Frevelhafte Frage: Wie lange hält Italien den Euro noch aus?

Bei Mario Draghis heldenhaftem Eingreifen kommt es allerdings zu gewaltigen stabilitätspolitischen Risiken und Nebenwirkungen. Wenn die Regierung in Rom zu Schnäppchenpreisen Staatsschulden machen kann, hat sie noch weniger Anreize, dringend notwendige Reformhausaufgaben zu machen. Warum sollte sich Italien auch selbst bewegen, wenn die EZB Italien fremd bewegt? Doch leider sind Unternehmen nicht gezwungen, in diese Reformwüste zu investieren. Die Unternehmen werden sogar aus Italien wie Touristen vor den Tauben auf dem Mailänder Domplatz fliehen. Denn andere Länder haben auch schöne und sogar schönere Industriestandorte. Wird die Wirtschaftslage über diesen Exodus dann noch schlechter, müssen noch mehr Staatsschulden gemacht werden, die die EZB noch weiter finanzieren muss und die die Regierung veranlasst, noch weniger Reformen zu machen.

Insgesamt werden die italienischen Perspektiven für Arbeitsplätze oder Rente also selbst durch Marios Aufputschmittel der Marke „Wer Schulden-Sorgen hat, hat auch geldpolitischen Likör“ nicht besser, sondern sogar schlechter. Das süße Gift des Alkohols wirkt langsam, aber es wirkt. Und wenn die EZB mit ihrer Liquiditätsdroge gemäß dem Motto „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ den für den italienischen Staatshaushalt tödlichen Zins und Zinseszinseffekt immunisiert, infiziert dies gleichzeitig leider auch italienische Zinssparer mit Altersarmut.

Der kalte geldpolitische Entzug ist leider nicht mehr möglich, selbst dann nicht, wenn der übermäßige Alkoholkonsum zu Inflation führt. Denn wenn die Kreditzinsen nüchtern steigen, steht Italia bald emotional ohne Bella da. Dann trifft Cäsar auf Brutus.

Also, wie lange hält Italien den Euro noch aus? Ohne konsequenten Reformwillen hält das Land die Gemeinschaftswährung nur mit dem Liquiditäts-Likör der EZB aus. Trotzdem wird sich der Euro-feindliche Kater danach nicht vertreiben lassen. Denn ohne wirtschaftliche Perspektive kein nachhaltiges dolce vita für Italien.

Immerhin, die Edelmetallanleger können auf so viel Instabilität anstoßen. Wenn einem so viel „Schönes“ wird beschert, das ist schon einen italienischen Prosecco wert. Salute Matteo Renzi, Salute Mario Draghi!

Robert Halver leitet die Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank. Mit Wertpapieranalyse und Anlagestrategien beschäftigt er sich seit Abschluss seines betriebswirtschaftlichen Studiums 1990. Halver verfügt über langjährige Erfahrung als Kapitalmarkt- und Börsenkommentator. Er ist aus Funk und Fernsehen bekannt und schreibt regelmäßig für Cash.

Foto: Baader Bank

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