Teufelskreis der Angst

Foto: Verena Reinke
Mareike Fell

Lampenfieber bei Online-Präsentationen – klingelt da was bei Ihnen? Dann lesen Sie unbedingt weiter! Die Fürstenberg-Kolumne mit Mareike Fell

Na? Wie geht es Ihnen? Wo erwische ich Sie gerade? Ich möchte Ihnen heute einen Fall aus meiner Beratung* vorstellen, wie er mir am Fürstenberg Institut immer wieder begegnet:

Fallbeispiel Lampenfieber: Während Corona findet das Leben plötzlich online statt. Das ist dem Lampenfieber aber egal. Vorträge und Präsentationen wollen gehalten werden! Was also tun?

Frau M. hatte im neuen Jahr eigentlich Großes vor! Im Zuge der Coronakrise ist ihr tatsächlich ein toller Karriere-Schritt gelungen: Aus der Sachbearbeitung in die Öffentlichkeitsarbeit! Die Coronakrise machte es möglich – nein, sogar nötig! Denn es galt, möglichst schnell viele Informationen online an die Öffentlichkeit zu bringen.

Aber nun bereut sie diesen Schritt: Schon Nächte vor Online-Präsentationen kann sie nicht schlafen, hat am Tag selbst Herzrasen, zittert und verliert den Faden. Das ist ihr jedes Mal so peinlich, dass sie sogar errötet! Und dann hektische Flecken im Dekolleté bekommt. Dagegen kann sie gar nichts machen! Frau M. kommen die Tränen. Im Kontakt mit ihren Kolleg*innen versucht sie ihre Schwierigkeiten zu verbergen, was sie jedoch viel Kraft kostet. Und es funktioniert auch nicht: Sie ist unkonzentriert, vergesslich, gereizt und weniger effektiv. Frau M. hat auch schon das Gefühl, dass ihr Chef seine Entscheidung bereut.

Was Frau M. mir hier beschreibt ist der Teufelskreis der Angst, aus dem es sehr schwer ist, sich selbst zu befreien. Es handelt sich um eine sogenannte nicht-generalisierte soziale Phobie, einer Untergruppe der sozialen Angststörungen, die punktuell auftritt und zunächst auch nicht behandlungsbedürftig ist.

Mit Frau M. setze ich ganz vorne an, bei der Wissensvermittlung: Grundsätzlich ist das Lampenfieber ein toller Trick unseres Körpers, uns auf ein (vermeintliches) Wagnis vorzubereiten und löst durch Adrenalin und Noradrenalin die typischen Stress-Symtome aus, die uns leistungsfähiger, schneller und konzentrierter sein lassen und uns auf Flucht oder Kampf vorbereiten – oder eben auf den bevorstehenden Online-Vortrag.

Handlungsbedarf besteht erst dann, wenn uns das Lampenfieber nicht mehr pusht, sondern uns die dahinter liegende Angst lähmt und uns Gefühle der Ohnmacht und Hilflosigkeit überrollen. Ab hier redet man auch von einer echten Angststörung, die besser früher als später behandelt werden sollte, damit sie sich nicht chronifiziert und zu echten körperlichen Krankheiten bis hin zu einer Depression führt.

Ich rede mit Frau M. darüber, ihr vermutetes Risiko, sich zu blamieren oder Fehler zu machen realistisch einzuschätzen. Hier zeigt sich auch Frau M.s Angst, der Reaktion, bzw. der Be- und Verurteilung ihrer Person oder Leistung durch andere, oft fremden Personen hilflos ausgeliefert zu sein.
Das Erkennen und Bearbeiten dieser Frau M.s Lampenfieber zugrunde iegenden mentalen Ursachen ist wichtiger und zielführender als die reine Arbeit am Umgang mit den körperlichen Stresssymptomen, die mit dem Lampenfieber einhergehen: eben Ursachenbehandlung und nicht Symptombehandlung.

Eine Kombination beider ist jedoch am wirkungsvollsten und so gebe ich Frau M. noch eine Handvoll praktischer, einfach anzuwendender Tipps zur Stressreduktion sowie eine Beobachtungsaufgabe als Hausaufgabe mit: Sie möge bitte die Tools mal ausprobieren und beobachten, welches der Hilfsmittel am stärksten wirkt.

Frau M. ist begeistert! Ihr gefällt, dass sie nun etwas gegen ihr Lampenfieber tun kann und ihm nicht mehr hilflos ausgeliefert ist. Sie habe jetzt ein gutes Gefühl. Es sei verrückt, aber gerade freue sie sich schon darauf, ihr neues Wissen bei der nächsten Online-Präsentation anzuwenden.

Hier meine Tipps auch für Sie:

  • Nutzen Sie jede Gelegenheit, zu üben! Routine verschafft Ruhe und Sicherheit.
  • Entwickeln Sie Ihr ganz individuelles Ritual, das Ihnen Sicherheit und Ruhe gibt.
  • Laufen Sie! Kurz vorher oder am selben Morgen. Das verschafft Ihnen einen „Cortisol-Puffer.“
  • Gehen Sie in die Tiefenatmung: langsam ausatmen – Pause – einatmen – Pause.
  • Nutzen Sie Techniken wie das EMDR (Eye Movement Desensitization Reprocessing) oder EFT (Emotional Freedom Techniques, auch bekannt als Klopftechnik) – sie lösen unterbewusst wirkende Glaubenssätze auf.
    Visualisieren Sie Ihren Erfolg statt Misserfolge zu erinnern: Der Fokus auf ein Ziel richtet Sie auf die Lösung aus.
  • Und holen Sie sich unbedingt Hilfe, wenn Sie Ihr Lampenfieber nicht von allein in den Griff bekommen! Es bietet sich eine Kombination an aus selbstreflexiven und mentalen Techniken zusammen mit körperorientierten Techniken an wie zum Beispiel Atem- und Entspannungsübungen an.

*Der Fall wurde mit dem Einverständnis der Betroffenen anonymisiert.

Autorin Mareike Fell ist systemischer Coach und Heilpraktikerin für Psychotherapie und ist als Beraterin und Trainerin in der externen Mitarbeiterberatung für das Fürstenberg Institut tätig. Internet: www.fuerstenberg-institut.de 

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