Die Inflation ist nicht auf Dauer besiegt

Vor der EZB-Sitzung am Donnerstag fragt sich Darren Williams von Alliance Bernstein, ob Europa die Inflationswende bevorsteht. Aus seiner Sicht gibt es einige Argumente, die dafür sprechen. Es sei gefährlich zu glauben, dass die Inflation besiegt ist. Gastbeitrag von Darren Williams, Alliance Bernstein

Darren Williams ist Director of Global Economic Research, beim Asset Manager AllianceBernstein (AB)
Darren Williams: „Und weil der zyklische Inflationsdruck ebenfalls wächst, wäre es gefährlich für Anleger anzunehmen, die Inflation sei auf Dauer besiegt.“

Die jüngsten Wirtschaftsdaten haben den Druck auf die Europäische Zentralbank gemindert, auf der Ratstagung am 26. April eine Änderung der Zinspolitik zu verkünden. Die schwächere Kerninflationsrate vom März dürfte jedoch nach dem Sommer wieder ansteigen. Es bleibt also keine Zeit für Selbstgefälligkeit.

EZB steckt in Zwickmühle

Nach unserer Einschätzung befinden wir uns derzeit an einem Punkt struktureller Änderungen, die die Inflation nach oben drücken werden. Handelskriege wie der zwischen den Vereinigten Staaten und China und eine populistische Agenda bei einigen europäischen Parteien könnten die Inflation zusätzlich ankurbeln.

Die Europäische Zentralbank (EZB) steckt in einer Zwickmühle: Einerseits muss sie dafür sorgen, dass die quantitative Lockerung reibungslos dem Ende zugeht, es also nicht zu einem Taper-Tantrum kommt, zugleich besteht die Gefahr, dass sie zu spät auf die steigende Inflation reagiert.

Strukturelle Gründe für niedrige Inflation

Es wurde viel geschrieben, warum die Inflation in den vergangenen Jahren so niedrig war. Oft wird vergessen, dass die Inflation schon länger auf einem geringen Niveau verharrt. So liegt die Kerninflationsrate in den entwickelten Ländern derzeit bei rund 1,4 Prozent, kaum ein Unterschied zu den durchschnittlichen 1,5 Prozent der vergangenen 20 Jahre.

Die nominale Inflation lag von 1998 bis 2017 im Durchschnitt bei 1,7 Prozent, nur leicht unter dem aktuellen Wert von 1,9 Prozent.

Dass die Inflation bereits so lange niedrig ist, weist auf strukturelle Faktoren hin. Globalisierung, technologischer Wandel, Demographie und Verschuldung haben ihren Beitrag geleistet. Doch dies ändert sich. Nicht so sehr im Technologiebereich: Internet, Automatisierung und Robotik werden noch auf Jahre hinaus preisdämpfend wirken. Aber die restlichen Faktoren sind im Umbruch.

Inflationsdruck steigt

Demographische Trends haben in den vergangenen Jahrzehnten stets inflationsmindernd gewirkt. Das liegt daran, dass das Verhältnis von Menschen im arbeitsfähigen Alter (Produzenten) zur Gesamtbevölkerung (Verbraucher) in der entwickelten Welt seit den 1960er Jahren stetig gestiegen ist. Doch nun haben wir in den Industriestaaten einen Wendepunkt erreicht: Dieses Verhältnis fällt und bewirkt wiederum konstanten Inflationsdruck.

Seite zwei: Inflation ist unberechenbar

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