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KI-Boom hat auch die Schwellenländer erfasst

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Andreas Döring, Union Investment

Schwellenländer-Aktien sind stark ins Jahr gestartet, wurden zuletzt aber von höheren Energiekosten gebremst. Dennoch sprechen mehrere Faktoren weiter für die Märkte – von KI über Rohstoffe bis zur Geldpolitik. Entscheidend ist nun, ob der Energieschock nur vorübergehend bleibt.

Die Aktienmärkte in Taiwan und Südkorea haben das Jahr mit einer fulminanten Kursentwicklung begonnen. Durch den Krieg im Nahen Osten und die sprunghaft gestiegenen Energiekosten wurden sie jedoch zwischenzeitlich ausgebremst. Auch Brasilien, Südafrika und Osteuropa bieten Chancen, dabei ist Künstliche Intelligenz in den Emerging Markets ein wesentlicher Treiber.

Die Wertentwicklung von Schwellenländer-Aktien war bis zum Angriff auf den Iran beachtlich. Allein im Jahr 2025 haben sie, in Euro umgerechnet und gemessen am MSCI EM-Index, um rund 18 Prozent zugelegt und sind auch sehr gut ins Jahr 2026 gestartet. Zum Vergleich: Der US-Aktienmarkt (S&P 500-Index) kam im vergangenen Jahr auf ein mageres Plus von knapp vier Prozent. Auf einem Höhenflug befanden sich im Januar und Februar vor allem die Börsen in Taiwan und Südkorea. Jetzt stehen die Schwellenländer-Märkte wegen ihrer großen Abhängigkeit von Energieimporten und der drastisch gestiegenen Kosten unter Druck. Trotzdem bleiben die Emerging Markets interessant.


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Die wesentlichen Treiber

Wie immer unterscheiden sich die Sichtweisen auf die Situation in den Schwellenländern – aber es gibt aktuell einige wesentliche gemeinsame Treiber. Da ist zum einen das Thema Künstliche Intelligenz (KI) zu nennen, von dem vor allem die Märkte in Taiwan und Südkorea profitieren. Dortige Chiphersteller haben durch die enorme Nachfrage nach KI-tauglichen Halbleitern eine Sonderkonjunktur. Angesichts des enormen Gewinnwachstums, das sich daraus ableitet, sind zahlreiche asiatische Chiphersteller aktuell weiterhin günstiger bewertet als entsprechende KI-bezogene Aktien aus den USA oder Europa.

Ein zweiter wichtiger Treiber ist der Trend, dass internationale Anleger aufgrund der erratischen Politik der US-Regierung unter Donald Trump vermehrt Anlagegelder aus dem US-Dollar umschichten. Das lässt sich auch an den Zuflüssen in die Schwellenländer ablesen. Dazu beigetragen hat die veränderte Wahrnehmung dieser Märkte seit der Corona-Pandemie. Die Volkswirtschaften vieler Emerging Markets, etwa von Brasilien oder auch Osteuropa, sind durch beherztes Eingreifen der Notenbanken gut durch die pandemiebedingte Krise und damit verbundene steigende Inflationsraten gekommen. Entgegen ihrer früheren Wahrnehmung als instabile Gebilde, die stark von externen Kapitalströmen abhängen und damit eine höhere Schwankungsbreite in der Entwicklung ihrer Vermögenswerte zeigen, haben sich große Schwellenländer als relativ widerstandsfähig erwiesen.

Unterstützend wirken auch die gestiegenen Rohstoffpreise, von denen viele Schwellenländer als Netto-Exporteure profitieren. Beim brasilianischen Markt kamen bis zum Krieg im Nahen Osten ferner gedämpfte Teuerungsraten dazu. Entsprechend lockert die dortige Notenbank ihren restriktiven geldpolitischen Kurs etwas. Allerdings tut sie das weniger als zunächst erwartet, denn die höheren Energiekosten verursachen einen Preisauftrieb. Doch die Zinssenkungen sorgen für Rückenwind auch bei Unternehmen mit hoher Verschuldung wie dem Versorgersektor. Ein ähnliches Bild zeigt sich in Südafrika.

China, Osteuropa und Südafrika bieten Chancen

Ähnlich wie Brasilien ist auch China in der Gunst der internationalen Investoren wieder gestiegen. So hat das chinesische Start-Up DeepSeek gezeigt, dass China beim Thema KI wettbewerbsfähig ist. Zudem gestaltet die chinesische Zentralbank ihre Geldpolitik so, dass ein unterstützendes Finanzumfeld entsteht, etwa durch flexible Zinssenkungen. So sollen in Abstimmung mit der Fiskalpolitik aus Peking die Finanzierungskosten für Unternehmen sinken und die anhaltende Schwäche der Binnennachfrage bekämpft werden. China ist aber vor allem themenbezogen interessant – die Konjunkturprobleme stehen einer durchgreifenden gesamtwirtschaftlichen Erholung noch im Weg

Umfeld für Schwellenländer im Jahr 2026

Wenn der Konflikt in der Golfregion zeitnah endet, bleiben die Auswirkungen auf Inflation und Konjunktur durch den Angebotsschock im Energiemarkt von vorübergehender Natur. In diesem Fall dürften die großen Notenbanken durch den Anstieg der Teuerung „hindurchschauen“ und ihre Geldpolitik nicht anpassen. Dann ist damit zu rechnen, dass die US-Notenbank Federal Reserve in diesem Jahr noch zwei Mal die Leitzinsen senken wird. Davon profitieren die Schwellenländer, weil sie häufig in US-Dollar verschuldet sind. In Kombination mit einer eher lockereren Geldpolitik in vielen Emerging Markets sowie einem stabilen Wachstum in den USA schafft dies ein unterstützendes Umfeld. Kommt es auch in der Realwirtschaft zu mehr Wachstum, dürfte dann auch die zweite Reihe von Unternehmen aus den Schwellenländern stärker profitieren. Unter diesen Voraussetzungen ist durchschnittlich ein zweistelliges Gewinnwachstum bei den Firmen möglich. Die gute Kursentwicklung von Schwellenländeraktien könnte damit weitergehen. Trotz der kräftigen Kurssteigerungen 2025 und zu Beginn des laufenden Jahres sind Schwellenländer-Aktien angesichts des möglichen kräftigen Gewinnwachstums auch in der Breite nicht teuer – zumal die Kurse zuletzt wegen der Energiekosten deutlich nachgegeben haben. Auch dürften viele Emerging Markets in ihrer neuen Rolle als globale Mittelmächte verstärkt von neuen Kooperationen bei der Erschließung von Ressourcen und neuen Handelspartnerschaften profitieren.

Autor Andreas Döring ist Portfoliomanager bei Union Investment.

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