Rüstungsboom mit Nebenwirkungen: WTW sieht neue Risiken

Silja-Leena Stawikowski, Willis
Foto: WTW
Silja-Leena Stawikowski

Weltweit steigen die Verteidigungsausgaben, doch für Rüstungsunternehmen wächst damit nicht nur die Nachfrage, sondern auch das Risiko. Ein neuer Report von WTW zeigt, wo strukturelle Engpässe und geopolitische Spannungen zur Belastungsprobe werden.

Geopolitische Spannungen und eine Zunahme gewalttätiger Konflikte zwischen Staaten treiben die globalen Verteidigungsausgaben nach oben. Doch der Aufrüstungstrend bringt für Unternehmen der Branche nicht nur volle Auftragsbücher, sondern auch neue wirtschaftliche Risiken. Zu diesem Ergebnis kommt der Report „Neue wirtschaftliche Risiken im Verteidigungssektor managen“ von Willis, einem Geschäftsbereich von WTW.

Für die Analyse befragte das Beratungsunternehmen gemeinsam mit Oxford Analytica Führungskräfte aus der Verteidigungsindustrie in Nordamerika, Europa und Australien. Im Fokus stehen fünf zentrale Risikofelder, die operative Abläufe, Investitionsentscheidungen und strategische Partnerschaften zunehmend prägen.

„Nachdem wir in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren ein historisches Tief an staatlichen Konflikten erlebt haben, hat sich das Blatt zuletzt gewendet. Staatliche Gewalt hat spürbar zugenommen und löste damit einen starken Anstieg der Verteidigungsausgaben sowie eine Neuordnung globaler Lieferketten im Rüstungssektor aus“, sagt Silja-Leena Stawikowski, Senior Account Manager Special Risk bei Willis. „Für Marktteilnehmer bedeutet diese neue Risikolandschaft erhebliche Auswirkungen auf operative Prozesse und die strategische Planung.“


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Trotz wachsender Nachfrage stößt die Branche laut Report an strukturelle Grenzen. Produktionskapazitäten sind vielerorts ausgelastet, zugleich hapert es an internationaler Abstimmung. Besonders deutlich wird das Spannungsfeld zwischen nationaler Souveränität und gemeinsamer Ressourcenbündelung.

Die Verteidigung sei eines der klarsten Symbole nationaler Souveränität, betont einer der befragten US-Manager. Gleichzeitig ließen sich Programme effizienter umsetzen, wenn Staaten enger kooperierten. „Regierungen befinden sich in einem Dilemma: Sie müssen abwägen, ob sie gemeinsam und effizienter handeln oder ihre Unabhängigkeit wahren wollen“, sagt Stawikowski.

Hinzu kommen wachsende handelspolitische Risiken. Zwar wurde der Handelsfrieden zwischen den USA und China im November 2025 verlängert, doch die Unsicherheit bleibt. Die USA versuchen, ihre Abhängigkeit in strategischen Schlüsselindustrien zu reduzieren. Gleichzeitig besteht das Risiko chinesischer Gegenmaßnahmen, etwa durch Beschränkungen beim Export kritischer Rohstoffe wie Seltene Erden, Chips oder elektronischer Bauteile. Neue oder wieder aufflammende Zollkonflikte mit Ländern wie Brasilien, Indien, Mexiko oder Kanada könnten die Lage zusätzlich verschärfen. Steigende Kosten und fragile Lieferketten wären die Folge.

Abhängigkeiten, Schulden und Reindustrialisierung

Ein weiteres zentrales Risiko liegt in der Abhängigkeit von China. Der Ukraine-Krieg habe offengelegt, wie stark westliche Staaten auf chinesische und russische Rohstoffe angewiesen sind, so ein Befragter. Eine weitere Verschlechterung der Beziehungen oder ein regionaler Konflikt in Asien, etwa im Umfeld von Taiwan oder in Südostasien, könnte Handelswege stören und Produktionsprozesse beeinträchtigen.

Zugleich geraten staatliche Haushalte unter Druck. Die hohen Schulden infolge der Corona-Pandemie schränken den finanziellen Spielraum vieler Regierungen ein. Langfristige Investitionen in zusätzliche Produktionskapazitäten sind jedoch erforderlich. Es besteht das Risiko sogenannter Phantom-Ausgaben: zugesagte Aufträge bleiben aus, obwohl Unternehmen bereits investiert haben. Der Ausbau europäischer Produktionsanlagen kann teilweise Jahrzehnte in Anspruch nehmen. „In Anbetracht der dynamischen politischen Entwicklungen stellen derartige Investitionen ein hohes finanzielles Risiko für Regierungen dar“, sagt Stawikowski.

Schließlich rückt die Reindustrialisierung in den Fokus. Die USA treiben den Wiederaufbau industrieller Kapazitäten auch aus sicherheitspolitischen Gründen voran, unter anderem durch Zölle. In vielen anderen westlichen Staaten erschweren jedoch geschwächte Industriestrukturen den Kurs. Zudem ist offen, ob neue Marktteilnehmer im Verteidigungssektor rasch wettbewerbsfähige Kapazitäten aufbauen können.

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