21. November 2019, 05:40
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Kein Tabu mehr: Minuszinsen ab dem ersten Euro

Das viele billige Geld der Europäischen Zentralbank hat nicht nur positive Auswirkungen – das bekommen immer mehr Bankkunden zu spüren. Europas Währungshüter zeigen sich sensibilisiert.

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Die Minuszinsen der Europäischen Zentralbank (EZB) treffen immer mehr Bankkunden in Deutschland – egal ob Unternehmer oder Privatanleger.

Dass Nullzins und Strafzinsen auch Schattenseiten haben, erkennen mittlerweile selbst Europas Währungshüter an. Die EZB sieht sogar das Risiko, dass das Zinstief mittelfristig zum Risiko für die Finanzstabilität im Euroraum werden könnte.

Nebenwirkungen der Geldpolitik immer offensichtlicher

“Die Nebenwirkungen der Geldpolitik werden immer offensichtlicher, das müssen wir berücksichtigen”, sagte EZB-Vizepräsident Luis de Guindos bei der Vorstellung des aktuellen Finanzstabilitätsberichts der Notenbank am Mittwoch in Frankfurt. “Wir müssen uns mehr auf die Nebenwirkungen konzentrieren.”

Nach Einschätzung der EZB haben die Risiken und Herausforderungen für die Finanzstabilität im Euroraum zugenommen – auch wegen der Nullzinspolitik. “Während das Niedrigzinsumfeld die Gesamtwirtschaft stützt, stellen wir auch eine steigende Bereitschaft fest, Risiken einzugehen”, erklärte de Guindos. “Dies könnte mittelfristig zu Herausforderungen für die Finanzstabilität führen.”

Leitzins seit März 2016 bei null Prozent

Der Leitzins im Euroraum liegt seit März 2016 auf dem Rekordtief von null Prozent. Die Negativzinsen von derzeit 0,5 Prozent, die die Zentralbank zudem verlangt, wenn Banken Gelder bei ihr parken, fressen sich zunehmend durchs Finanzsystem. Vor allem Investmentfonds und Versicherer könnte das Umfeld nach Einschätzung der EZB-Experten dazu verleiten, übermäßige Risiken einzugehen.

Für die Banken im Euroraum bleibt das Zinstief eine Last, denn ihnen brechen die Erträge weg. Die Negativzinsen der EZB sind zudem eine Milliardenbelastung für die Branche, auch wenn es neuerdings Freibeträge gibt.

Immer mehr Institute sehen sich gezwungen, von ihren Kunden Negativzinsen zu kassieren. Die Commerzbank berechnet sie einem kleinen Teil ihrer 70.000 Firmenkunden nun bereits ab dem ersten Euro.

Ebenso macht es seit dem 1. Oktober die Volks- und Raiffeisenbank im oberbayerischen Fürstenfeldbruck – allerdings bei Tagesgeldkonten neuer Privatkunden. “Wir gehen proaktiv auf unsere Firmenkunden zu, um für dieses Thema gemeinsam tragfähige Lösungen zu finden”, erklärte die Commerzbank.

Reiche Privatkunden zur Kasse gebeten

Einige Institute bitten auch besonders reiche Privatkunden im Zusammenhang mit dem Minuszins zur Kasse. Commerzbank-Finanzvorstand Stephan Engels hatte vor zwei Wochen angekündigt, dass die Bank das Gespräch mit Kunden suchen werde, die deutlich mehr als eine Million Euro auf ihrem Bankkonto haben. “Wir wollen die Kunden nicht vertreiben, sondern wir wollen ein Problem, das wir alleine nicht mehr tragen können, vernünftig managen”, begründete Engels.

Paradoxe Folgen der Niedrigzinspolitik

Das Vorgehen der Volksbank Fürstenfeldbruck demonstriert nach Ansicht des Genossenschaftsverbands Bayern (GVB) die paradoxen Folgen der Niedrigzinspolitik der EZB: Banken versuchen, mit Hilfe von Negativzinsen neue Kunden abzuwehren, die Geld anlegen wollen. Denn viele Institute haben ohnehin einen Überhang an Einlagen und haben bereits Schwierigkeiten, diese Gelder rentierlich anzulegen.

GVB-Präsident Jürgen Gros nimmt seine Kollegen in den Ortsbanken in Schutz: “Faktisch aber geht es darum, gegenüber Neukunden ein Signal zu setzen, deren Einlagen Kosten verursachen würden”, sagte Gros der Deutschen Presse-Agentur. Die Volks- und Raiffeisenbank Fürstenfeldbruck wolle ihre Bestandskunden ausdrücklich schützen.

Die seit 1. November amtierende EZB-Präsidentin Christine Lagarde hatte bereits vor ihrem Amtsantritt deutlich gemacht, dass sie eine sehr lockere Geldpolitik auf absehbare Zeit für nötig hält. Lagarde hatte aber auch gesagt: “Wir müssen die negativen Folgen und Nebeneffekte im Blick behalten.” Die Sorgen der Menschen müssten beachtet werden. Außerdem wolle sie die Entscheidungen der Notenbank künftig besser erklären. An diesem Freitag (22.11.) wird Lagardes erste programmatische Rede seit ihrem Antritt bei der EZB erwartet. (dpa-AFX)

Foto: Shutterstock

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