Betriebsrente im Mittelstand: Viel Angebot – aber zu wenig Überzeugung

Foto: Cash./KI-generiert
Dr. Jürgen Bierbaum zur fehlenden Durchdringung bei der bAV: "Es scheint so ein bisschen auch das Commitment noch zu fehlen."

Die betriebliche Altersversorgung ist im Mittelstand etabliert, entfaltet aber oft nicht ihr volles Potenzial. Eine aktuelle Studie zeigt, woran es liegt und wo Unternehmen ansetzen können.

Die betriebliche Altersversorgung ist im deutschen Mittelstand längst angekommen. Kaum ein Unternehmen verzichtet heute darauf, seinen Mitarbeitenden eine Betriebsrente anzubieten. Auf den ersten Blick wirkt das wie eine Erfolgsgeschichte. Doch ein genauerer Blick zeigt: Die bAV ist zwar verbreitet – aber sie wird oft nicht konsequent genutzt. Eine aktuelle Forsa-Studie im Auftrag der ALH Gruppe bringt dieses Spannungsfeld ziemlich klar auf den Punkt.

Viel Angebot, wenig Überzeugung

„Interessant ist vielleicht, dass von den befragten Unternehmen gut 90 Prozent tatsächlich eine bAV anbieten“, sagt Dr. Jürgen Bierbaum, Vorstand der Alte Leipziger Lebensversicherung und stellvertretender Vorstandsvorsitzender der ALH Gruppe. Das klingt zunächst beeindruckend.

Doch direkt dahinter folgt die Einschränkung: „Nur 72 Prozent der befragten Unternehmen halten die bAV für wichtig oder sehr wichtig – was vielleicht auch später die Durchdringung erklärt.“ Diese Diskrepanz ist zentral. Sie zeigt: Die bAV ist in vielen Unternehmen eher Pflicht als Überzeugung. Sie gehört dazu – aber sie ist nicht unbedingt ein strategisches Instrument.

Minimum als Standard

Das wird besonders deutlich beim Blick auf die Finanzierung. Mehr als die Hälfte der Unternehmen zahlt lediglich den gesetzlichen Mindestzuschuss von 15 Prozent . Für Bierbaum ist das ein entscheidender Punkt: „Das bedeutet, die Firma zahlt netto nichts in die bAV, weil 15 Prozent ja das sind, was sie an Sozialversicherungsbeiträgen einspart.“ Und er stellt die entscheidende Frage: „Wie groß ist eigentlich das Commitment?“ Tatsächlich lässt sich die Antwort aus den Zahlen ablesen: In vielen Fällen bleibt die bAV ein Minimalmodell. Zusätzliche Arbeitgeberleistungen, die sie wirklich attraktiv machen würden, sind eher die Ausnahme.

Wenig Nutzung – wenig Überraschung

Dass die Mitarbeitenden entsprechend zurückhaltend reagieren, überrascht kaum. In rund 40 Prozent der Unternehmen nutzen weniger als 25 Prozent der Beschäftigten die Entgeltumwandlung. „Man sieht auf jeden Fall: Es gibt ein großes Angebot, aber es scheint so ein bisschen auch das Commitment noch zu fehlen“, so Bierbaum.

Seine Erfahrung aus der Praxis, sei, dass es stärkere Anreize brauche, als zu sagen: Hier kannst du Entgeltumwandlung machen und wir zahlen das gesetzliche Minimum. Die bAV wird damit zum klassischen Beispiel für ein halbherzig umgesetztes Benefit: vorhanden, aber nicht wirklich wirksam.

Arbeitgeberfinanzierung bleibt die Ausnahme

Hinzu kommt ein strukturelles Defizit: Rund 60 Prozent der Unternehmen bieten keine rein arbeitgeberfinanzierte bAV an. Dabei gilt gerade diese Form als besonders effektiv, wenn es um Mitarbeiterbindung geht. Modelle, bei denen Arbeitgeber aktiv investieren – und nicht nur gesetzliche Vorgaben erfüllen –, haben laut Bierbaum nachweislich eine deutlich stärkere Wirkung. Stattdessen dominieren Mischmodelle oder reine Entgeltumwandlung. Für viele Beschäftigte bleibt die bAV damit letztlich ein Eigenvorsorgethema.

Ein weiterer Faktor ist die Komplexität. Viele Unternehmen empfinden die bAV nach wie vor als administrativ aufwendig – etwa bei Mitarbeiterwechseln oder der Datenpflege. Auch Bierbaum sieht hier Potenzial: „Beim Thema Verringerung des Aufwands für die Unternehmen kann man sicherlich noch was machen.“ Digitale Lösungen gebe es zwar bereits, „aber da kann man noch mehr tun“. Gerade für kleinere Betriebe ist das ein entscheidender Punkt. Wo Prozesse kompliziert sind, sinkt die Bereitschaft, zusätzliche Angebote zu schaffen.

bKV: Der Herausforderer wächst

Während die bAV mit diesen strukturellen Problemen kämpft, entwickelt sich ein anderer Benefit dynamisch: die betriebliche Krankenversicherung. „Wir sind hier noch in einem relativ jungen Markt“, sagt Wiltrud Pekarek, Vorständin der Hallesche Krankenversicherung. Dennoch bewerten bereits 40 Prozent der Unternehmen die bKV als wichtigen Benefit.

Tatsächlich umgesetzt ist sie aber erst in 27 Prozent der Unternehmen. Für Pekarek ist das weniger ein Problem als vielmehr ein Hinweis auf Potenzial: „Das zeigt, dass wir noch einen großen Markt haben.“ Ein wesentlicher Grund für die Lücke ist schlicht fehlende Bekanntheit. „Rund 50 Prozent der Unternehmen sagen, sie haben sich damit noch gar nicht beschäftigt oder kennen das Thema noch nicht“, so Pekarek.

Sichtbarkeit schlägt Theorie

Ein Vorteil der bKV liegt auf der Hand: Sie ist für Mitarbeitende unmittelbar erlebbar. Gesundheitsleistungen, Vorsorge oder Budgets wirken direkt – im Gegensatz zur oft abstrakten Altersvorsorge. Das macht sie im Wettbewerb um Fachkräfte zunehmend attraktiv. Gleichzeitig zeigen beide Benefits ähnliche Effekte: höhere Arbeitgeberattraktivität, zufriedenere Mitarbeitende, stärkere Bindung . Der Unterschied liegt weniger im Nutzen als in der Wahrnehmung.

Die Studie liefert ein klares Bild: Die betriebliche Altersversorgung ist im Mittelstand fest etabliert. Doch sie bleibt häufig unter ihren Möglichkeiten. Viele Unternehmen erfüllen die formalen Anforderungen – gehen aber nicht den entscheidenden Schritt weiter. Genau dort liegt das Problem. Oder, wie es zwischen den Zeilen der Studie deutlich wird: Die Infrastruktur ist da, aber der Wille zur echten Nutzung fehlt oft.

Wenn die bAV ihre Rolle im Wettbewerb um Fachkräfte behaupten will, braucht es mehr als das gesetzliche Minimum. Mehr Arbeitgeberbeteiligung, weniger Komplexität und vor allem ein klareres Verständnis als strategisches Instrument. Sonst droht die Betriebsrente, zu dem zu werden, was sie in Teilen schon ist: ein Standard ohne echte Strahlkraft.

Weitere Artikel
Abonnieren
Benachrichtigen bei
0 Comments
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen