nicht gebaut. Dies könnte für Investoren ein erhebliches Potenzial darstellen, da die globale Streuung die potenziellen Chancen über die US-amerikanischen Hyperscaler hinaus verstärkt.

Der KI-Boom ist auch ein Infrastruktur-Boom

Für Anleger lassen sich aus diesen Faktoren drei zentrale Punkte ableiten:

  1. Erstens ist der KI-Boom längst ein Infrastrukturthema. Die Engpässe liegen weniger im Code als bei Kapazität, Strom und Netzanschlüssen, was etablierten Rechenzentrumsbetreibern Preissetzungsmacht und planbarere Cashflows über langfristige Verträge verschaffen kann.
  2. Der Ausbau findet auf globaler Ebene statt, sodass Energieverfügbarkeit einen Standort- und Wettbewerbsvorteil bedeutet; Chancen entstehen damit nicht nur über einzelne US-Techkonzerne, sondern entlang einer international verteilten Infrastrukturentwicklung.
  3. Die digitale Infrastruktur ist am sinnvollsten als Wertschöpfungskette zu denken – von Rechenzentren über Konnektivität bis zu Server- und Hardwareanbietern, die über ETFs breit abbildbar sind. Für Anleger gilt hier jedoch zu beachten: Die Indexlogik ist entscheidend. Daher sollte geprüft werden, welche Segmente enthalten sind, ob die thematische Relevanz klar abgegrenzt ist und ob Klumpenrisiken möglichst vermieden werden.

Autor Andrew Ye ist Investmentstratege bei Global X ETFs Europe.

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